Konzertkritik

The Les Clöchards wühlen im Reservoir der Rockgeschichte

Die Showband The Les Clöchards legt in der ausverkauften Bar jeder Vernunft einen furiosen Abend hin. Hemmungslos bedienen sie sich an ihren eigenen Lieblingshits und schaffen so neue Kunstwerke.

Foto: Nick Callaghan

Der Kontrabassist steht im Bühnennebel und streicht eine wohlige Melodie von Johann Pachelbel aus den Saiten. Langsam erscheinen seine Kollegen an Stimme, Saxophon, Gitarre und Schlagwerk. Der Sänger singt „ Guess who just got back today? Them wild-eyed boys that had been away…“ Das kommt einem zwar irgendwie bekannt vor, aber was ist das gleich noch mal für eine Ballade? Plötzlich wechselt die Band in einen pulsierenden Reggae-Groove, schließlich in einen treibenden Ska-Rhythmus. Natürlich, das ist „The Boys Are Back In Town“ von Thin Lizzy. Aber so hat man diesen Rock-Klassiker noch nie gehört.

Da sind wir schon mittendrin in der Berlin-Premiere der furiosen Showband The Les Clöchards, und die Besucher in der ausverkauften Bar jeder Vernunft sind längst aus dem Häuschen über die hochmusikalische Frechheit, mit der diese fünf zerlumpten Gestalten im Reservoir der Rockgeschichte wühlen. Wie sie die Charts der Vergangenheit plündern und sich ihre Beute zu eigen machen. Nein, das ist keineswegs eine dieser üblichen Cover-Bands. Diese Burschen haben sich ihren eigenen Mythos geschaffen, um sich hemmungslos an ihren Lieblingshits bedienen zu können.

Jedes Lied hätten sie selbst geschrieben, behaupten sie keck

„Wir stammen von einer kleinen Insel vor der Küste von Korsika“, erzählt Sänger Dregue Sbaeg in wenig akzentfreiem Englisch. „Und wir haben uns vorgenommen, Rockstars zu werden.“ Er wird noch öfter den charmanten, leicht schüchternen Plauderer spielen. Verdreckt, verlottert und in zerrissenen Klamotten stehen sie auf der stets benebelten Bühne und behaupten von jedem Lied keck, dass sie es selbst geschrieben haben. Nur hätten ihnen dauernd irgendwelche anderen Musiker die Stücke geklaut und als ihre eigenen ausgegeben. Soweit der Mythos.

Diese Clöchards sind exzellente Musiker, die sich mit Charme und Chuzpe ihren eigenen kleinen Kosmos erlogen haben. Und das macht ungeheuren Spaß. Mal abgesehen von einer schon historischen Phillicorda-Orgel sind sie rein akustisch ausgerüstet. Das Schlagzeug sieht aus wie selbst gebastelt, der Gitarrist spielt eine Dobro, es gibt einen abgenutzten Kontrabass, Melodica und Saxophon. Beste Voraussetzungen für Straßenmusiker, und genau da kommen sie nach eigenen Angaben auch her. Nur haben sie sich inzwischen vorgenommen, die Club- und Festivalbühnen Europas zu erobern.

Nicht immer erkennt man die Stücke sofort

Die Songauswahl ist mutig und nicht immer erkennt man die Stücke sofort, denn die Arrangements, die diese rastlosen Clochards ihnen verpasst haben, sind von eigensinniger Bravour. Mit „It’s A Long Way To The Top (If You Wanna Rock’n’Roll)“ von AC/DC hatten sie den Abend voller Überraschungen eröffnet. Wie überhaupt ein Hang zu Hardrock-Songs unverkennbar ist. Aus dem Motörhead-Kracher „Ace of Spades“ wird ein karibischer Partyreggae, Metallicas „Nothing Else Matters“ ist hier ein Countrysong und Iron Maidens „666 The Number of The Beast“ wird später im Zugabenteil zu einer nur von der Gitarre begleiteten, wunderschönen Ballade.

Groß auch die Version von „Do You Love Me“ von Kiss, die sie kurzerhand mit dem Funkbeat aus dem Song „Kiss‘“ von Prince vereinen. Dann wieder gibt es „I Kissed A Girl“ von Katy Perry oder eine Blues-Version von Madonnas „Like A Virgin“. Man mag sich gar nicht satt hören an den immer neuen Kapriolen dieser selbsternannten Korsen. Ständig ist Bewegung auf der Bühne. Diese Show ist dramaturgisch schlau durchinszeniert, doch immer spürt man den Spaß, den diese Vollblutmusiker, die im wahren Leben aus der Gegend um Speyer kommen, bei ihrer Charade haben.

The Les Clöchards überzeugen durch hohe Musikalität

Schon immer hat es ausgefuchste Musiker gegeben, die sich ihre eigene Biografie gezimmert haben, ob Dread Zeppelin, Spinal Tap, die Leningrad Cowboys oder The BossHoss. Die Musikkomödianten von The Les Clöchards reihen sich da mühelos ein. Und überzeugen durch hohe Musikalität und spielerische Energie. Und durch ein fabelhaftes Repertoire, das auch vor einer französischen Version des Affenkönig-Lieds aus Disneys „Dschungelbuch“ nicht Halt macht. Diese Rock-’n’-Roll-Landstreicher sind ein Erlebnis. Im Januar kehren The Les Clöchards zurück in die Bar. Man sollte sie nicht versäumen.

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