Gegenüber wächst eine Wiese, etliche Hochhäuser sind in Sicht, nur die nächste U-Bahn-Station nicht. Die Berlinische Galerie hat an der Alten Jakobstraße 124 in Kreuzberg keine Traumlage, dazu ist vor der Haustür zu wenig los. Das Laufpublikum fehlt. Museumschef Thomas Köhler stört das nicht. Denn trotz der abseitigen Lage im Rücken des Jüdischen Museums haben viele Berliner und doppelt so viele Nichtberliner den Weg zum früheren Glaslager gefunden.
Seit 2008 arbeitet Köhler in der Berlinischen Galerie. Er kam als Vizechef, 2010 ist er aufgestiegen zum Direktor. Seitdem hat sich im Landesmuseum, das als Stiftung organisiert ist, die Besucherzahl extrem erhöht: Im Jahr 2007 kamen 65.000 Besucher, 2012 waren es 160.000. „Auch 2013 läuft gut“, sagt Köhler. Bis Jahresende rechnet er mit noch mehr Andrang. Denn am 24. Oktober eröffnet die Ausstellung „Wien-Berlin“.
Die Schau verbindet Bekanntes und Neu-Entdecktes
Ein „Kraftakt“ sei deren Vorbereitung gewesen, sagt Köhler. Thema sind die Berliner und die Wiener Secessionen, der Expressionismus, die Neue Sachlichkeit, ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Schließlich sind die Wiener Künstler Gustav Klimt und Egon Schiele weltberühmt, die Berliner Secessionisten wohl etwas weniger, obwohl der Name Max Beckmann seinen Klang hat.
Gleichwohl litten die Wiener darunter, dass man sie immer nur auf Klimt und Schiele reduziere, sagt Köhler. Die Ausstellung kann das ändern. Werke dieser Künstler sind auch vertreten, etwa Klimts „Bildnis der Johanna Staude“. Daneben hängt die Bluse, die Staude auf dem Bild trägt. „Die echte Bluse“, betont Köhler.
Die Kombination verdeutlicht Bezüge zwischen Mode und Kunsthandwerk. Überhaupt verbindet die Schau Bekanntes mit Neu-Entdecktem. Dazu gehört das „Träger-Leger-System“ des Architekten Friedrich Kiesler, eine Vorrichtung, auf der Bilder und andere Objekte montiert werden können.
Immer auf der Suche nach Förderern
Zeitlich umfasst „Wien-Berlin“ 40 Jahre. „1933 ist Schluss“, sagt Köhler. Das hat auch finanzielle Gründe: Rund eine Million Euro kostet die Ausstellung, für die fünf Wissenschaftler monatelang forschten. Es ist Köhlers teuerste Schau. „Im Schnitt kostet uns eine Ausstellung 170.000 bis 250.000 Euro.“ Das Geld muss er selbst besorgen. Das Land gibt dieses Jahr 5,3 Millionen Euro, die Summe deckt die Ausgaben für Personal und den Betrieb ab.
Folglich ist der Direktor immer auf der Suche nach Förderern, spricht beim Hauptstadtkulturfonds vor, bei Firmen und anderen potenziellen Geldgebern. Möchte er ein Bild kaufen, beantragt er Lottomittel oder greift auf Einnahmeüberschüsse zurück, wenn es welche gibt. „Einen Etat für Ankäufe haben wir nicht“, sagt Köhler. Aber es gibt Freunde. Rund 1400 Mitglieder hat der Förderverein der Berlinischen Galerie. In der Berliner Museumsszene seien, so Köhler, nur die Freunde der Nationalgalerie mit etwa 1700 Mitgliedern stärker.
Galerie entstand aus bürgerlichem Engagement
Die Berlinische Galerie ist ein Museum, das in den 70er-Jahren aus bürgerlichem Engagement entstand. Man wollte Künstler und Kulturgüter in der geteilten Stadt halten. Damals, in seiner Jugend, lebte Köhler in Frankfurt am Main, seine Patentante wohnte in Charlottenburg, am Schloss, nahe dem damals in der Gegend einquartierten Ägyptischen Museum. Köhler liebte das Haus, die Nofretete. Ägypten und Griechenland wurden seine Sehnsuchtsländer, Archäologe sein Traumberuf.
Nach dem Abitur kam es anders. Köhler konzentrierte sich auf Kunstgeschichte und Romanistik, immerhin blieb die klassische Archäologie als Nebenfach im Rennen. Köhler studierte in Frankfurt und Paris, arbeitete am Whitney Museum of American Art in New York, für die Documenta X in Kassel, zuletzt in Wolfsburg am Kunstmuseum. Derzeit unterstützt er den Lehrbetrieb der New York University am Campus Berlin in der Kulturbrauerei.
Berlin ist für Köhler eines der interessantesten Ziele: „Egal ob beruflich oder für Besucher, die Stadt ist enorm zugänglich, weil man kein Deutsch sprechen muss, um verstanden zu werden. Berlin ist international.“ Großes Lob hat er für die Kulturpolitik. „Die deutsche Subventionspolitik ist wichtig für das Florieren jeder Sparte.“ Köhler, Chef über 80 Mitarbeiter, ist der Kulturverwaltung untergeordnet. Staatssekretär André Schmitz, der dem Regierenden Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit untersteht, ist Vorsitzender des Stiftungsrates der Galerie.
Das Publikum wird immer jünger
Die Berlinische Galerie sammelt und präsentiert moderne Kunst, Fotografie und Architektur. Köhler sieht das Museum als Kommunikationsplattform. „Wir zeigen, wo die Genres sich berühren. Wichtig ist die Lust auf unterschiedliche Kunstformen, von der Hochkultur bis zur Off-Szene.“ Wir sind auch ein Forum für andere Disziplinen wie Literatur, Musik und Film.“
Dazu wurde eine Video-Lounge eingerichtet, in der monatlich wechselnd Künstler neue Arbeiten zeigen. Das Publikum ist unter Köhler deutlich jünger geworden, es kommen immer mehr 25- bis 40-Jährige. Als Direktor hat Köhler neben dem für die Verwaltung zuständigen Robert Knappe die künstlerische Leitung. „Ich muss mich zwar mit Technik wie beispielsweise einer neuen Beleuchtung beschäftigen. Aber ich beeinflusse vor allem unsere Sammlungspolitik und das Ausstellungsprogramm.“
Er arbeite etwa neun bis zehn Stunden am Tag und besuche an drei Abenden pro Woche Kollegen oder Galerien: „Der Rest ist Freizeit.“ Die verbringt er beim Sport oder bei Freunden auf dem Land, mit „meditativem Gärtnern“. Oder er macht einfach weiter in Sachen Kultur. Köhler liebt das Theater. Sein aktueller Favorit: die Schaubühne. „Man kann von der Bühne profitieren, wie dort inszeniert wird. Das machen wir mit der Bildenden Kunst schließlich auch.“





