Kulturmacher

Ein Neuer für ein traditionsreiches Haus

Marc Wellmann ist seit April künstlerischer Leiter im „Haus am Lützowplatz“. Das großbürgerliche Palais hatte von Anfang an in West-Berlin einen klangvollen Namen .

Foto: Marion / Marion Hunger

Den Blick für Kunst und Kultur bekam er früh. "Ich bin mit Kunst groß geworden", sagt Marc Wellmann. Und wie. 1968 in Hamburg geboren, kam Wellmann mit drei Jahren nach Berlin und wuchs mit einem besonderen Ziehvater auf: dem namhaften Bildhauer Bernhard Heiliger. "Später habe ich ihm in seiner Werkstatt und in seinem Atelier assistiert. Das alles hat mich natürlich stark geprägt", sagt Wellmann.

Vielleicht wäre es auch ohne den überragenden Heiliger in seinem Leben so gekommen, wie es kam. Jedenfalls ließ ihn die Kunst nicht mehr los. Heute verantwortet der Kurator und Kunsthistoriker als Künstlerischer Leiter das Ausstellungsprogramm des "Hauses am Lützowplatz" in Tiergarten.

Seit April diesen Jahres führt Wellmann das geschichtsträchtige Haus, das dem Fördererkreis Kulturzentrum Berlin e.V. gehört. Auf seinem Weg dorthin, so scheint es, haben viele Zahnräder ineinander gegriffen. Sein Lebensweg, der von den Künsten geprägt war, ging kontinuierlich voran. Das Engagement und die Leidenschaft für Kunst waren immer dabei. "Ich habe Kunstgeschichte studiert, mich vor allem auf die Antike und die Renaissance konzentriert. Nichts Zeitgenössisches", sagt Wellmann. "Ich habe das sehr gerne studiert. Und das Kontrastprogramm genossen: Mit einem Künstler zu leben und in die Geschichte der Kunst einzutauchen."

"Crashkurs über die zeitgenössische Kunst"

Im Oktober 1995 starb Heiliger. 1996 beendete Wellmann sein Studium. "Die Erben Heiligers haben eine Stiftung gegründet. Dort habe ich die erste Ausstellung kuratiert." Das ist eines jener vielen Zahnräder.

Es folgten Heiliger-Ausstellungen im Georg-Kolbe-Museum in Westend, Publikationen des Werkverzeichnisses im Kreuzberger Martin-Gropius-Bau, Projekte und Retrospektiven. 2006 trat Wellmann aus der Stiftung aus. Bis heute ist er jedoch ehrenamtlicher Mitvorstand der Stiftung.

Was ihn dann erwartete, war ein "Crashkurs über die zeitgenössische Kunst – ja, so könnte man das nennen", sagt Wellmann und lacht. Er wurde damals Künstlerischer Leiter der Produzentengalerie "Stedefreund". Das sei ein "markanter Perspektivwechsel" gewesen, der "lohnend und lehrreich war – aber dann nicht weiterging." Zumindest für ihn nicht. Aber das Zahnrad griff dennoch und brachte ihn an seinen nächsten Punkt: 2007 war Wellmann Künstlerischer Leiter der Ausstellung "Die Macht des Dinglichen" im Kolbe-Museum. Es wurde wahrlich seine Ausstellung "Ich habe sogar die Finanzierung gleich mitgebracht, sagt Wellmann. "Das funktionierte sehr gut", sagt der Kunsthistoriker, der noch im gleichen Jahr Kurator und Künstlerbetreuer in einer kommerziellen Galerie wurde.

Neuer Ausstellungsleiter im Kolbe-Museum

Dann jedoch suchte man einen Ausstellungsleiter im Kolbe-Museum. Wellmann bekam den Zuschlag. Sicher auch, weil seine Ausstellung dort neuen Schwung gebracht hatte und toll ankam. Viereinhalb Jahre war er verantwortlich für das Ausstellungsprogramm. In einer Doppelspitze mit Ursel Berger, die sich auf Kolbe und den Nachlass konzentrierte. "Mein Vertrag dort endete mit der Pensionierung von Frau Berger", sagt Wellmann. Das war Ende 2012. Just zu der Zeit, als seine jetzige Position am Haus am Lützowplatz ausgeschrieben wurde.

Das letzte Zahnrad bisher. Wenn Wellmann anfängt, zu erzählen, dann merkt man schnell, wie sehr er und das Haus zusammenpassen. Gerade hat er den kompletten Internetauftritt neu gestaltet, was viel Arbeit machte. Er erzählt leidenschaftlich davon, was er alles über dieses traditionsreiche Haus in Erfahrung gebracht hat. Obwohl er es doch eigentlich schon ewig kennt.

"Es ist ein Haus, das ich einfach durch meine West-Berliner Sozialisation kenne", sagt Wellmann, der sich bei seiner Bewerbung mit seinem Konzept gegen 90 Mitbewerber durchgesetzt hatte. Er erzählt von dem Haus, das die "Struktur eines Vereins hat, des ältesten Kunstvereins Berlins." 1960 gründete sich dieser Verein unter Willy Brandt. "als SPD-Kulturclub", sagt Wellmann.

Haus sollte nach dem Krieg abgerissen werden

Die Geschichte des Hauses begann aber lange vorher: 1938 musste der Bankier Egon Sally Fürstenberg das Haus an den von den Nazis gleichgeschalteten Verein Berliner Künstler (VBK) verkaufen. "Das Haus war nach dem Krieg total zerstört und sollte abgerissen werden. Nach Aufbauarbeiten wurde das Haus 1950 als Kulturzentrum wiedereröffnet. 1961 folgte dann der Verkauf an den Fördererkreis.

In diesem Jahr nun kann das "Haus am Lützowplatz – Fördererkreis Kulturzentrum Berlin e.V.", so der vollständige Name, sein 50-jähriges Jubiläum feiern. Denn seit 1963 werden dort kontinuierlich Ausstellungen gezeigt. "Das war damals ein Quantensprung: Neben den kommunalen Vereinen war dies hier der erste selbstständige Kunstverein", sagt Wellmann.

50 Jahre Tradition. Und nun kam mit Wellmann ein neues Gesicht. Was er mitbringt ist seine ganz eigene Idee von Kulturvermittlung: "Schwellenlos, einladend, bildlastig. Und offen, klar und direkt die Menschen ansprechen", sagt Wellmann. "Das Besondere an diesem Haus ist auch, dass dem Verein, der sehr engagiert ist, dieses Haus auch gehört. Das erfordert eine vernünftige Bewirtschaftung. Das ist eine andere Logik, eine andere Herausforderung, als ich das bisher kenne. Aber es ist eine spannende Aufgabe."

Bis zum 10. November dieses Jahres zeigt das Haus die erste institutionelle Einzelausstellung der in Berlin lebenden US-Künstlerin Jen Ray. Das ist Wellmanns erste eigene Ausstellung an seiner neuen Wirkungsstätte. Die Schau schlägt die Brücke zwischen Politik und Kunst. "Wir zeigen hier immer Positionen, die mit einer kritischen Haltung in die Welt schauen." Und mit Künstlerblick, natürlich.

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