Das muss man mit eigenen Ohren im Konzert erlebt haben: diesen brutalen Schlussspurt in Prokofieffs „Skythischer Suite“, diesen nervenfetzenden Endklang, der keine Schmerzgrenzen kennt. Manch einem Zuhörer rauscht da hinterher noch minutenlang das Trommelfell. Wenn es einen Preis für das lauteste Orchester des Jahres gäbe – das Deutsche Symphonie-Orchester unter Tugan Sokiev hätte ihn jetzt schon sicher. Das bewies es am Sonntagabend in der Philharmonie Berlin.
Prokofieff wäre erfreut gewesen. Er schrieb die „Skythische Suite“ im Jahre 1916 als persönliche Antwort auf Strawinskys „Sacre“. Trat an, jenes Skandalwerk an Bombast und Lautstärke noch weit zu übertreffen. Das DSO steht in Prokofieffs barbarischer Ballettmusik unter Dauerstrom. Gönnt sich an keiner Stelle Ruhe. Denn immerhin geht es hier um Entführung und Befreiung der Waldnymphe Ala, der Tochter des Sonnengottes Weless. Der böse Geistertanz des zweiten Satz klingt, als könne man mit ihm unmittelbar die blutigen Schlachtszenen aus Ridley Scotts „Gladiator“ unterlegen. Im nächtlichen Andantino zischelt und rumort das Orchester bedrohlich im Unterholz.
Gewaltig virtuos auch die beiden Klavierkonzerte zuvor. Prokofieffs frühes erstes, Schostakowitschs späteres zweites. Der Solist: Boris Berezovsky. Von Hause aus ein begnadeter Hochgeschwindigkeitshandwerker, bekannt für seine erstklassige Technik.
In Prokofieffs großspurigem ersten Klavierkonzert op. 10 liefert er rasende Oktaven. Schüttelt makellose Akkordketten aus den Unterarmen. Fingert glasklare Tonrepetitionen. Wenn es sein muss, kann er aber auch sehr feinfühlig werden. Bestes Beispiel: das introvertierte Andante aus Schostakowitschs F-Dur-Konzert. Doch was ist danach? Das Orchester scheint mit den Gedanken schon ganz bei der „Skythischen Suite“ zu sein. Folgt dem Pianisten in das rhythmisch knifflige Rausschmeißer-Allegro nur mit halber Kraft. Wirkt gedämpft, fast schläfrig.
Berezovsky macht das nichts aus. Er hat seinen Spaß gehabt. Beifall und Bravorufe nimmt er ganz nebenbei entgegen. Viel wichtiger ist es ihm, den Dirigenten ausführlich zu umarmen. Die obligatorischen Blumen schickt er umgehend Retour. Zu einer Zugabe ist er vom hartnäckigen Publikum nicht zu bewegen. Schade, denn seine intimen, poetischen Momente – die hat Berezovsky vor allem, wenn er alleine spielt.




