Genialer Geiger

Ist die Stradivari gesund, geht es Joshua Bell gut

Eine vier Millionen Dollar teure Stradivari kann wie eine Geliebte sein. Sie begleitet das Nomadenleben des amerikanischen Geigers Joshua Bell, der jetzt auch in Berlin Gastauftritte hat.

Foto: Promo

Der amerikanische Geiger Joshua Bell (43) hat mehrere Grammys gewonnen, einen Oscar für den Soundtrack zum Film „Die rote Violine“ eingespielt und spielt eine über vier Millionen Dollar teure Stradivari. 200 Tage im Jahr ist er auf Reisen, tritt mit den berühmtesten Orchestern der Welt auf. In Berlin ist er in den kommenden Monaten gleich dreimal zu hören.

„Vielen Dank, dass Sie nach ihr fragen“, lacht Joshua Bell fröhlich. „Meine Geige fühlt sich heute sehr wohl, und das bedeutet, dass es mir auch gut geht.“ Wenn seine Geige verstimmt sei, bekomme auch er schlechte Laune. Eine Stradivari sei natürlich immer ein großartiges Instrument, aber sie habe eben persönliche Höhen und Tiefen. Manche Berufsmusiker nennen ihre Geige eine Lady oder ihren besten Freund, davon hält Joshua Bell nicht viel. Er seufzt. „Natürlich begleitet mich meine Geige überall hin. Aber letztendlich ist ein Instrument ein Gegenstand.“ Die Beziehung dazu sei aber schon etwas Besonderes. „Wenn ich sie hergeben müsste, würde sie mir fehlen“, er scheint in sich hinein zu horchen, „vielleicht so, wie man einen Hund vermisst.“

300 Jahre alt ist sein Instrument

Bells Geige ist die 1713 von Antonio Stradivari gebaute „Gibson ex Huberman“, 1936 wurde sie dem Geiger Bronislaw Huberman aus der Künstlergarderobe der Carnegie Hall geklaut. Der Dieb, ein Wandermusiker, blieb bis zu seinem Tod im Besitz des wertvollen Instruments und gestand erst 1985 auf dem Sterbebett den Diebstahl. 2001 konnte schließlich Joshua Bell die Violine erwerben. „Wir haben uns in London kennen gelernt“, schwärmt er und rückt das Instrument nun doch ein bisschen in den menschlichen Bereich. „Vorher hatte ich eine andere Stradivari, die ich auch liebte, aber in diese hier habe ich mich Hals über Kopf verknallt!“ Am selben Abend sollte er in der Royal Albert Hall spielen. „Ich hielt sie am Nachmittag zum ersten Mal im Arm und wollte sie gar nicht mehr loslassen. Nur drei Stunden später spielte ich sie im Konzert.“ Nie wieder ist er zu seiner alten Geige zurückgekehrt. „Es ist einfacher, die eine aufzugeben, wenn man sich in eine andere verliebt. Das ist so ähnlich wie in einer zwischenmenschlichen Beziehung.“ Hat ein 300 Jahre altes Instrument so etwas wie ein Erinnerungsvermögen? Anne-Sophie Mutter erzählte kürzlich die Geschichte, dass sie einmal die Stradivari des berühmten Geigers Joseph Joachim in Händen hielt, der mit diesem Instrument Brahms' erstes Violinkonzert uraufführte und dass sie das Gefühl hatte, das Instrument könne den Solopart ganz allein spielen.

Joshua Bell lacht laut. Das sei wohl zum großen Teil Projektion oder unserem Wissen geschuldet, dass eine berühmte Person das Instrument gespielt habe. „Es ist vielleicht eher so, als ob sie besonders sorgfältig eingespielt worden wäre.“ Der Klang der Geige ist eben dadurch ein ganz besonderer geworden. Er selbst habe schon Jascha Heifetz' Instrument gespielt und Paganinis Violine. „Heifetz ist so häufig aufgenommen worden. Es ist nicht so, dass die Geige sich ‚erinnert', aber ein Teil seines besonderen Klangs war natürlich sein Instrument. Und als ich es spielte, hörte ich ein bisschen Heifetz heraus, obwohl mein Klang natürlich eigentlich ein anderer ist.“ Auf Paganinis Geige hat Bell ein Konzert gegeben, „das gibt Ihnen den Hauch einer Ahnung, wie Paganini geklungen haben muss. Ich bin wirklich keiner, der an Mystisches glaubt, aber dieses Klangphänomen ist zumindest geheimnisvoll.“

Ein bisschen heimisch

Auch Orte haben einen Nachklang von Menschen, die dort aufgetreten sind, findet Joshua Bell. Die Carnegie Hall etwa. Mit 17 hat er dort sein Debüt gegeben, heute fühlt sie sich wie ein zweites Zuhause an. „Als Amerikaner wächst man sowieso mit der Vorstellung auf, dass die Carnegie Hall der größte Ort für Musiker ist. Inzwischen habe ich so oft dort gespielt, dass es ganz selbstverständlich ist. Meine Wohnung ist auch ganz in der Nähe.“ Die Berliner Philharmonie ist ihm nicht ganz so vertraut, aber ein bisschen heimisch fühlt er sich auch hier. Vor 22 Jahren spielte er hier sein erstes Rezital und ist nicht nur mit den Berliner Philharmonikern häufig hier aufgetreten. „Ich freue mich, dass ich in dieser Saison gleich dreimal in Berlin sein werde.“ Am Montagabend beim Deutschen Symphonie-Orchester (DSO) unter Yutaka Sado, im November mit den Osloer Philharmonikern unter Vasily Petrenko und im Mai, um seine neue CD „French impressions“ vorzustellen. „Ich führe ein Nomadenleben, jede Woche woanders. Ich habe Freunde überall auf der Welt, aber viele sehe ich eben nur alle zwei, drei Jahre. Und Menschen, die ich jetzt kennen lerne, schon einen Monat später wieder sehen zu können, das ist ein Luxus.“ An mehreren Orten eine Wohnung zu haben, das kann er sich nicht vorstellen. Er hat sich für New York entschieden, dort ein Haus ganz nach seinen Vorstellungen eingerichtet.

„Ich möchte einen Ort, der durch und durch mein Zuhause ist. Jedes Detail habe ich selbst entworfen. In meinem Musikzimmer bin ich umgeben von alten Fotografien berühmter Geigenvirtuosen, die schon an der Wand meines Lehrers hingen, Josef Gingold. Ich habe sie von ihm geerbt, Huberman, Heifetz und Ysaÿe sind darauf zu sehen, mit deren Anblick bin ich aufgewachsen. Das ist übrigens auch ein Gefühl von Magie, wenn man übt und Ysaÿe schaut einem dabei zu.“

Das Studio im obersten Stockwerk sei wie ein Theatersaal mit großen Vorhängen, wo er private Konzerte mit Freunden veranstalte. „So ist meine letzte Platte entstanden, ‚Zuhause mit Freunden', mit solchen kleinen Sessions. Mit Sting zum Beispiel oder Regina Spector.“ Dann gelinge es auch, den Rest der Zeit auf Reisen ganz im Moment zu leben und jeden neuen Ort als vorübergehendes Zuhause zu empfinden. „Sie müssen sich völlig davon lösen, dass Sie gerade nicht in Ihrer eigenen Wohnung sind, sonst verbringen Sie den größten Teil ihres Lebens mit dem Gefühl, woanders sein zu müssen.“

„Ich freue mich auf das DSO“, sagt er mit Blick auf das heutige Konzert. Vor zwei Jahren ist er schon einmal mit dem Orchester aufgetreten. Immer wieder neu zu beginnen, seine musikalischen Gedanken etwa zu Tschaikowskys Violinkonzert immer wieder von vorn zu erklären, das koste viel Kraft. Mit Stücken, die häufig gespielt werden, sei es sogar besonders anstrengend, das Orchester kenne sie in- und auswendig und müsse sich womöglich ganz neu einstellen. „Das DSO ist ein sehr energetisches, recht junges Orchester, hier fällt es nicht so schwer. Bei anderen, sogar berühmten Orchestern habe ich schon erlebt, dass die Musiker aussehen als kämen sie zur Arbeit, sie lehnen sich im Stuhl zurück, mit diesem skeptischen Blick, warten auf die Pause. In diesem Orchester fühlt es sich aber nicht so an, das ermutigt mich, gemeinsam die Farben zu entdecken, die Tschaikowsky bereithält.“

Konzerttermine in der Berliner Philharmonie: Montag, 17. Oktober 2011, 20 Uhr, mit dem Deutschen Symphonieorchester unter Yutaka Sado. 27. November 2011: mit dem Oslo Philharmonic Orchestra. 14. Mai 2012: Rezital mit dem Pianisten Jeremy Denk. Karten: Tel: (030) 47997466.