Musik

Ivan Fischer ist jetzt König am Gendarmenmarkt

Mit Ivan Fischer wird ein Dirigent der Topliga Chef im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Der k.u.k.-Maestro kaufte in Berlin nach einem schönen Tag mit den Musikern die Katze im Sack .

Foto: www.marcoborggreve.com / www.marcoborggreve.com/Marco Borggreve

In Berlin tut man sich manchmal schwer mit der Neubesetzung von Intendanten- oder Chefdirigentenposten. Auch die Verhandlungen mit Ivan Fischer zogen sich an die zwei Jahre hin. Am Montag nun wird der ungarische Dirigent im Konzerthaus am Gendarmenmarkt als neuer Chef vorgestellt. Es ging um mehr als nur um einen neuen Chefdirigenten, der Lothar Zagrosek am Pult des Konzerthausorchesters ablöst, sondern auch um eine Strukturveränderung am Hause. Fischer wird über den Chefdirigenten hinaus den Titel Musikdirektor des Konzerthauses führen. Damit ist er für den gesamten Musikbetrieb am Gendarmenmarkt künstlerisch verantwortlich. Ihm zur Seite steht Intendant Sebastian Nordmann.

Fischers Vertrag beginnt mit der Saison 2012/13 und hat zunächst eine Laufzeit von drei Jahren. Aber die Zusammenarbeit beginnt bereits in diesem Sommer, nach Zagroseks Verabschiedung. Außerdem wird Fischer ankündigen, dass ihn der Russe Dmitri Kitajenko als sein erster Gastdirigent unterstützt. Mit Ivan Fischer hat sich Berlin einen weiteren Dirigenten der Topliga verpflichtet. Fischer dürfte sich gleich nach Daniel Barenboim (Staatsoper) und Sir Simon Rattle (Philharmoniker) neben Donald Runnicles (Deutsche Oper) und Marek Janowski (Rundfunk-Sinfonieorchester) einordnen. Ivan Fischer ist in Berlin kein Unbekannter. Er war am Pult der Berliner Philharmoniker oder des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin (DSO) zu erleben, letzteres hatte ihn zeitweilig als Chefdirigenten umworben. Wer Fischer am Pult erlebt hat, weiß, dass er kein Mann der glamourösen Dirigierposen ist, sondern lieber das Innerste nach Außen kehren möchte. Der k.u.k-Maestro, der der österreichisch-ungarischen Musizierschule entstammt, gilt als höflich und gebildet, aber auch besessen. Im Konzerthausorchester weiß man um Fischers Strenge, aber die Musiker haben sich mit großer Mehrheit für den Dirigenten entschieden, der sie an die Leistungsgrenzen führen wird.

"Unsere Muttersprache ist die Musik der Habsburger Monarchie"

Dieser Tage hatte Morgenpost Online den Dirigenten um ein Interview gebeten. Es war ihm zeitlich zu knapp, stattdessen schickte er einen freundlichen Brief. Und was schreibt er über seine Verbindung zu Berlin? "Ich muss Ihnen noch etwas erzählen. Meine Schwester wohnt in Berlin, mit ihrem deutschen Mann (Biochemiker, weltberühmter Moos-Forscher, der gut Klavier spielt). Vor und nach Konzerten mit den Berliner Philharmonikern wurde dort oft musiziert, vor allem Johann Sebastian Bach (der Familienliebling) wurde von meiner Flöte spielenden Frau und meinem Schwager überstrapaziert."

Ivan Fischer, 1951 in Budapest geboren, stammt aus einer Musikerfamilie. Vater Sandor, ein Dirigent, leitete in der ungarischen Hauptstadt das Radio-Orchester, Bruder Adam ist uns u.a. als Bayreuth-Dirigent bekannt, der Pianist und Dirigent György Fischer ist ein Cousin. Ivan Fischer hatte zunächst Klavier, Geige, Cello gelernt, machte nach Kompositionsstudien in Budapest sein Diplom in der Dirigierklasse von Hans Swarowsky in Wien. Nach zwei Semestern bei Nikolaus Harnoncourt am Salzburger Mozarteum begann er seine Karriere im angelsächsischen Raum. "Es dauerte eine gewisse Zeit, bis ich mich genauer kennenlernte", sagte er später: "Da merkte ich, dass ich lieber in kontinuierlicher Arbeit etwas aufbauen wollte, als weiterhin Gastdirigent zu sein." 1983 gründete Fischer das Budapest Festival Orchestra, das längst zu einer festen Klassikmarke geworden ist. Über das Repertoire sagte Fischer: "Unsere Muttersprache ist die Musik der Habsburger Monarchie."

Beim Berliner Konzerthausorchester wird Fischers Kommen auch als eine Art Rückbesinnung auf die eigene osteuropäische Muttersprache betrachtet. Das Konzerthausorchester, das aus dem von Kurt Sanderling geprägten (Ost-) Berliner Sinfonie-Orchester hervorging hat auch eine eigene slawische Musiktradition, insbesondere was Schostakowitsch betrifft.

"Kurt Sanderling habe ich in den neunziger Jahren zweimal nach Budapest eingeladen", schreibt Fischer in seinem Brief: "Er hat auch viel über das Berliner Sinfonie-Orchester erzählt. Einige Jahre nach der Wende konnten wir Gedanken austauschen, wie die wertvollsten, aber manchmal verborgenen kulturellen Schätze dem gesellschaftlichen Umbruch mächtig werden können. Sanderling ist ein wunderbarer Mensch."

Musiker luden ihren Chef ein

Verschiedene Orchester hätten ihn immer wieder für eine Chefposition angesprochen, schreibt Fischer, aber es sei neben der großen Ehre immer auch eine schwere Last. "Ich passe nicht gut in das Dirigenten-Bild, wonach man einige Jahre hier, dann wieder dort Chef ist. Mein Orchester habe ich vor 27 Jahren gegründet, ich passe also nicht in diese Generation. Ich messe einen Kontakt mit einem Orchester in längeren Abschnitten. Aber wegen Sanderlings Erzählungen hat es mich tiefer berührt, als Musiker des Konzerthausorchesters mich aufsuchten. Wir sprachen miteinander."

Dennoch hat Fischer das Konzerthausorchester irgendwie als Katze im Sack gekauft, man hat nie gemeinsam Konzerte gegeben oder war auf Tournee. Aber das Orchester hat etwas getan, was es sonst nie tun würde: Es hat eine eigene Probenphase für ihn angesetzt. "Sie haben mich für einen Tag Musizieren eingeladen: die Musiker selbst. Ein schöner Tag", erinnert sich Fischer. Danach begannen die Verhandlungen.