Konzert

Bushido und sein Konzert mit Hello-Kitty-Törtchen

Allen Anfeindungen zum Trotz: Skandalrapper Bushido wird von seinen Fans in Huxleys Neuer Welt gefeiert. Sie singen ihm beim Konzert mti Shindy sogar „Happy Birthday“.

Foto: Paul Zinken / dpa

Im Huxleys Neue Welt an der Hasenheide stehen also zwei deutsche Musikanten auf der Bühne. Der eine ist in Bonn geboren und feiert heute seinen 35. Geburtstag. Der andere ist diesen Monat 25 geworden und stammt aus demselben Ort, in dem Pur-Sänger Hartmut Engler heute wohnt. Bietigheim-Bissingen. Die Enz mündet da in die Metter. Nach Stuttgart sind es 20 Kilometer. Zur Landesgartenschau 1989 wurde der Bürgergarten angelegt.

Bushido und Shindy nennen sich die Musiker, nicht Cindy und Bert. Weil der Shindy den Bushido so gerne mag, lässt Shindy seinem Kumpel ein Hello-Kitty-Törtchen auf die Bühne bringen, ganz in rosa und gleich zu Anfang. Die Scheinwerfer strahlen ins Publikum. Die Videoprojektionen hinter dem DJ sind ausgeschaltet. Bushido trägt eine weiß-blaue Trainingsjacke und Shindy ein Leder-Jackett. Und das Publikum, der Konzertsaal ist richtig voll, ausverkauft steht vorne dran, singt Happy Birthday. Das sind keine bösen Jungs. Ganz normale Berliner. Aus Hohenschönhausen kommen sie, aus Lichterfelde, aus Kreuzberg. Mit und ohne Migrationshintergrund. Sogar die Frauenärztin von Bushidos Frau ist da.

Bushido meint, er würde die Torte später mit dem DJ GANG-G essen, und seine Tochter, die sei gerade ein bisschen über ein Jahr, die liebe Hello Kitty schon über alles. Arafat Abou-Chaker hat Bushido vorhin schon zum Geburtstag gratuliert, per Telefon. Bushido, das sagt er, hat alle Anrufer weggedrückt, aber beim Arafat ist er rangegangen. Arafat hat auch Happy Birthday gesungen. „Das hat mich so gefreut. Ich war so glücklich, Alter“, sagt Bushido, Dj GANG-G spielt einen Pistolen-Nachlade-Sound ein. Und dann spielen sie schon den zweiten Song.

Anklage wegen des Songs „Stress ohne Grund“

Man kann es eigentlich kaum glauben, wenn man diesen Konzert-Anfang mitbekommt, weil der so herzlich und freundlich ist, aber seit Freitag ist es offiziell: Gegen Bushido wurde wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Gewaltdarstellung Anklage erhoben. Anstoß der Ermittlungen war der Song „Stress ohne Grund“. Die Staatsanwaltschaft tut damit ihre Pflicht, und das ist auch gut so. Es gilt natürlich zu prüfen, wie volksverhetzend, beleidigend und gewaltdarstellend der Song „Stress ohne Grund“ tatsächlich ist. Das lyrische Ich will auf eine Claudia Roth schießen, so dass sie Löcher wie ein Golfplatz kriegt und es kündigt an, einen Typen, der Kay heißt und ein Bastard sein soll, so ranzunehmen wie Klaus Wowereit.

Bei aller berechtigen Kritik an solchen Zeilen, die wirklich nicht höflich sind, schon in der fünften Klasse bekommen Schüler bei der Gedichtinterpretation eingetrichtert, dass das lyrische Ich nicht mit dem Autoren gleichzusetzen ist. Wäre das der Fall, müsste man die Metal-Band Metallica wegen ihres Albums „Kill 'Em All“ belangen, oder die Band The Smiths, weil sie im Song „Panic“ fordern, den DJ zu erhängen.

Wirklich perfekt ist die Vorstellung von Bushido und Shindy nicht

„Stress ohne Grund“ ist inzwischen indiziert. Der Song wird nicht gespielt. Die Musik von Bushido und Shindy ist sehr basslastig. Ihre Stimmen übersteuern regelmäßig, wirklich perfekt ist die Vorstellung nicht, aber sie zeigen ein Herzblut, ein ehrliches Engagement. Bushido, der Erfolgsrapper, acht Mal Gold, zwei Mal Platin in Deutschland. Sechs Bravo-Ottos. Viele, viele Auszeichnungen mehr. 2011 bekam er den Integrationsbambi verliehen. Auf der Bühne schwitzt er so sehr, dass er sich stets mit einem Handtuch abtupft.

Es gab einen Aufschrei, als er den Integrationsbambi bekam. Bushido hat menschenfeindliche Texte verfasst. An diesem Abend singt er sie nicht. Seinen Kollegen Shindy fragt er: „Wusstest Du, dass wenn man am Ende des Satzes 'Bitte' sagt, dass es in Erfüllung geht?“. Oder er bittet ihn doch wirklich damit, endlich mit dem Rauchen aufzuhören. Shindy sei ein Kettenraucher. Sein Haus in Berlin sei ein Nichtraucherhaus, sagt Bushido. „Sag mal, fändest Du das gut, wenn Deine schwangere Frau rauchen würde?“, will Bushido bei der Hälfte des Konzertes von Shindy wissen? „Nein, Mann. Das würde dem Kind schaden.“

Gefährlich sind die wirklichen Brandstifter

Sie spielen also Songs wie „Für immer jung“, auf der Leinwand ist das Konterfei Karel Gotts zu sehen, oder „Zeiten ändern Dich“, den Soundtrack zur gleichnamigen Verfilmung Bushidos Leben von Bernd Eichinger. Sie geben jungen Menschen Hoffnung, es durch Rap-Musik nach oben zu schaffen. Bushido und sein Freund Shindy, sie sind Vorbilder, als solche haben sie eine Verantwortung. Ihre Texte mag man dumm, pubertär, ökonomisch motiviert formuliert finden. Aber gefährlich sind andere. Gefährlich sind die wirklichen Brandstifter.

Man unterschätzt junge Menschen, wenn man ihnen unterstellt, dass sie Bushidos Texte für eine eins-zu-eins-Anleitung zum echten Leben heranziehen. Man überschätzt Bushido, wenn man glaubt, dass seine Texte die Sprengkraft beinhalten, zur Gewalt, zum Mord aufzurufen. Am ehesten kann man Bushido begreifen, wenn man zu seinem Konzert geht. Da steht ein Unternehmer, 35 ist er heute geworden, er trägt diese Trainingsjacke, wie sie viele Männer in seinem Alter in vielen Wohnungen in Berlin tragen, und macht ein paar dicke Sprüche für die Jungs, die sind geschmacklos, politisch nicht korrekt, sie sind vielleicht sogar dumm. Und vielleicht hat Bushido wirklich kriminelle Freunde. Aber wenn der Mann Bushido in seiner Trainingsjacke nach Hause kommt, dann ist das ein Durchschnitts-Berliner, einer, der von irgendwo aus Deutschland in die Hauptstadt gekommen, um was Kreatives mit Musik und Medien zu machen, und er sagt seiner Tochter, dass er sie liebt und seiner Frau sowieso und das Hello-Kitty-Törtchen hat er bestimmt nicht mit dem DJ Gang-G gegessen, das hat er nämlich seiner Tochter mitgebracht.