Endlich zieht sich mal ein Hip-Hopper aus und zeigt auf dem Plattencover seinen eigenen Hintern. Der Hintern jedenfalls ist ziemlich weiß, sehr klein, so ein Brötchen-Popo, nicht schlecht, aber auch nicht besonders trainiert. Großartig ist das, weil im Rap-Bereich immer so riesenaufgeblasene Kunst-Hintern zu sehen sind, so, dass meist mehr Po als Mensch da ist. Frauenpos sind das zudem. Frauen werden im Hip-Hop gern auf das scheinbar Wesentliche reduziert: Brust und Po.

Lukas Strobel veröffentlicht unter dem Namen Alligatoah mit der Platte „Triebwerke“ schon sein drittes Album. Es ist das erste, für das er sich auszieht. Und es scheint geholfen zu haben. Sechs Jahre macht er schon Musik. Seit 2009 lebt er in Berlin. Jetzt startet er durch. „Triebwerke“, stieg direkt auf Platz 1 der deutschen Albumcharts ein.

Flinke Augen, dünne Finger

Strobel lebt in Neukölln, Endstation U8. Aber weil er gerade so beschäftigt ist, mit Auftritten, Interviews geben und dem ganzen Apparat, der über einen einfällt, wenn man erfolgreich ist, treffen wir ihn am Ostbahnhof. Gerade ist er aus Köln gekommen, in eine Stunde muss er zu einer Videoaufzeichnung. Auf dem Rücken trägt er eine Gitarre mit sich. Flinke Augen, dünne Finger, Bart; er hat nichts von der Behäbigkeit des großbeatigen Proll-Raps.

„Ich bin ein Liedermacher“, sagt er mit einer nüchternen Bescheidenheit und damit meint er nicht so etwas wie Bob Dylan oder Gisbert zu Knyphausen. „Ich mache eben einfach Lieder“, setzt er fort. Seine Stimme ist neutral, kein Dialekt, kein Akzent. Niedersachsen eben. Nach dem Abitur zieht er von dort nach Berlin. Mit Freunden betreibt er damals schon das Label „Trailerpark“.

Er nutzt seine eigene Kreativität als Energie

Lukas Strobel ist als Alligatoah und am Label beteiligter ein Selfmade-Mann. Keine Major-Plattenfirma mit riesigen Budgets hat ihn dort hingebracht, wo er jetzt ist. Es ist die eigene Arbeit, die eigene Kreativität nutzende Energie, der er sein jetzigen Erfolg zu verdanken hat. Inzwischen kommen natürlich Anfragen von den großen Plattenfirmen. „Ich bin rausgewachsen aus dieser kindlichen Naivität, dass ich ein feuchtes Höschen bekommen, sobald ich das Wort Majorlabel hören.“ Vor zwei Jahren haben sie ihn noch ignoriert, jetzt kann er sie ignorieren.

Ihm ist als unscheinbar wirkender Kerl ein großer Wurf gelungen. Alligatoah braucht weder Panda-Maske (Cro) noch Slime-Zitate (Casper), um auf sich aufmerksam zu machen. Es sind dadaistische Wortspiele, intelligente Skizzen, Fingerübungen und Collagen. Er reimt Kurzhaar auf Burka, wenn er von den „schlechtesten Transvestiten der Welt“ singt. Das ist ein Befreiungsschlag im Rap. „Wunderschöne Frau“ heißt der Track. Unter dem Mantel der Gymnasial-Humor-Satire entdeckt man tatsächlich das erst positive Denkmal für Transvestitismus im Rap.

Exzess-Sucht als eine Art neue Romantik

In „Willst Du“ gibt er einen klugen Kommentar zur Exzess-Versessenheit der Jetzt-Gesellschaft in Berlin. „Willst Du mit mir Drogen nehmen/ Dann wird es rote Rosen regnen/ Ich hab's in einer Soap gesehen/ Willst Du mit mir Drogen nehmen“. Und tatsächlich ist das ein Selbstläufer. Das stimmt schon, dass in den Berliner Clubs Tabletten und Pulver dazugehören, aber was eben auch stimmt ist, dass Serien wie „Berlin – Tag & Nacht“ Laiendarsteller knapp über Hartz-IV-Niveau bezahlen, um Hartz-IV-Niveau-Typen zu spielen, die den ganzen Tag Speed schnupfen, feiern gehen und darauf hoffen als DJ, Schauspieler oder sonstwas durchzustarten.

Die Darsteller selbst glauben bald die Rolle zu sein, die Zuschauer sowieso und irgendwann ist es dann so. Strobel liest diese Exzess-Sucht als eine Art neue Romantik, deswegen auch die roten Rosen. Tatsächlich ist das so, dass viele im Fertig-Sein, im am-kaputtesten-Schauen den letzten Sinn sehen, die Facebook-Fotos der Exzesse zeigen es.

Fiktive Väter-Anekdoten

Der Exzess-Gesellschaft stellt Strobel die Leistungs-Gesellschaft gegenüber: „Rabenväter“ heißt das Stück, aus dem man die erfolgsverliebten Väter herausliest, die unerfüllte Wünsche in den Sohn projizieren. Abwechselnd mit seinem Kollegen Battleboi Basti überbietet sich Alligatoah in fiktiven Väter-Anekdoten „Dein Sohn nennt meinen Sohn später eure Eminenz/ Sollte er nicht Papst werden, dann wird er deutsche Präsident“ und die Antwort darauf lautet: „Mein Sohn wird Deinen Lümmel besiegen/ Mein Sohn macht Gold bei den Olympischen spielen, bestimmt in fünf Disziplinen.“ Die Väter sind ein beliebtes Stereotyp. Demnach bringen sie ihre Kinder mit zwei Jahren zum Business-English und danach zum Yoga. Gesehen hat sie aber noch keiner.

Obwohl Alligatoah wie vielleicht zuletzt Prinz Pi auf „Kompass Ohne Norden“ Berlin als intellektueller Rapper kritisch kartographiert hat, ist er in der Hauptstadt angekommen. „Ich liebe Berlin.“ Er ging bewusst nach Neukölln. Anonym ist es da, das ist gut. „Du kannst hier so rumlaufen, wie Du willst, ohne schief angeschaut zu werden. Das ist Befreiung und ein Kontrast zum Dorf, in dem man genau beobachtet wird.“ 1200 Einwohner hat sein Heimatort in Niedersachsen.

„Ich erzähle ja selber Märchen“

Berlin, das ist für Alligatoah die Möglichkeit, alles zu sein. Münchhausen I, II und III heißen drei Songs auf Triebwerke. „Dieser Mann, er mach mich fertig/ Der Trick ist lügen, der Trick ist lügen“, geht der Refrain alle drei Tracks. Einmal spielt Alligatoah den Gitarristen, dann den Maler und schließlich den Terroristen. Erfinde Dich selbst, Berlin ist eine Stadt der Selbsterfinder. Rafel Horzon hat es vorgemacht.

Tue so lange, als ob, und am Ende bist Du es. „Die Leute bauschen ihre Geschichten so weit auf hier, aber ich werte das nicht. Ich erzähle ja selber Märchen auf meinem Album.“ Und was für welche. Vielleicht sind es die aberwitzigsten, lustigsten und versponnensten Rap-Märchen seit Fischmob, die der Münchhausen Alligatoah sich ausgedacht hat. Und für den Hintern gibt’s ja noch das Fitness-Studio.