Kunst

Ein Spaziergang quer durch Berliner Art Week

Die Herren in Kreuzberg, die Frauen Unter den Linden: Eine Fahrt durch das Berliner Kunst-Happening. Und was Schulklassen und Kaufhausverkäuferinnen davon halten.

Foto: David Heerde

„Frühstücken?“, fragt der Mann im Café der Berlinischen Galerie. „Nein“, sagt er, als verlange man das Unmögliche, „Frühstücken kann man hier nicht. Aber Sie können einen Kuchen haben.“

Da ist also Art Week, und wenn man in Kreuzberg in der Berlinischen Galerie beginnen will und vielleicht noch ein Frühstück braucht, ist man völlig aufgeschmissen. Es sei denn, man mag Kuchen. Der Schokokuchen ist nicht schlecht.

Es ist ganz still hier. Zwischen den lila Bänken und den weißen Wänden. Von draußen kommt eine Schulklasse, vielleicht eine Fünfte. Sie sind die ersten Besucher an diesem Morgen. Leroy fragt seinen Kumpel, ob er „Berlin – Tag & Nacht“ kenne, die würden ja an jedem Satzende „Alter“ sagen. Beim Betreten der Ausstellung meint die Kunstlehrerin in furchtbarem Deutsch: „Jetzt mal alle Ruhe!“ Aber im Kunstunterricht ist sie bestimmt eine Wucht.

400 Quadratmeter. Wirklich: 400. Der bayerische Maler Franz Ackermann bespielt tatsächlich die ganze Wand der großen Eingangshalle. Zehn Arbeiten stellen die Ausstellung „Hügel Und Zweifel“ dar, die im Rahmen von „Painting Forever“ gezeigt werden. Während der Art Week haben sich Berlinische Galerie, Deutsche Bank Kunsthalle, KW Institute For Contemporary Art und Neue Nationalgalerie der Malerei angenommen. „Für immer“ klingt natürlich gut, so nach Bushaltestellenschwüren „Tanja & Maik forever“, mit Herzchen. Die Malerei ist wieder im Pop angekommen.

Ein Spiel mit den Grenzen

Durch ein psychodelisches Kaleidoskop wird der Betrachter in eine architektonische Fantastenwelt gezogen. Das Beste, was man jetzt machen kann, ist sich auf den Boden zu setzen. Die Augen ganz weit zu öffnen und mal einfach nur zu schauen. Die Jetzt-Mal-Alle-Ruhe-Lehrerin macht das natürlich nicht, die liest einfach mal das Infoblatt ab, das man ihr am Empfang gegeben hat. „In der Tradition der Weltlandschaften, wie im 16. Jahrhundert.“ Dann deutet sie nichtssagend in Richtung „My private Tarlabashi“, so heißt eine der Arbeiten. Oben unter der Decke fährt eine Rolltreppe mit blauen, roten, orange und lilagehauchten Stufen in den Himmel. Es bewegt sich alles so farbig wabernd. Ackermanns Arbeiten sind so angenehm laut, man verliert sich in ihnen wie in der Masse eines Konfetti-Raves und geht dann darin auf. Die Pupillen öffnen sich. Zwischen all den Farben und dem Leuchten dann der kurze Horrortrip, das Down der Nacht, Istanbuler Abrissviertel-Fotografien sprengen das Schöne der Ölfarben. Ackermann spielt mit den Grenzen der Malerei und öffnet sie durch Fotoarbeiten und Collage-Elemente.

Im Kaiser’s in der Ritterstraße gehen wir eine Cola kaufen. „Ich mag ja Kunst, aber in den Museen, das ist mir zu abstrakt“, sagt die Verkäuferin zum Piep der Scann-Anlage. „Ich mal’ ja auch. Aber mehr so Kätzchen und Blumen.“ Sie versichert uns, dass sie sich den Martin Eder mal anschauen wird. Der müsste ihr eigentlich gefallen. Auch von ihm sind Arbeiten zu sein, und Eder liebt Kätzchen über alles. Die Neue Nationalgalerie zeigt unter dem Titel „BubeDameKönigAss“ Positionen von Eder, Michael Kunze, Anselm Reyle und Thomas Scheibitz. Aber genug von Männern.

Die Generation Ein-bisschen-über-40

Was machen eigentlich die Ladys zur Art Week? Wir müssen zur Deutschen Bank Kunsthalle. Wir müssen nach Unter den Linden. Dort sind nämlich die Frauen. Katrin Plavcak, Antje Majewski, und Giovanna Sarti sind gewissermaßen die weibliche Antwort auf Kunze, Reyle, Scheibitz und Eder. Sie sind die Generation Ein-bisschen-über-40, also noch einigermaßen jung, genau wie die Männer aus der Neuen Nationalgalerie. Ihre Arbeiten werden zusammen mit denen von Jeanne Mammen gezeigt. Mammens Werke sind aus dem Symbolismus heraus entstanden in die Neue Sachlichkeit übergegangen. Ihre Arbeiten aus den 1960er-Jahren sind beeindruckend. Öl auf Staniol auf Karton. Ein Dingsymbol-Wirrwarr. Sind das Frauen? Hundeschnauzen. Fuchsmäuler oder Geschlechter? Mammen spielt mit den Sinnen der Betrachter.

Anders als Plavcak. Ihr „Whistleblower (Bradley Manning) von 2013 ist ganz real, ganz greifbar und doch nimmt sie ihm die linke Gesichtshälfte und positioniert dort nur sein Ohr. Wir müssen an den Zerrspiegel Picassos denken, der Gesichter gern so zauberhaft entstellte, und doch auch an Mammen, die viele ihre Arbeiten für Schwulen und Lesbenmagazine der 20er hergab. „Desch isch ja der Wischtlblower“, sagt eine Dame aus Schwaben und ihr Mann antwortet, „Der isch jetzt a Frau.“

Wo die wilden Kerle wohnen

Wir entfernen uns von der Mitte. Raus müssen wir. Dahin, wo die wilden Kerlen wohnen. Körnerpark Neukölln. Beuys war dort und stellte aus. Kurt Krömer kommt dort her. Dieses Jahr residiert das Künstlerinnenprojekt Goldrausch in der Galerie am Körnerpark. Nirgends in Berlin wächst das Gras so dicht wie hier. Jeden Morgen kümmern sich fünf Gärtner um den Park, meint Birgit Effinger, die Projektleiterin von Goldrausch.

Goldrausch ist ein Weiterbildungsstipendium für bildende Künstlerinnern. Ein Jahr lang arbeiten und lernen sie hier zusammen. Morgen ist Eröffnung. Konstanze Schmitt schaut auf ihre Fernseher. Ein Techniker im Blaumann verkabelt DVD-Spieler mit den Bildschirmen. Mit ihrer Arbeit bezieht sich Schmitt auf das sowjetische Stück „Ich will ein Kind haben“ von Sergei Michailowitsch Tretjakow.

Auf fünf Bildschirmen sind fünf Frauen zu sehen. Retrofuturistische Anzüge bedecken ihre Körper. Sie stehen im Dialog miteinander. Ganz links deutet eine nach rechts, die Dame auf dem Bildschirm rechts außen antwortet. Eine Endlosschleife, eine Endlosdiskussion, zum Endlosthema Recht auf Kind, künstliche Befruchtung, Adoption, was ist ein Kind?

Draußen plätschert das Wasser. Und in den Opernwerkstätten zurück in Mitte trinken sie Champagner wie Wasser. Ein Russe trägt ein Schlangenlederjackett spazieren. Angela Merkel ist auch da. Zumindest als Skulptur. Sie steht vor einem seltsam durchlöcherten Adolf Hitler, der von innen strahlt. Hitler als Tonlampe. Und eine halb so große Merkel direkt davor macht die Raute. Das so kurz vor der Wahl: ein starkes Stück.

60.000 Besucher kamen zur Berlin Art Week

Rund 60.000 Menschen haben die zweite Berlin Art Week besucht. Das teilte die Kulturprojekte Berlin GmbH am Sonntagnachmittag zum Abschluss der Kunstwoche mit.

Zahlreiche Kulturinstitutionen, Museen und Galerien beteiligten sich mit Ausstellungen an den sechs Veranstaltungstagen. Daneben gab es die Kunstmessen abc und Preview.

Mit der Art Week will die Bundeshauptstadt ihre Attraktivität für Kunstsammler und Käufer erhöhen und ein Pendant zu den großen Kunstmessen etwa in Basel und London schaffen.

Der Geschäftsführer der Kulturprojekte Berlin GmbH, Moritz van Dülmen, lobte die besondere Atmosphäre, die so nur in Berlin vorstellbar sei. „Die endgültigen Verkaufszahlen der Messen bleiben abzuwarten, aber die Signale sind sehr gut“, sagte er laut Mitteilung.