Kunstherbst

Krematorium in Wedding wird zur 1000-Quadratmeter-Galerie

Eine Neuentdeckung zur Berlin Art Week: Das ehemalige Krematorium in Wedding wird zur Galerie für junge Kunst. Ein Besuch an einem ungewöhnlichen und stillen Ort ohne Hausnummer.

Foto: Massimo Rodari

Künstler lieben Berlin so, weil eigentlich noch alles möglich ist. Hier kann man auf 800 Quadratmetern eine einbeinige Performance zeigen, Raum gibt es immer. Hier darf man auch eine winzige Briefmarke an eine riesige Wand kleben, keiner mokiert sich. Galeristen und Sammler präsentieren ihre Kunst in Kreuzberger Kirchen, in ausgedienten Metzgereien oder in Honeckers altem Fuhrpark in Lichtenberg.

Patrick Ebensperger toppt das mit einer noch ungewöhnlicheren Adresse. Er zieht mit seiner Galerie an einen Ort, der manchen Leuten erst einmal heftige Gänsehaut beschert: ins ehemals größte Krematorium Berlins, tief im Weddinger Kiez gelegen, Nahe Leopoldplatz und direkt an der Plantagenstraße, sonst eine eher ruhige Wohnstraße. Mittags klappern die Teller aus der Küche der nahe gelegenen Kita, das beruhigt irgendwie.

1000 Quadratmeter für die Kunst

Man muss nicht lange suchen, schon von Weitem sieht man den hohen, schlanken Schornstein in den Herbst-Himmel ragen. Die Mauern des Gebäudekomplexes sind vermoost, „Annahme grundsätzlich von 7 - 17 Uhr“ steht drauf auf einem maroden Schild. Der Tod kennt keinen Stundenplan, die erste Idee, die einem in den Kopf schießt. Hausnummer? Existiert nicht. Also ziert ein großes orangenes X die mit Graffiti übersäte Stahltür, Einfallstor zur Galerie. Gott sei Dank, die Klingel funktioniert.

Wie bitte kommt man bloß darauf, mit der Kunst und den Künstlern in ein Haus des Todes zu ziehen? Bei Patrick Ebensperger war das – wie so häufig – der reine Zufall. Um Wartezeit auf einem Flughafen zu überbrücken, klickte er sich durch die Rubrik „Sonderimmobilien“. Eine kleine Anzeige nur, wenig Informationen, offenbar reichte das aber, um das Interesse des Österreichers zu wecken. Aus einem Anruf wurde ein Kaufvertrag.

Die ehemalige Aussegnungshalle umfasst immerhin 1000 Quadratmeter Ausstellungsfläche und steht unter Denkmalschutz. Sechs Monate hat der Galerist umgebaut, „schlicht“, wie er sagt. „Halt Schmalspurbudget“. Möglichst schnell sollte es gehen, damit „ich sehe, dass es funktioniert“.

Der Flair des Sakralen lebt noch in der Architektur, doch auf angenehme, fast anmutige Weise. Die Öfen sind natürlich längst weg, der Fahrstuhl auch, in dem die Toten in ihren Särgen in die Tiefe befördert wurden. „Die Technik war hochmodern, man sah nichts außer Computer und Stahl“, erzählt Ebensperger. 2002 wurde das 1912 errichtete erste preußische Krematorium stillgelegt. Das gesamte Areal von nahezu 10.000 Quadratmetern soll künftig ein Kultur Campus werden. Patrick Ebensperger macht den Anfang. Test läuft.

Alles ist blütenrein, fast wie bei einem White Cube

Vielleicht klingt es komisch, irgendwie aber ist die Stille hier zu Hause. Es ist, als ob man anders durch die Räume geht, weil man die Vergangenheit imaginiert und gleichzeitig die Gegenwart vor Augen hat. Die Spitzbögen und die hohen Decken und Nischen sind im gotischen Stil gehalten, die gelben Scheiben ließ der Galerist komplett in Weiß tauchen. Somit ist nun alles blütenrein, fast wie bei einem White Cube. Das Schöne an diesem Ort, es gibt viele Möglichkeiten ihn zu bespielen.

Groß und klein, alles dabei, von der großzügigen Aussegnungshalle über die imposante Empore bis hin zu den schmalen Keller-Kabinetten, die bestens für Einzelpositionen geeignet sind, weil sie überschaubar und ja, intim sind.

Vierzehn zeitgenössische Künstler sind in der Eröffnungsschau vertreten. Die Location scheint ihre Wirkung zu haben. Thomas Rentmeister spielt in seiner Installation mit der Erinnerung, Erinnerung heißt bei ihm: Heimat. Die Harke, die weiße kuschelige Bettdecke und das Sofakissen stehen für Vertrautheit und Enge der Kindheit in Borken, lässt der Künstler wissen. Was da aber so behaglich und ländlich aussieht, besteht aus schwerem Eisen.

Hajnal Németh trägt eine Ikone zu Grabe. Ein blauer VW Golf parkt schräg in der Halle, in einer Performance wird ein Techniker die Kiste zur Vernissage nach und nach in Einzelteile zerlegen. Zwei Sänger stimmen das letzte Abschiedslied an.

Keine Laufkundschaft im Wedding

Hat er keine Angst, dass nicht genügend Galeriebesucher kommen in den Wedding? „Nöö“, sagt Ebensperger selbtbewußt. „Ich habe mir den Ort bewusst ausgesucht, es geht nicht um Laufkundschaft, sondern um die Qualität der Kunstwerke. Ich spreche ohnehin die Sammler gezielt an.“ Und wie haben die Kollegen reagiert? „Keine Ahnung“, sagt er. Er hätte sich die Halle einige Male angeschaut mit „seinen“ Künstlern zusammen. Fünf waren es, darunter auch Bjorn Melhus und Thomas Rentmeister. Deren Reaktion: Gut machbar für die Kunst! Vom ständigen Karawanen-Denken einiger Galeristen, von einem „Hotspot“ zum nächsten zu ziehen, hält er nicht viel. „Das ist nicht mein Ding“, meint er, und man glaubt es ihm.

Seit 2009 ist der Österreicher schon in Berlin, seine Galerie betrieb er zuletzt in der Geschwister-Scholl-Straße, Nähe Humboldt-Universität. „Das lief ganz gut“, sagt er. Große Laufkundschaft hätte es auch dort nicht gegeben. Dass er nun während der Berlin Art Week eröffnet, ist bestens eingetaktet. Die Eröffnung am Freitag wird rappelvoll werden, so ein spezieller Standort lockt definitiv das Kunstvölkchen in den Wedding. Ohnehin ist der Bezirk mit den Uferhallen und ExRotaprint kulturell längst nicht mehr im toten Winkel.

Galerie Patrick Ebensperger, Plantagenstr. X, Wedding. Eröffnung: 20.9., 18 Uhr. Di-Fr 12-18.30 Uhr, Sa 12-16 Uhr. Bis 16. November

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.