Art Week

Berlin erfindet sich immer wieder neu und bleibt Baustelle

Sie ist nichts für die Champagner-Fraktion der Kunstszene: Die abc wirft einen eher nüchternen Blick auf die Stadt. Ein Rundgang durch die Verkaufsausstellung in der Station am Gleisdreieck.

Foto: DAVIDS/Darmer / DAVIDS

Berlin, nahe Hallesches Tor auf dem Weg zum Gleisdreieck, Luckenwalder Straße. „Jeden Tag ‘ne neue Baustelle“, flucht der Taxifahrer, der uns dorthin kutschiert. Ein Umweg unvermeidbar, wir sind zu spät. Egal, irgendwie gewöhnt man sich an diesen Zustand.

Wir betreten die abc, Herzstück der Berlin Art Week, und schauen am Eingang direkt auf eine graue Ziegelwand, noch frisch gemauert am Tag zuvor. Ein Déjà-vu: Der Alltag der Straße kommt zur Kunst. Ein blauer niegelnagelneuer Baucontainer steht schräg in einer der drei Ausstellungshallen, arrangiert von Maria Eichhorn, die in der Stadt lebt. Wir wissen nicht, ob Schutt drin ist, Ketten versiegeln den Kasten.

Danilo Duenas montierte auf einem Baugerüst vier Holztüren aus Altbauwohnungen, die sich nun etwas schräg in die Höhe türmen. Der kolumbianische Künstler arbeitet stets mit vorgefundenen Dingen, die andere auf den Müll werfen.

In Halle eins riecht es komisch verkohlt. Nahezu abgebrannt ist die Holzwand des Künstlerduos Muntean/Rosenblum, Ruß liegt am Boden. Selbst auf ein Gemälde ist der Brand übergegangen. Das Markenzeichen der beiden Maler: junge Leute, die etwas verloren agieren in seltsam leeren Landschaften, in Betonwüsten und auf Fabrikarealen.

Überall also Baustellen-Ästhetik. Alles ist einfach vom Material und reduziert, entsprechend auch die offene, flexible Ausstellungsarchitektur. Sie stammt auch dieses Mal wieder von Manuel Raeder, der Stahlgerüste und Bauzäune aufstellt, die mobile Struktur geben für verschiedene Präsentationsformen.

Ein Event für Nachwuchssammler

Na ja, man kann das Retro-Schick nennen. Tatsächlich aber wirkt nichts aufgesetzt, man bemüht, Gott sei Dank, nicht den müden Berlin-Mythos, sondern wirft eher einen nüchternen Blick auf diese Stadt. So, wie sie wirklich ist und wie sie immer wieder versucht, sich spielerisch neu zu erfinden, auch als Produktionsstandort vieler, vieler junger Künstler. Und den Mut der experimentellen Jung-Galerien wie Tanja Wagner darf man durchaus bewundern. Sie zeigt eine wuchtige Eisskulptur, die sich im Laufe der Schau auflöst und langsam eine Zeichnung freilegt.

Ein Thema hat die abc nicht, die trotzig keine Messe sein will. Weil die Ansprüche zu groß und die Messlatte für ein Messeformat ohnehin zu hoch sind. Klar, die Galerien wollen und müssen auch in Berlin mit der Kunst verdienen, aber eben anders, weil die Stadt nun einmal anders tickt. Eins ist klar: Dieses Event ist absolut nichts für die glamourselige Champagner-Fraktion des Kunstbetriebs. Die großen Sammler werden nicht bedient, die marktträchtigen Global Player sind nicht dabei. Aber es gibt für beide schließlich das exklusive Gallery Weekend im Frühjahr. Unter Maike Cruse, der neuen Leiterin, richtet sich der Fokus bewusst auf junge Nachwuchssammler, deren Portemonnaie (noch) nicht allzu strapazierfähig ist.

121 Künstler sind dabei und 130 Galerien, über die Hälfte davon aus Berlin. Gezeigt werden ausschließlich Einzelpräsentationen, oft temporär und extra für die Verkaufsschau realisiert. Auffallend ist, dass sich heuer viele Galerien zusammengetan haben und „ihren“ Künstler gemeinsam zeigen. Das spart nicht nur Geld, sondern stärkt Künstler wie galeristische Aktivitäten. Es gibt viele Soundarbeiten wie die Steine von Hannah Weinberger, die überall verteilt sind und klingeln wie ein Handy. Schlingensief-Witwe Aino Laberenz montierte eine Collage mit Stimmen und Geräuschen, die sie im und ums Operndorf in Burkina Faso aufgenommen hat.

Nicht zu übersehen, das Performative dominiert, allein 14 Projekträume sind dabei. Am Eingang, hinter der Ziegelwand übrigens verbirgt sich ihre Bühne. Alle zwei Stunden werden hier „upcoming exhibitions“ aufgebaut, schnell wechselnde Ausstellungen, die zeigen, wie man so etwas macht. Im Übergang begriffen sind auch die wunderbar ephemeren Arbeiten von Björn Braun. Zwei Zebrafinken haben mitgemacht. Der Künstler gab ihnen Gräser, Federn, Bast, synthetische Fasern als Baumaterial, daraus bastelten die beiden flauschige, vielfarbige Nester, die Meyer Riegger auf Sockeln präsentiert.

Auf deutsch-deutsche Geschichte setzt Blain Southern mit Nasan Tur, der die Türen eines Stasi-Gefängnisses fotografierte. Die Serie hängt in einem begehbaren Kabuff, den Maßen einer Zelle entsprechend. Brigitte Waldach öffnet ihre „Brain Box“ und beschäftigt sich mit der Radikalisierung der RAF und wie sich aus einer Idee eine Ideologie verfestigt. Jan Peter Hammer sucht in der Stadt nach Spuren und Symbolen der DDR, ein Bronzerelief zeigt, wie politische Systeme funktionieren.

Über Berlins Tellerrand hinweg schaut Santiago Sierra Richtung Algerien. Dort hat er 2012 per Satellit das Flüchtlingscamp Smara aufgenommen. Mit einer Planiermaschine schrieb er die Lettern S.O.S. in den Wüstensand. 17 Kilometer lang, 1,7 Meter breit, das „größte Graffiti der Welt“. Auf der abc allerdings geht es etwas unter.

abc, Station, Luckenwalder Str. 4-6. Bis 22. September, 12 bis 19 Uhr.