Eigentlich hätte man an diesem Nachmittag über Baustellen reden können. Direkt vor dem Haupteingang des Roten Rathauses, das passend zum Namen der künftigen U-Bahn-Station neuerdings bei offiziellen Anlässen als „Berliner Rathaus“ bezeichnet wird, wird viel Erde bewegt. Für Dietmar Schwarz, dem Intendanten der Deutschen Oper, ein vertrautes Bild, vor seinem Haus buddelt die BVG seit vielen Monaten.
Und Jürgen Flimm, der Kollege von der Staatsoper, dürfte auf seinem Weg vom Ausweichquartier Schiller-Theater zum Amtssitz von Klaus Wowereit an der Baustelle der Staatsoper Unter den Linden vorbeigekommen sein. Ein Dauerärgernis, weil sich die Arbeiten in die Länge ziehen und sich mittlerweile niemand auf einen Eröffnungstermin festlegen will. Ursprünglich sollte die feierliche Wiedereröffnung des sanierten Operntempels am 3. Oktober 2013 stattfinden, also in zwei Wochen.
Das Baustellen-Desaster war aber zumindest im offiziellen Teil kein Thema, hinterher nutzte Flimm die Gelegenheit zu einem Vier-Augen-Gespräch mit Wowereit, denn auch Daniel Barenboim, seit 1992 Generalmusikdirektor der Staatsoper, ging mit keinem Wort darauf ein. Der Stardirigent und weltweit geschätzter Pianist wurde am Donnerstag vom Regierenden Bürgermeister mit der Ernst-Reuter-Plakette ausgezeichnet. Eine der höchsten Ehrungen, die das Land Berlin vergibt, wie Wowereit sagte. Gekommen waren neben Botschaftern viele Prominente wie Ex-Kulturstaatsminister Michael Naumann, Egon Bahr, der Architekt der Ostverträge und die Choreografin Sasha Waltz.
Erster Berlin-Auftritt vor 50 Jahren
Mit der Auszeichnung würdigte der Senat das kulturelle und politische Engagement des Generalmusikdirektors. Als „leidenschaftlichen Brückenbauer“ bezeichnete er den 70-jährigen Barenboim. Der Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden habe sich aus ganzem Herzen für das Zusammenwachsen beider Teile der Stadt nach dem Mauerfall eingesetzt. Unter seiner künstlerischen Leitung hätten die Staatsoper und ihr Orchester, die Staatskapelle, Weltniveau erreicht. Mit seinem West-Eastern Divan Orchestra, dem junge arabische und israelische Musiker angehören, sei Barenboim als Friedensstifter für den Nahostkonflikt weltweit unterwegs.
Barenboim sagte, er sei 1963 erstmals für ein Konzert mit dem damaligen Rias-Sinfonie-Orchester nach Berlin gekommen. Ein Jahr später spielte er erstmals mit den Berliner Philharmonikern. Bereits 1954 habe ihn der damalige Chefdirigent, Wilhelm Furtwängler, nach Berlin eingeladen – sein Vater habe die Offerte aber für ihn ausgeschlagen. Neun Jahre nach dem Holocaust sei es für einen Juden noch zu früh gewesen, nach Deutschland zu kommen, sagte der Dirigent.
Barenboim bekräftigte seinen Wunsch, in der Stadt zu bleiben – sein im Sommer 2011 verlängerter Vertrag läuft bis 2022. Er sei von der Staatskapelle als Dirigent auf Lebenszeit ernannt worden. „Ich habe aber Zeichen vom Orchestervorstand, dass eine Verlängerung für die Zeit danach möglich wäre“, sagte Barenboim und sorgte für Heiterkeit unter den Gästen.





