Im Kreis des West-Eastern Divan Orchestra funktioniere diese Utopie, sagt der Gründer und Leiter Daniel Barenboim. Junge Leute aus Israel und arabischen Ländern kommen friedlich zusammen, essen, trinken, reden, streiten auch mal und machen vor allem eines: klassische Musik.

Als Friedensorchester wird das Divan Orchestra oft bezeichnet. Barenboim selbst tut das nie, aber er hört es schon gerne.

Im Hauptberuf ist er Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper Unter den Linden, aber alle Beteiligten wissen, wie viel Herzblut der argentinisch-israelische Stardirigent in sein Nahostorchester steckt.

Berliner Morgenpost: Herr Barenboim, jetzt, da die Friedensverhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern wieder in Gang sind, hat das West Eastern Divan Orchestra seine Pflicht eigentlich erfüllt?

Daniel Barenboim: Also ich bin sehr skeptisch gegenüber diesen Gesprächen. Ich spüre nicht den wirklichen Willen von beiden Seiten, zu einem Friedensabkommen zu kommen. Jeder denkt doch, er kann so weiter machen wie bisher und wird am Ende die Oberhand haben. Eine amerikanische oder ausländische Hilfe kann es nur geben, wenn beide Parteien es wirklich wollen.

Dann glauben Sie, dass beide Seiten mit dem Status Quo eigentlich zufrieden sind?

Ja, beide Seiten denken, der Status Quo ist besser als das, was bei den Gesprächen heraus kommen kann. Leider. Ich würde mich sehr freuen, wenn es anders wäre. Zumal die Amerikaner glauben, dass sie mit ein bisschen mehr Geld die Würde der Palästinenser kaufen können, und sie Israel damit ein bisschen mehr Sicherheit geben. Aber ich glaube nicht, dass man dauerhaft Sicherheit mit Geld kaufen kann. Die Leute müssen es selber wollen.

In den Ländern um Israel herum ist seit dem „Arabischen Frühling“ vieles in Umbruch, einiges versinkt geradezu im Chaos.

Die Instabilität der Region macht mich auch sehr traurig. Denn im Grunde genommen sind die Israelis wie die Palästinenser mehrheitlich säkulare Völker, die jetzt in einem See von Aberglauben, von Fundamentalismus schwimmen. Die Lösung ihres Konflikt halte ich für einen Schlüssel für vieles im Nahen Osten. Ich teile überhaupt nicht die Auffassung, dass der Konflikt zwischen den Israelis und Palästinensern jetzt zweitrangig wäre, weil man sich doch mehr um Ägypten, Syrien, Irak, Afghanistan oder den Iran kümmern müsse.

Schauen wir einmal ins Orchester…

…das deutlich besser funktioniert. (lacht)

Haben die neuen politischen Probleme im Nahen Osten Auswirkungen auf das Innenleben des Jugendorchesters?

Es ist ein bisschen schwieriger für einige syrische Musiker. Aber andere haben Syrien sowieso schon verlassen und kommen umso lieber zu uns. Im Fall von Ägypten gibt es im Moment keine zusätzlichen Probleme. Aber Ägypten hatte schon immer eine komplizierte Haltung zu Israel, erst durch den Druck anderer Staaten kam es zu einem Friedensabkommen. Aber dieser Frieden ist gefühlt immer noch 20 Grad kälter als der Kalte Krieg. Es gab nie ein wohlwollendes Klima, wenn irgendwo Ägypter und Israelis zusammen kamen. Auch nicht im Divan. Dabei hat das Orchester mit keiner Regierung zu tun, weder mit der israelischen noch mit anderen.

Wohin gehört das West-Eastern Divan Orchestra dann?

Um eine kurze Antwort zu geben: Wir haben mehr und mehr das Gefühl, ein Exilorchester zu sein. Wir dürfen überall auf der Welt spielen, das Orchester ist ein Mythos geworden, ob in Europa, Asien oder Amerika, aber wir sind nicht in der Lage, in den Ländern des Nahen Ostens zu spielen, die das Orchester repräsentiert. Das ist doch unnormal.

Ist eine Besserung in Sicht?

In den kommenden Jahren nicht. Aber wir werden weiter machen. Deshalb ist für die Zukunft auch unsere Akademie, die 2016 in Berlin eröffnet wird, sehr wichtig. Sie trägt alle Zeichen einer Exilinstitution. Ähnlich Denkende, ob Israelis oder Araber, werden sich in Berlin einfinden müssen, um miteinander reden und musizieren zu können.

Die Frage nach dem Innenleben des Orchester zielte auch darauf, ob es jetzt wieder mehr Spannungen zwischen Ihren jungen Musikern gibt.

Nein. Der Geist des Miteinanders ist derselbe geblieben. Und wir haben viele neue Mitglieder gewonnen. In den letzten drei Jahren war das unmöglich, weil wir den Beethoven-Zyklus gespielt haben. Aber jetzt, mit neuem Programm, haben wir viele hochbegabte junge Musiker hinzu bekommen. Israelis, Ägypter, syrische Geiger, ich bin wirklich ganz stolz darauf.

Wie ist denn die aktuelle Zusammensetzung des Orchesters?

Die ist mehr oder weniger so geblieben, wie sie immer war: 40 Prozent Israelis, 40 Prozent Araber inklusive der Türken und 20 Prozent Spanier.

Das Orchester wurde 1999 zur Kulturhauptstadt Weimar gegründet. Was ist anders gekommen, als Sie damals dachten?

Ich habe damals nicht geglaubt, dass sich das Orchester so schnell entwickelt. Für mich ist es 2007 erwachsen geworden, als wir fast überall in Europa die Schönberg-Variationen gespielt haben. Das wäre 1999 undenkbar gewesen. Jetzt verfügt das Orchester über eine unglaubliche Homogenität. Wir arbeiten aber auch wirklich sehr hart daran. Und wir spielen so viel unterschiedliches Repertoire.

In der Waldbühne dirigieren Sie Verdi, Wagner und Berlioz. Wie erklären Sie Musikern aus dem Nahen Osten, die nicht mit europäischer Musik aufgewachsen sind, den Geist so grundverschiedener Komponisten?

Es war spannend für mich, drei Komponisten aus ungefähr derselben Zeit demonstrieren zu können. Ihre stilistischen Unterschiede zu erklären, das war selbst für mich eine Lehrstunde. Ein punktierter Rhythmus bei Wagner ist breit und deswegen wie am Anfang der „Meistersinger“-Ouvertüre ein Beispiel von Größe. Der punktierte Rhythmus bei Verdi klingt oft wie eine Drohung, den muss man verspätet oder getrieben spielen. Um solche Dinge ging es. Biografische Sachen spielen dagegen für mich in den Proben keine Rolle.

Haben Ihre Musiker einen Favoriten?

Sie sind schon sehr fasziniert von Wagner.

Es gibt neue Mitglieder: Was ist Ihre erste, die wichtigste Frage, wenn sich Ihnen ein junger Musiker vorstellt?

Was spielst Du?

Und dann?

Dann spielt er. (lacht) Wenn ich das Gefühl habe, er macht aus Gedankenlosigkeit Dinge, die ich nicht gut finde, dann frage ich nach. Damit prüfe ich auch die Schnelligkeit, auf Anregungen zu reagieren. Aber ein Vorspiel dauert nie länger als zehn, fünfzehn Minuten.

Mit dem Jugendorchester sind Sie auf einer ausgedehnten Tournee. Denken Sie manchmal noch an die ganzen Probleme rund um die Staatsopern-Sanierung? Bleibt es bei der Wiedereröffnung 2015?

Ich habe das ganze Thema ein bisschen weggeschoben, weil mir der neue Projektsteuerer gesagt hat, wir werden erst im März oder April wissen, wann die Oper wieder eröffnet werden kann. Ich habe keine andere Wahl, bis dahin muss ich warten.

Nahost Das West-Eastern Divan Orchestra wurde in Weimar im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt 1999 von Daniel Barenboim und Edward Said gegründet. Es setzt sich aus Musikern zwischen 14 bis 25 Jahren zusammen, die aus Ägypten, Syrien, Iran, dem Libanon, Jordanien, Tunesien, Israel, Palästina und Andalusien kommen. Einmal im Jahr proben sie und gehen auf Tournee.

Waldbühne Das Jugendorchester spielt am Sonntag ab 19 Uhr unter Leitung Daniel Barenboims. Auf dem Programm des 3. Waldbühnenkonzerts stehen Verdis Ouvertüre aus „La forza del destino“ und das Prelude zu Akt 1 & 4 aus „La Traviata“, Wagners Vorspiel und Liebestod aus „Tristan und Isolde“, die „Meistersinger“-Ouvertüre sowie Berlioz’ „Symphonie Fantastique“.

Akademie Die Erlöse des Waldbühnenkonzerts kommen der Barenboim-Said-Akademie zu Gute. Die Akademie ist im ehemaligen Magazingebäude der Staatsoper angesiedelt, demnächst beginnen die Bauarbeiten. Der Bund hat dafür 20 Mio. Euro bereit gestellt. Von 2016 an werden junge Stipendiaten aus Israel und arabischen Gesellschaften ihr Studium dort aufnehmen können.