Zu einem Eröffnungsfest lädt Intendant Jürgen Flimm an diesem Sonntag ins Berliner Schiller-Theater an der Bismarckstraße 110 in Charlottenburg ein. Ab 14 Uhr präsentieren sich Staatsopernsänger, Musiker der Staatskapelle, liest Schauspieler Klaus Schreiber aus Opernlibretti.

Jürgen Flimm, 72, der sich gerade erst von einem Schlaganfall erholt hat, ist gleich mehrfach zu erleben. In Bernd Alois Zimmermanns „Die fromme Helene“ nach Wilhelm Busch ist er der Erzähler, kurz danach veranstaltet er eine Applausschule.

Die Berliner Morgenpost traf den Intendanten.

Berliner Morgenpost: Herr Flimm, an diesem Sonntag eröffnen Sie Ihre vierte Saison im Schiller-Theater. Ursprünglich sollte jetzt die sanierte Staatsoper Unter den Linden eröffnet werden. Die Ungewissheit kann doch nicht spurlos am Ensemble vorüber gehen?

Jürgen Flimm: Die Sehnsucht wird nicht geringer, wieder nach Hause zu wollen. Aber es herrscht deswegen keine Traurigkeit, das Schiller-Theater ist nicht voller depressiver Leute. Ich will jetzt keine Propaganda machen, aber die Leute arbeiten hier ganz gerne.

Sie sind gebeten worden, Ihren Vertrag um ein Jahr bis 2017 zu verlängern.

Ja, ich will den Vertrag verlängern. Es ist noch nicht unterschrieben, aber das ist nur noch Papierkram. Ich möchte gerne mit vielen anderen hier im Hause umziehen in die neue alte Staatsoper. Ansonsten käme mir mein ganzes Hiersein etwas unvollständig vor, wenn ich jetzt von der Fahne ginge. Ich bin ja hergekommen, da sprachen wir alle von der Wiedereröffnung 2013. Das verschob sich aus vielen Gründen. Jetzt heißt es offiziell 2015.

Genau genommen droht doch eine weitere Verschiebung auf 2016?

Da lege ich mich nicht mehr fest. Das weiß keiner.

Ist das der Grund für Ihre Verlängerung?

Ich war letztens mit Regula Lüscher, der Senatsbaudirektorin, essen, und habe sie nicht nach dem Eröffnungstermin gefragt. Daniel Barenboim und ich haben irgendwann beschlossen, uns nicht mehr darüber aufzuregen.

Aber das Ganze bedeutet doch, dass Sie mit der Staatsoper bis 2016 im Schiller-Theater bleiben?

Ich persönlich rechne damit, dass aus 2015 nichts mehr wird. Das ist jetzt kein offizielles Statement, nur mein Bauchgefühl. Noch steht das Datum drüber. Aber irgendwie traut sich keiner in Berlin das abzusagen.

Manche Ihrer Mitarbeiter werden die alte Staatsoper gar nicht mehr kennen?

Ach nein, aber wir sind froh, wenn wir wieder im Forum Fridericianum sind, wie sich manche hoch gestochen ausdrücken. Wenn wir wieder im alten Berlin sind, bei der Humboldt-Universität und der Bibliothek. In diese Kulturnachbarschaft wollen wir wieder zurück.

Ist es nicht vielleicht Ihr innigster Herzenswunsch, einfach hierzubleiben?

Nein, mein tiefster Wunsch ist, dass ich auch rüber will. Das ist schließlich auch mein Abschied. Der Umzug zurück, dann noch ein Jahr – das ist für einen Berserker wie mich, der immer am Theater gearbeitet hat, gar nicht leicht. Insofern bin ich vielleicht sogar froh, wenn es noch ein Jährchen länger dauert. (lacht)

Aha, dann haben Sie die Bauarbeiten sabotiert?

Bravo, Sie haben es heraus bekommen.

Genau genommen waren Sie auch immer der Intendant des Schiller-Theaters?

Nicht ganz, es gab ein Vorbereitungsjahr Unter den Linden. Und Schiller-Theater-Intendant hätte ich auch schon mal werden können. Das hatte mir Volker Hassemer einmal angeboten, da war ich noch in Hamburg. Damals habe ich ihm gesagt, das Theater macht so viele Premieren, so viele weiße Hemden habe ich gar nicht im Schrank. Und jetzt bin ich doch in diesem Theater.

In dieser Saison sind eine Reihe von Stars angekündigt. Anna Netrebko wird im November als Leonore in „Il Trovatore“ debütieren. Die letzte Produktion hat Sie Ihnen ziemlich kurzfristig abgesagt. Kommt Sie diesmal wirklich?

Meine Oma sagte immer: Bin ich Prophete...

Intendanten müssen das können.

Sie fand die Inszenierung von Philipp Stölzl in Wien sehr lustig und sehr gut. Es gibt keinen Grund, an ihrem Kommen zu zweifeln. Zumal sie diese Leonore auch noch anderswo singen will.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Die einen werden sagen, er ist ein autoritärer Mensch. Die anderen sagen, wieso, der ist doch nett. Das ist schwierig. Generell versuche ich es, möglichst kollegial zu machen – mit viel sitzen und reden. Was nicht heißt, dass es auch mal ein Donnerwetter gibt. Schließlich muss ich meine Nase zum Fenster raus halten. Es wird oft unterschätzt, was das für eine Belastung ist. Es rappelt schon mal im Karton.

Wo gibt es das Donnerwetter: auf oder hinter der Bühne?

Auf der Bühne keinesfalls, und hinter der Bühne ist es auch nicht notwendig. Nein, es geht um fahrlässige Organisationsfehler. Meistens bei den Spielplänen, bei Fehldispositionen.

Wir haben nicht den Eindruck, dass Sie zu den älteren Jahrgängen gehören, die andauernd Namen vergessen und immer dieselben Anekdoten erzählen.

Naja, mein Anekdotenschatz ist nach drei Jahren langsam aufgebraucht. Ich merke manchmal schon, wie meine Mitarbeiter versteinern, wenn ich ihnen eine Anekdote erzähle.

Sagen Sie doch bitte einmal, worauf Sie sich selbst in dieser Saison besonders freuen?

Ich freue mich auf „Trovatore“, weil wir neben Anna Netrebko und Placido Domingo den wunderbaren Tenor Aleksandrs Antonenko im Hause haben. Eine schräge und damit schöne Aufführung wird Nicolas Stemann mit einem Text der Elfriede Jelinek machen. Die Uraufführung von „Rein Gold“ ist unser Epilog zum Wagner-Jahr. Das wird eine Musik-Collage mit Sängern und Schauspielern. Für ein Opernhaus ist das ungewöhnlich. Dann macht Regisseurin Katie Mitchell noch „Neither“ von Feldman und „Footfalls“ von Beckett dazu.

Alles Theater. Ihnen wird es in der Staatsoper Unter den Linden, wenn wieder große Oper gefordert ist, ziemlich langweilig sein.

Ach nein, ich mag aber diese Art von Projekten zwischen Oper und Theater.

Vielleicht sollten Sie 2017 als Chef am Schiller-Theater bleiben?

Es gibt genügend Theater in Berlin. Das Schiller-Theater sollte besser ein Tanzhaus werden. Die Bühne ist super für Tanz. Hier könnten sich das Staatsballett ebenso wie Sasha Waltz mit ihrer Compagnie ansiedeln. Das würde ich als Politiker so machen.

Was werden Sie nach 2017 machen?

Ich möchte keinesfalls der älteste Intendant Deutschlands werden und mit einem Rollator durch die Gänge fahren. Ich werde einfach aufhören.