Bühne

Wahnsinn im Dreiviertel-Takt - Nabucco an der Deutschen Oper

| Lesedauer: 3 Minuten
Volker Blech

Foto: ** / Bernd Uhlig

Keith Warner erzählt Verdis „Nabucco“ als Märchen, das niemandem wehtut. Offenen Szenenapplaus erhält der Chor der Deutschen Oper. Der Abend endet ohne übergroße Leidenschaften.

Mit Verdis früher Oper „Nabucco“ ist die Berliner Premierensaison eröffnet worden. Die Deutsche Oper ist damit gleich von einem Extrem ins andere gefallen – gewissermaßen vom Tumult in die gepflegte Muße. Die letzte „Nabucco“-Produktion von Skandalregisseur Hans Neuenfels hatte vor 13 Jahren nicht nur wegen tanzender Priester im Biene-Maja-Kostüm Proteste ausgelöst.

Weil das Publikum das nicht mehr sehen wollte, kam jetzt im Verdi-Jubiläumsjahr der konservative Brite Keith Warner zum Zug. Der Regisseur tut wirklich niemandem weh. Er hat die seltene Gabe, dem Publikum große, szenisch beeindruckende Symbole entgegen zu halten, worüber dieses stundenlang grübeln und keine tiefer liegende Erklärung finden kann.

Dafür liefert die krude Opernhandlung von „Nabucco“ allerdings auch eine ideale Vorlage. Zwei Handlungsstränge sind ineinander verflochten: Auf der einen Seite ist es die Geschichte der Juden, die sich aus babylonischer Herrschaft befreien wollen, auf der anderen Seite ruft sich der babylonische König Nabucco als Gott aus, wird wahnsinnig, von der Tochter kalt gestellt und ist am Ende geläutert.

Warner lässt schließlich noch einen alten Mann über die Bühne schlurfen, wahrscheinlich Gott höchstpersönlich. Aber nichts Genaueres ist über die zweidreiviertel Stunden hinweg zu erfahren. Der Regisseur hat sein Opernmärchen ins Verdi-Zeitalter verlegt. Gut gekleidete Juden beten eine riesige Druckmaschine an, die riesige Schriftzeichen ausspuckt. Vitalij Kowaljow als Hohepriester Zaccaria ist mit seinem sonoren, mächtigen Bass einer der Hauptstreiter des Verdi-Abends.

Opernchor erhält Szenenapplaus

Die Babylonier dagegen sind kleine Militärs, die paarweise wie im Kindergarten durch die Gegend laufen. Eine individuelle Personenführung ist in dieser Inszenierung nebensächlich. Der wunderbare Chor der Deutschen Oper zwängt sich, so sieht es die Choroper vor, immer wieder auf die Bühne und singt etwa voller dahinströmender Poesie den populären Gefangenenchor.

Wofür er Applaus auf offener Szene bekommt. Die Solisten stehen überall herum, weil sie eigentlich nicht wissen, was sie tun. Außer schön singen. Was wiederum seinen Vorteil hat: Herumreisende Sänger können sich abends schnell in die Regie einfinden. Bei der Premiere gefallen auch Yosep Kang als tenoral schmachtender Ismaele und Jana Kurucova als anbetungswürdige Fenena.

Bemerkenswert aus der Szene gefallen ist die Abigaille von Anna Smirnova, die Sopranistin hält die ungeliebte Tochter Nabuccos unter nervöser Hochspannung. Irgendwann muss sie sich auch auf einigen roten Kissen rekeln. Das ist bei Warner das Sündenbabel. Die Babylonier regieren außerdem in einem Turm mit Wendeltreppe und irgendwann hängen sprachverwirrt viele Schriftrollen von der Decke herunter.

Die Inszenierung lebt von Stimmungen, weniger von Deutungen. Musikalisch hält Andrea Battistoni die Zügel streng in der Hand. Ein homogener Abend ohne übergroße Leidenschaften. Wahnsinn im munteren Dreiviertel-Takt. Am Ende gibt es viel freundlichen Beifall. Den hätte auch der Regisseur bekommen. Aber Keith Warner erscheint nicht zum Schlussapplaus auf der Bühne, er war bereits zu seiner schwer erkrankten Frau nach London abgereist.