Ein Hotel in Salzburg. Jonas Kaufmann, 44 Jahre alt, kommt von der Probe. Plácido Domingo, er ist 72, will sich gleich eine Vorstellung ansehen. Zum ersten Mal reden die beiden gefragtesten Tenöre der Opernwelt – auch wenn der eine inzwischen vorwiegend Baritonrollen singt – zu zweit über ihren Beruf, über Glück und Last und natürlich über Giuseppe Verdi, der im Oktober zweihundertsten Geburtstag hat, den beide gern singen und dem sie jeweils auch ein aktuelles Arienalbum bei Sony gewidmet haben. Manuel Brug traf die beiden.
Berliner Morgenpost: Der Legende zufolge sind Tenöre eitel und dumm. Was hat es damit auf sich?
Plácido Domingo: Dumme Tenöre? Kennst du welche?
Jonas Kaufmann: Nein! Aber wir kennen natürlich alle Witze über sie. Schon um die Pointen immer schon vorwegnehmen zu können. Und manche dieser Witze sind wirklich lustig. Ich glaube übrigens, dass der einzige Grund, warum es Tenorwitze gibt, darin liegt, dass wir Tenöre so gut damit umgehen können. Die Baritone schaffen das nicht.
Domingo: Der Bariton erfüllt, was der Tenor verspricht – schon wieder ein Tenorwitz. Wir sind eben das, was im Orchester die Bratschisten sind. Irgendjemand muss als Blitzableiter herhalten. Vielleicht sind wir robuster in dieser Hinsicht, obwohl wir ja sonst als besonders fragil und zickig gelten.
Haben Sie denn nun Allüren?
Kaufmann: Nur die üblichen. Wir müssen uns schließlich zu schützen wissen. Aber man kann sich im Opernbetrieb heute Mätzchen eigentlich gar nicht mehr leisten, man muss funktionieren, sonst gilt man als schwierig.
Domingo: Ich fand Allüren immer anstrengend, für mich und meine Umgebung. Also habe ich weitgehend darauf verzichtet. Wenn man alle Bedingungen vorher klärt, kommt es weder zu Tenorausfällen noch zu Tenorwitzen.
Haben wir zu wenige Startenöre?
Domingo: Wenn früher Franco Corelli für die „Tosca“ abgesagt hat, dann gab es noch Carlo Bergonzi, Richard Tucker, Giacomo Aragall, Sándor Kónya und Luciano Pavarotti als prominente Einspringer. Und was ist heute, wenn Jonas krank ist? Ich könnte nicht mehr einspringen. Bei Verdi und Puccini sehe ich tatsächlich eine Wüste. Man muss also nett zu Jonas sein und ihn besonders gut behandeln.
Herr Kaufmann, können Sie sich erinnern, wann Sie Plácido Domingo erstmals gehört haben?
Kaufmann: Nicht wirklich. Wir hatten viele Opernplatten daheim, meine Familie liebt Gesang. Ich weiß noch, dass ich bei meiner Großmutter eine Domingo-Kassette mit „Dein ist mein ganzes Herz“ und „Granada“ so lange gehört habe, bis sie nicht mehr funktionierte.
Und, Herr Domingo, können Sie sich erinnern, wann Sie Jonas Kaufmann zum ersten Mal gehört haben?
Domingo: Als wir 2004 in London waren, gab es Puccinis „La Rondine“, eine Oper, die meine Frau schon inszeniert hatte. Da ging sie hin, aus Neugier, und hörte Jonas. Dann hat sie mich hingeschickt, weil sie meinte, der Mann sehe gut aus, er könne spielen, und Stimme habe er auch. Natürlich habe ich als Direktor der Los Angeles Opera versucht, ihn zu engagieren, das ist mir nicht gelungen. Immerhin gab er dort 2011 sein Liederabend-Debüt in den USA.
Wobei ihm die deutschen Rollen naturgemäß eher leichtfallen als Ihnen.
Domingo: Ich weiß, was jetzt kommt: mein Akzent! Ich hatte es schwer. Als Spanier muss ich stets in fremden Sprachen singen, selbst Italienisch ist für mich nicht einfach; ich beneide Jonas. Bei Wagner muss er über die Aussprache nie nachdenken. Ich finde aber zum Beispiel Deutsch einfacher als Französisch.
Kaufmann: Ich finde schon Deutsch schwer. Ich wäre froh, wenn ich dabei nicht nachdenken müsste, gesprochene Sprache unterscheidet sich stark von der gesungenen. Man muss als Sänger anders artikulieren, damit es auf der Bühne richtig und natürlich klingt. Deshalb finde ich oft, dass man fremdsprachige Sänger im deutschen Repertoire besser versteht, weil sie sich mehr Mühe geben.
Plácido Domingo ist bei der 145. Rolle. Zählen Sie schon Ihre Partien?
Kaufmann: Nein. Vielleicht tut es ja jemand für mich. Was ich von Plácido gelernt habe: Neugierde ist eine der Wegmarken einer langen, erfüllten Karriere. Ich möchte als Sänger nicht stehen bleiben. Kein Sänger kann je alles singen, jede Karriere hat ihre verpassten Gelegenheiten. Und natürlich sind neue Rollen die schönsten Herausforderungen. Wer weiß, vielleicht wechsele ich auch mal zum Bariton, die Farben dazu habe ich ja in der Stimme.
Domingo: Ich habe meine Rollen übrigens auch nie gezählt. Es gibt nur ein grünes Büchlein, in dem jeder Auftritt und jede Besetzung eingetragen ist. Das weiß ich, gestern beispielsweise war mein 3675. Auftritt! Inzwischen bin ich Rekordhalter, was Bühnenpartien betrifft, aber das ist nicht, was mich antreibt. Natürlich war es schmerzlich und nicht immer freiwillig, sich von so vielen guten Rollenbekannten verabschieden zu müssen. Ich kann inzwischen gut loslassen, nur von der Bühne mag ich noch nicht abtreten. Meine Reise ins Bariton-Universum finde ich wunderbar. Es ist ein Privileg, da noch stöbern zu dürfen. Ich weiß allerdings nicht, wie Jonas in der Lage war, auf einer Tournee 40-mal den Ferrando in „Così fan tutte“ zu singen. Ich hatte den auch mal im Repertoire, fand ihn aber unglaublich schwer.
Sie beide haben Verdi-Alben eingespielt. Was bedeutet er Ihnen?
Domingo: Ich habe etwa die Hälfte meiner Karriere mit Verdi und Puccini verbracht, und ich habe es gern getan! Er hat mich nie enttäuscht, er ist grundehrlich, fordert nichts Unmögliches. Dem Publikum gefallen seine Werke auch. Ich habe zwanzig seiner Opern gesungen und sämtliche Tenorarien – und jetzt wandle ich auch noch auf seinen Bariton-Pfaden.
Kaufmann: Mit solchen Zahlen kann ich nicht aufwarten, aber mir geht es wie Plácido: Verdi fällt mir leicht. Man sollte freilich Erfahrung haben, ein junger Tenor brüllt sich da gern fest. Wenn ich zwischen einer Serie von Wagner-Aufführungen ein wenig Verdi singe, ist das wie Öl für die Stimme. Bei Wagner oder Puccini ist immer viel Emotion in der Begleitung, die Arien sind dann nur noch ein Rezept, dem man folgen muss – wie ein perfektes Filmskript. Verdi liefert die Melodie, aber man selbst muss sie mit Emotionen erfüllen, um sie zum Atmen zu bringen.



