Kneipenwirt

Olaf Dähmlow bringt ein Stück New Orleans nach Kreuzberg

Vor 30 Jahren jobbte der Jazz- und Bluesfan Olaf Dähmlow als Putzkraft im Yorckschlösschen. Heute gehört ihm das Kreuzberger Lokal, das zugleich zu den beliebtesten Musikbars Berlins zählt.

Foto: Amin Akhtar

Olaf Dähmlow will keine Legende sein. „Ich bewundere ungern die Vergangenheit“, brummt er. „Nostalgischer Kram“. Er zieht an seiner Zigarette. Das ist eine ungewöhnliche Einstellung für den Wirt einer Kneipe voller Geschichte. Noch ungewöhnlicher, wenn er diese Geschichte zum Großteil selber geschrieben hat.

Er ist ein ordentlicher Mann, dieser Olaf Dähmlow. Ein gründlicher Barkeeper. Vor allem aber ist er ein Mensch, der in jeder Krise die Chance für einen Neuanfang sieht. 1978 kam er zum ersten Mal ins Yorckschlösschen. „Die Kneipe war damals eine Säuferspelunke“, sagt er. Die Aschenbecher quollen über, die Gäste kippten reihenweise betrunken von den Barhockern.

Dähmlow kam „aus der Provinz“

Es war die Zeit der Kreuzberger Künstlerszene. Einer Szene, die, wie Dähmlow sagt, später an sich selbst zugrunde gehen sollte. „Von nichts gelebt, an allem gestorben“, hieß es damals. Und mittendrin: der junge Olaf Dähmlow. Er kam aus Frankfurt, „aus der Provinz“, scherzt er. Wie viele andere folgte der gelernte Kaufmann dem Ruf der Kunst nach Berlin. Bühnenbildner wollte er werden. Stattdessen fing er als Putzkraft im Yorckschlösschen an. Das gab 30 Mark, fünfmal die Woche. Die Gäste der Kneipe waren nicht unbedingt begeistert von dem gewissenhaften Neuzugang. „Das mochten die gar nicht, dass jemand um sie herum aufräumte. Schnell wusste jeder: Der Olaf, dass ist der mit dem Besen“.

„Ich war immer gut darin, Dinge auszuhalten“, sagt er. Das musste er auch sein. Er trank keinen Alkohol und arbeitete in einer berüchtigten Kneipe. Er war ordentlich und verbrachte seinen Tag im Chaos. Es war die Mühe wert. Kein halbes Jahr dauerte es, bis aus der Putzkraft ein Kellner wurde, wenig später leitete er das Yorckschlösschen. „Ich habe mein ganzes gastronomisches Handwerk hier gelernt“, sagt er und grinst bei der Erinnerung an seine Anfänge. Es gibt eine Geschichte, die unter denen die ihn kennen inzwischen legendär geworden ist. Ein Gast bestellte ein Glas Metaxa und Dähmlow – der Nichttrinker – rief ihm eine Taxe.

Fünfmal die Woche gibt es Livemusik

Dähmlow machte aus der Spelunke eine der beliebtesten Musikbars der Stadt. 1984 kaufte er das Haus, in dessen Erdgeschoss die Kneipe liegt. Die Mieter sind handverlesen, damit sich niemand über den Lärm beschwert. Er selbst wohnt nach wie vor im vierten Stock. Seitdem hat sich das Gesicht des Yorckschlösschens verändert. Ab und zu kommen trotzdem Gäste, die behaupten, der Laden sehe aus wie schon seit 100 Jahren. „Ich lasse die in ihrem Glauben“, sagt Dähmlow. Doch er hat der Bar seinen Stempel aufgedrückt. Die Wände sind tapeziert mit den Bildern berühmter Musiker. Zwei Klaviere stehen an der Wand, auf einer Bühne glänzt ein Schlagzeug. Darum geht es schließlich im Yorckschlösschen. Um Jazz, um R&B, um Blues, Soul und Funk.

„Wir hatten schon früher Konzerte hier, alle sechs Wochen vielleicht“, sagt Dähmlow. Seit er die Kneipe übernommen hat, sind es deutlich mehr geworden. Fünfmal die Woche spielen Musiker im Yorckschlösschen. An jedem Tag außer Montag und Dienstag wird getanzt, getrunken und gegessen. Schon seit Jahrzenten ist die Bar ein Anlaufpunkt für Berliner Musiker. Dähmlow erzählt das ohne Eitelkeit. Konzerte zu veranstalten war für ihn nur logisch. Schließlich hatte er die Bar, die Geduld und die Liebe zur Musik. „Eines kam zum anderen“.

Im Winter wird das Lokal zum Hexenkessel

Es ist voll im Yorckschlösschen. Tag für Tag. Wer bei einem der Konzerte sitzen will, reserviert sich vorher einen Tisch. Im Sommer wird draußen geraucht, der Klang der Musik schwappt durch die geöffneten Türen. Im Winter ist es berstend voll, es wird getanzt und das Wasser läuft die Scheiben herab. „Das Lokal kann zum Hexenkessel werden“, sagt Dähmlow stolz. Darum geht es ihm. Um das Fest und den Sog der schwarzen Musik.

Er fuhr nach New Orleans, zum Jazz and Heritage Festival. Er sah die dunklen Bars der Stadt, in deren schwitziger Hitze dieser Sound geboren wurde. Ein bisschen hat er von dort mitgenommen nach Kreuzberg. Doch das Yorckschlösschen ist mehr als eine Hommage an den amerikanischen Süden. Es ist eine Berliner Eckkneipe.

Eine Hauptstadtbar mit all der nikotingelben Patina, die dazu gehört. Es ist ein Restaurant, ein Café, vor allem aber eine Bühne für die Berliner Musikszene. Weißhaarige Gäste sitzen an der Bühne, direkt hinter ihnen drängeln sich junge, bärtige Männer an der Bar. Manche kommen zum ersten mal, andere sitzen schon seit Jahrzehnten am „Tisch des Grauens“, wie die Kellner den Kreis der Stammgäste nennen.

Musik und Glück

Man könnte viel erzählen über Olaf Dähmlow und seine Kreuzberger „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Geschichte, noch mehr über seinen Glauben daran, dass Musik Menschen glücklich machen kann. Man könnte von der Krise berichten, die mit dem Nichtrauchergesetz über die Kneipe kam, vom Fall der Mauer, als der Stadtteil plötzlich out war, oder von den Größen, die hier bereits gespielt haben. Doch letztlich geht es im Yorckschlösschen tatsächlich nur um eines: um gute Musik.

Es gibt diesen Moment, in dem die Gäste der Bar den Alltag vergessen. Die Menschen fangen an zu tanzen. „Das ist es, was ich will“ sagt Dähmlow. „Und das ist auch, was die Musiker wollen“. Am Ende des Abends, wenn die Instrumente eingepackt werden, der Deckel des Klaviers sich schließt und das hektische „Vorsicht!“ und „Achtung!“ der Kellner verstummt, steht Olaf Dähmlow in seinem Laden und schüttelt Hände. Das ist wichtig. „Viele kommen wieder, weil sie sich hier willkommen fühlen“, sagt er.

Mitten im Kreuzberger Yorckschlösschen ist eine Bronzefigur aufgestellt. Ein befreundeter Bildhauer hat sie gemacht. Sie heißt „Guardian of the Groove“. Der Wächter des Grooves.

Das passt.

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