Kulturmacher

David Bowie im Parkett und an der Vorführmaschine Tom Tykwer

Vor sechs Jahren stand das „Moviemento“ vor dem Aus. Iris Praefke und Wulf Sörgel aber haben aus dem Kreuzberger Traditionskino wieder eine Adresse für Erstaufführungen und Festivals gemacht.

Foto: Marion / Marion Hunger

Morgens um 9.30 Uhr am Kottbusser Damm: Eine Kitagruppe in gelben Leuchtwesten stapft lärmend um die Ecke und verschwindet gleich wieder in einem Aufgang zwischen türkischem Gemüseladen und Spielothek. Schon um diese Zeit, wenn Kreuzberg noch eher verschlafen wirkt, geht es im Kino „Moviemento“ im ersten Stock des Hauses los. Die Abenteuer des Ritter Rost beherrschen heute den ersten Film.

Zwölf Stunden später herrscht hier immer noch Betrieb. Während in vielen anderen Kinos gerade die letzte Vorstellung am Tag läuft, werden im „Moviemento“ die Karten für die Spätvorstellungen verkauft. In allen drei Kinosälen fängt der letzte Film selbst in der Woche ab 22 Uhr an. 14 Stunden Kino, 18 bis 20 Vorstellungen am Tag: Das ist viel für ein Programmkino dieser Größe. Und meistens sind die insgesamt 232 Plätze besetzt. Im vergangenen Jahr kamen 65.000 Besucher ins Moviemento.

Vor sechs Jahren sah das anders aus. 2006 gab es hier gerade mal 16.000 Kinogänger. Erstaufführungen wurden schon lange nicht mehr gespielt. Die Farbe blätterte von den Wänden, die Sitze waren ranzig und unbequem, die Technik funktionierte nicht mehr zuverlässig. Das Kino war pleite und stand kurz vor dem Aus. Als letzte Chance wurden neue Betreiber gesucht und in Iris Praefke und Wulf Sörgel gefunden. „Wir waren ohnehin auf der Suche nach einem Kino“, erzählt die 33-jährige Iris Praefke.

Ältestes Filmtheater in Deutschland

Beide hatten da schon reichlich Erfahrung mit Filmen und Kinos. Der 40-jährige Sörgel hatte 1997 den Filmverleih „Neue Visionen“ mitgegründet, den er noch heute leitet. Zuletzt kam dort die Paradies-Trilogie von Ulrich Seidl „Liebe – Glaube – Hoffnung“ heraus. Iris Praefke hatte während ihres Soziologiestudiums als Filmvorführerin im Studio-Kino Checkpoint und nach dessen Schließung im Nickelodeon gearbeitet. Hier hatten sich die beiden kennengelernt, hier wurden sie ein Paar. Als klar war, dass auch das Nickelodeon schließen würde, sahen sie im Moviemento ihre Chance auf einen Neuanfang.

Das Kino hatte da in seiner 100-jährigen Geschichte schon viele Neuanfänge erlebt. 1907 hatte der Gastronom Alfred Topp über seiner Eckkneipe das erste Kino gegründet. Es gilt damit als ältestes noch erhaltenes Filmtheater in Deutschland. Den Namen „Moviemento“ bekam es erst 1984, in der Anfangszeit wurde es noch „Lichtspielhaus am Zickenplatz“, dem heutigen Hohenstaufenplatz, genannt. Wohl eher unter die Rubrik „Legende“ fällt die Geschichte, dass Topp auch den Begriff Kintopp geprägt habe, der bis Mitte des letzten Jahrhunderts als Synonym für Kino und Film stand.

In den kommenden Jahrzehnten wechselte noch oft der Name: Vitascope, Odeon, Hohenstaufen-Lichtspiele, Taki. „Es war ein Pantoffelkino für die Nachbarschaft“, erzählt Iris Praefke. Fernsehen hatte noch kaum jemand, das Kino war eine Art Wohnzimmer für alle. Unter dem Namen Tali etablierte es sich schließlich als eines der ersten Programmkinos in Berlin und zog viele Künstler an: Rio Reiser saß am Klavier, David Bowie und Nina Hagen kamen als Gäste.

Und dann kam die „Rocky Horror Picture Show“. Mehrere Jahre wurde der Kultfilm jeden Tag gezeigt. Zwei Jahre lang waren die Säle ausverkauft, eigentlich eine sichere Einnahmequelle. Doch das Kino war danach pleite und in desolatem Zustand. „Da wurde wohl eher in Drogen investiert“, sagt Iris Praefke.

Irgendwie aber erholte sich das Kino auch hiervon, und wieder kamen bekannte Gesichter. Der heutige Filmproduzent Claus Boje hat dort gearbeitet und Ende der 80er-Jahre auch Tom Tykwer. Er war gerade aus Wuppertal nach Berlin gezogen und suchte einen Job. Den fand er im Moviemento. „Er schaute sich hier einen Film an, und jemand hatte vergessen, die Filmrolle nachzulegen“, erzählt Wulf Sörgel, „da kam er raus und fragte: Braucht ihr vielleicht noch einen Filmvorführer?“ Noch heute schaut Tykwer manchmal vorbei. Auch bei der Wiedereröffnung 2007 war er dabei.

Als Iris Praefke und Wulf Sörgel das Moviemento übernahmen, kannten sie all die Geschichten mit den großen Namen, auch wenn sie selbst die meisten nicht direkt erlebt haben. Beide haben bis zur Wende in Ost-Berlin gelebt. Unabhängiges Kino war für sie lange nur ein Traum. 2007 konnten sie diesen nun im Moviemento verwirklichen. Erst stand aber eine umfangreiche Renovierung an. Sie griffen selbst zum Pinsel und investierten viel in neue Technik und Teppichböden. Tage und Nächte arbeiteten sie damals. Auch deshalb ist ihnen das Moviemento schnell ans Herz gewachsen. „Heute haben wir zwei Zuhause: Unsere Wohnung in Prenzlauer Berg und unser Kino hier in Kreuzberg“, sagt Iris Praefke.

Kreuzberger Filmszene trifft sich

Zum 100-jährigen Bestehen des Kinos im März 2007 konnten sie das Moviemento wiedereröffnen. Größtes Ziel der jungen Kinobetreiber war es, hier erneut Erstaufführungen zu spielen, Premieren zu feiern, Festivals zu etablieren und am Vormittag Kinderkino zu bieten. Alle Ziele haben die beiden inzwischen umgesetzt. Schon kurz nach der Wiedereröffnung wurde der Dokumentarfilm „Prinzessinnenbad“ gespielt, der Berlinale-Erfolg von 2007 über drei 15-jährige Freundinnen aus Kreuzberg. Filme, die im Kiez spielen, gehören seitdem zum festen Programm des Theaters. Im Mai lief hier exklusiv der Dokumentarfilm „Canim Kreuzberg“, und im August wird „Dr. Ketel“ anlaufen, ein Zukunftsszenario über einen Arzt aus Neukölln.

Filme aus dem Kiez und mit Filmemachern und Darstellern aus dem Kiez: Das ist so etwas wie die persönliche Note, die das Moviemento heute auszeichnet. Und immer mal wieder kommt es vor, dass einer der Mitarbeiter für einen dieser Film gecastet wird. Auch darauf sind Iris Praefke und Wulf Sörgel stolz, weil sie damit ein wenig an die Tradition vergangener Tage anknüpfen.