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In diesem Berliner Museum herrscht im Sommer Hochbetrieb

Martin Faass leitet seit der Eröffnung vor sieben Jahren die Liebermann-Villa. Der Kunsthistoriker hat dem idyllisch am Wannsee gelegenen Museum einen ganz eigenen Charakter verliehen.

Foto: Amin Akhtar

Das Wetter in diesem Sommer lädt nicht gerade ins Museum ein. Höchstens wer eine Abkühlung sucht und nicht ins überfüllte Schwimmbad möchte, findet den Weg in einen klimatisierten Ausstellungsraum. In der Liebermann-Villa am Wannsee ist das anders: Die verzeichnet gerade in den Sommermonaten die meisten Besucher. Der einstige Sommersitz von Max Liebermann ist ein beliebtes Ausflugsziel – nicht nur für Touristen, sondern vor allem auch für Berliner. Sie machen die Hälfte der Besucherschaft aus. Sie kommen, um die Bilder des berühmten Berliner Malers zu betrachten, die Blumenpracht vor dem Haus zu bestaunen und auf der Terrasse des Cafés die Gartenidylle zu genießen. Daher nennt Martin Faass den Ort auch gern ein „Gesamtkunstwerk“. Wo sonst in Berlin kann man Bilder und ihre Originalvorbilder an einem Ort erleben?

Der Kunsthistoriker Martin Faass leitet das Museum seit seiner Eröffnung vor sieben Jahren und hat ihm einen ganz eigenen Charakter verliehen. Neben einer ständigen Sammlung mit Bildern, die vor Ort entstanden sind, zeigt das Museum, das von der privat finanzierten Max Liebermann Gesellschaft Berlin getragen wird, jedes Jahr zwei Sonderausstellungen. In diesem Sommer ist noch bis zum 12. August „Max Liebermann und Frankreich“ zu sehen.

Neben den Ausstellungen hat sich die Liebermann-Villa, in der zehn Mitarbeiter und etwa 130 Ehrenamtliche mitwirken, auch zu einem Forschungszentrum über den Maler entwickelt. Mit Mitteln der Hermann Reemtsma Stiftung gibt das Haus eine Briefedition heraus, es gibt Kooperationen mit der Humboldt-Universität und einen wissenschaftlichen Beirat in der Liebermann Gesellschaft. All diese Projekte koordiniert Faass von seinem Büro in der Villa. Obwohl er vom Schreibtisch nicht auf Garten und Wannsee blicken kann, sondern aufs Dach des Nachbarhauses, hält er dennoch seinen Arbeitsplatz für einen der schönsten in Berlin.

Es geht hier auch um Gartenkunst

Und auch seine Aufgaben seien für einen Kunsthistoriker ungemein vielfältig: „Ich arbeite ja nicht nur im kuratorischen Bereich, es geht hier ja auch um Architektur und Gartenkunst. Dazu gehört auch die Rekonstruktion der Heckengärten, die in den kommenden Monaten ansteht. Bislang stehen die Heckengärten nur zur Hälfte, ein Grünstreifen wurde bislang noch von einem Wassersportklub als Zufahrt zum Wasser genutzt. Der Klub hat nun als Ausgleich einen anderen Zugang zum Wasser bekommen. Finanziert werden der Umzug und die Umgestaltung des Gartens vor allem durch Spenden an die Max Liebermann Gesellschaft. 620.000 Euro sind insgesamt veranschlagt, 260.000 Euro kommen davon vom Bund, 100.000 von der Hermann Reemtsma Stiftung.

Fünf Jahre und viel Überzeugungsarbeit brauchte es auch, bis der Verein nach dem Beschluss zur musealen Nutzung der Villa tatsächlich 2002 mit der Rekonstruktion beginnen konnte. Ziel war es, sie in den ursprünglichen Zustand zu versetzen. Als Anhaltspunkte dienten alte Pläne, Fotos und nicht zuletzt die Bilder Liebermanns. „Damit ist Berlin ein wichtiges Stück Kultur zurückgegeben worden“, sagt Faass.

1909 hatte der Maler das Grundstück gekauft, 1910 war er mit Frau, Tochter und Dackel in die Villa eingezogen und hat sie bis zu seinem Tod 1935 als Sommerhaus genutzt. 1940 wurde seine Frau von den Nazis gezwungen, das Grundstück zu verkaufen. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges war hier ein Krankenhaus untergebracht, das Atelier diente als Operationssaal. 1951 ging das Haus wieder an Liebermanns Familie, die es aber bald an das Land Berlin verkaufte. Danach wurde die Villa bis zu ihrer Umwandlung zum Museum an den Deutschen Unterwasser-Club verpachtet.

Leihgaben kommen aus aller Welt

Als Faass die Leitung des Hauses übernahm, war es zunächst seine wichtigste Aufgabe, das Haus in der deutschen Museumslandschaft zu verankern. Wie sonst sollte er an Leihgaben kommen? Eigene Bilder hatte die Gesellschaft ja nicht. Mittlerweile stehen internationale Museen als Leihgeber bereit: die Nationalgalerie Berlin, das Kunsthaus Zürich, die Nationalgalerie Prag und die Albertina Wien. Für die aktuelle Frankreich-Ausstellung konnte Faass Bilder aus dem Louvre und dem Musee d’Orsay bekommen. Als Kunsthistoriker wird Faass gern gerufen, wenn es um die Beurteilung von Liebermann-Bildern geht. Manchmal sind echte Entdeckungen dabei. „Das sind die ganz großen Momente in meinem Beruf“, sagt er.

Für den 49-Jährigen ist es das erste Museum, das er leitet. Zuvor war er viele Jahre in Hamburg, hat Ausstellungen am Museum für Kunst und Gewerbe und für die Hamburger Kunsthalle kuratiert. Mit Max Liebermann hat sich der Wahlberliner schon während seines Studiums an der FU Berlin beschäftigt. „Die ,Flachsscheuer in Laren’ und die ,Gänserupferinnen’ aus der Nationalgalerie waren als Marksteine der Kunstgeschichte Thema im Studium“, sagt er. Nach seiner Promotion über den Bauhauskünstler Lyonel Feininger kam er in Hamburg wieder intensiv mit Max Liebermann in Berührung, hängen doch viele seiner Hamburg-Motive in der dortigen Kunsthalle.

Jedes Jahr zieht es zwischen 80.000 und 90.000 Menschen in die Liebermann-Villa. Vor allem an den Wochenenden bilden sich oft Schlangen vor dem Haus. Martin Faass freut sich über den großen Besucherzuspruch, doch schätzt er auch den Dienstag, an dem das Museum geschlossen ist. Dann setzt er sich gern in den Pavillon im Garten, seinen Lieblingsplatz, und denkt darüber nach, welche Ausstellungen und Projekte er noch in den kommenden Jahren umsetzen könnte. Genug hat er von Liebermann noch lange nicht.

Liebermann-Villa am Wannsee, Colomierstr. 3, Wannsee, Tel. 80 58 59 00, im Sommer geöffnet Mi.–Mo. 10–17 Uhr, liebermann-villa.de