Theater

Von der anonymen Uni zum Berliner Amateurtheater

Ehrenamtlich leitet Jörg Sobeck das erfolgreiche Theater Magma in Spandau. Nebenbei hält er die Fäden der vielen Amateurbühnen in Berlins Kiezen zusammen. Dabei wollte er einst nur Freunde finden.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Eigentlich ist Jörg Sobeck ein Mann der Zahlen. In einem großen Wohnungsunternehmen ist er für die Betriebskostenabrechnungen zuständig, doch in seiner Freizeit liebt er das Unberechenbare. Und das findet er im Magma Theater Spandau.

Das Amateurtheater, das Sobeck leitet, hat eine feste Bühne im Kulturhaus Spandau und zieht nicht weniger Publikum an als manches professionelle Theater in Berlin. Die Besucher müssen sich allerdings darauf einlassen, immer wieder überrascht zu werden, denn von Klassik über Improvisationstheater bis hin zu harten zeitkritischen Stücken ist hier alles möglich. Einzige Konstante ist der hohe Anspruch an die Qualität.

„Magma steht für fließende Lavamasse, Veränderung, Eruption, immer wieder neu“, sagt Sobeck. „Wir sind einfach unberechenbar“, so der Theaterleiter. Das sei das große Kapital von Amateurtheatern, an denen alle Schauspieler und Techniker ehrenamtlich arbeiten. Sie müssten sich nicht am Markt behaupten, könnten einfach machen, was ihnen selbst am besten gefällt und was Spaß macht. Die geringen Produktionskosten eines Stückes würden bei den Aufführungen meistens wieder eingespielt.

Wenn sie nicht gestorben wären

So kommt es, dass auf dem Spielplan bisher Stücke standen, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Die amüsante Komödie „Es war die Lerche“ etwa, die die Beziehung von Romeo und Julia weiterspinnt, wenn sie nicht gestorben wären. Kurz darauf brachte Magma das eher verstörende Stück „Der Kick“ auf die Bühne. In der wahren Geschichte geht es um einen Mord an einen 16-jährigen Jungen in einem Dorf in der Uckermark. „Natürlich passiert es da auch schon mal, dass ein Zuschauer kopfschüttelnd den Saal verlässt, weil er vielleicht etwas ganz anderes erwartet hätte“, sagt Sobeck.

Den Namen Magma hat sich die Theatergruppe erst in den 90er-Jahren gegeben. Bis dahin hieß der 1952 gegründete Verein Theater-Club-Spandau e.V.. Doch der Theater-Club führte in den Vorwendejahren ein Schattendasein. Etwa 20 Mitglieder probten während der 80er-Jahre in einer Schulaula. „Dann wagten wir uns an ‚Der schwarze Schwan‘ von Martin Walser, den wir nach der Wende in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg aufführen konnten“, erzählt Sobeck, der nun schon 30 Jahre dabei ist. In so einem Haus könne man nicht mit dem verstaubten Namen Theater-Club auftreten, dachten sich die Amateure.

Die Gastauftritte in der Kulturbrauerei markierten dann die Wende für den Verein. Der Leiter des Kulturhauses Spandau wurde aufmerksam auf die Truppe und bot ihnen eine feste Bühne mit aller Technik und 140 mit rotem Samt bezogenen Zuschauerplätzen an. Hier durften sie nicht nur auftreten sondern auch proben. Zudem hat das Kulturhaus, das auch ein Kino, ein Bistro und einen Ballettsaal beherbergt, ständigen Publikumsbetrieb.

Inzwischen arbeiten etwa 80 Leute ehrenamtlich

Der Theaterverein wuchs in rasanter Geschwindigkeit. Inzwischen sind etwa 80 ehrenamtliche Schauspieler, Regisseure, Techniker, Grafiker und Requisiteure bei Magma dabei. Sie kommen nicht nur aus Spandau sondern auch aus entfernten Bezirken und dem Umland. Heute gibt es das Kindertheater unter dem Namen Magma Piccola, in dem Neun- bis 14-Jährige gerade mit großem Erfolg das Stück „Tintenherz“ nach dem Roman von Cornelia Funke aufführen.

Die Erwachsenen proben derzeit unter Hochdruck für die Premiere „Friedrich-Kronprinz wider Willen“ am 12. April. Es geht um den jungen Friedrich, der unter dem preußischen Drill des Vaters seinen eigentlichen Leidenschaften wie Philosophie und Musik nur heimlich nachgehen kann. Und es gibt den sogenannten Theatersport. Bei den regelmäßigen Vorstellungen der Gruppe „Improphil“ geben die Zuschauer vor, was gespielt wird. Die Schauspieler reagieren auf Zuruf.

Insgesamt kommt der Verein auf mehr als 30 Vorstellungen allein im Kulturhaus. Hinzu kommen Gastspiele im In- und Ausland. Für einige Mitglieder ist das Magma Theater ein geeignetes Sprungbrett in eine Profikarriere, für andere bleibt es ein leidenschaftliches Hobby.

Sobeck steht für die letztere Gruppe. Der 54-Jährige hat nie eine Schauspielkarriere angestrebt, doch seine Begeisterung für die Bühne wurde schon früh in der Theater AG seines Reinickendorfer Gymnasiums geweckt. Nach der Schule entschied er sich zunächst für ein Jura-Studium an der Freien Universität. Viel zu groß und zu anonym fand er den Universitätsbetrieb. Daher suchte er bald Anschluss an eine Amateurtheatergruppe der Volkshochschule Wedding. Auch, um einen Freundeskreis zu finden, sagt er. Das Studium brach er zugunsten einer Ausbildung ab, beim Theater ist er geblieben.

Heute leitet er nicht nur eine der erfolgreichsten Amateurtheatergruppen Berlins sondern auch den Landesverband der Berliner Amateurbühnen. Jörg Sobeck liebt den Austausch unter den Vereinen, die gemeinsamen Treffen mit den Gruppen aus anderen Bundesländern und die Festivals.

Seine wahre Leidenschaft

„Irgendwann musste ich allerdings feststellen, dass ich nur noch mit der Organisation beschäftigt war und gar nicht mehr meiner eigentlichen Leidenschaft nachgehe“, sagt er. Seitdem hat er sich vorgenommen, wieder häufiger auf der Bühne zu stehen und auch mal wieder Regie zu führen. „Ideen habe ich schon viele“, sagt er.

Bleibt bei einem so ausfüllenden Hobby Zeit für eine Familie? Wenn Sobeck sagt, der Verein sei seine Familie, dann stimmt das in jeder Hinsicht. Seine Frau hat er in der Theatergruppe kennen gelernt. Und auch ihre drei Söhne, die sie in die Ehe mitbrachte, standen in dem einen oder anderen Stück schon auf der Bühne. „Wenn die Familie nicht die Leidenschaft teilen würde, wäre ein solches Engagement nicht möglich“, sagt er.

Für einen solchen Verein müsse man Zeit und Zuverlässigkeit mitbringen, sagt Jörg Sobeck. Nichts sei schlimmer als ein Hauptdarsteller, der kurz vor der Vorstellung absagt, weil er gerade Wichtigeres zu tun hat. Aber das sei beim Magma Theater zum Glück noch nicht vorgekommen.

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