Potsdamer Austellung

„Kindheitsbilder“ - großes Familienalbum der Brandenburger

Eine Ausstellung in Potsdam zeigt, wie die Kindheit in Brandenburg sich in den vergangenen 150 Jahren verändert hat. Bürger haben rund 10.000 Motive eingeschickt, 300 Fotos sind jetzt zu sehen.

Foto: Werner Krause

Manchmal lebt die Erinnerung lange in einem Schuhkarton. Dort kräuseln sich die Fotos der Jahrzehnte wie unter Verschluss. Irgendwann, wenn Zeit verstrichen ist, vielleicht die Sehnsucht wächst oder einfach die Distanz da ist zu dem Leben im Karton, irgendwann also holt man die Kiste heraus.

Vor diesem Hintergrund entstand wohl auch Walter Kempowskis „Echolot“, ein kollektives Tagebuch aus Briefen, Erinnerungen und Fotografien, zehn Bände gehören zur Reihe des deutschen Schriftstellers. Und ein bisschen stand dieses Projekt auch Pate für das Potsdamer Projekt „Kindheitsbilder“.

Im dortigen Brandenburgischen Literaturbüro kam man vor fünf, sechs Jahren auf die Idee, einmal zu schauen, wie wohl der Alltag in der Mark Brandenburg ausgesehen hat in den vergangenen hundert Jahren. „Wie Kinder einmal aufgewachsen sind, wie sich die Bedingungen gesellschaftlich verändert haben. Wie der soziale Unterschied sich zwischen dem ländlichen und den bürgerlichen Wohnwelten entwickelte“, erzählt Peter Walther vom Literaturbüro.

An Kleidung, Spielzeug, Mobiliar lässt sich einiges ablesen über den Wandel einer Gesellschaft, die einmal DDR hieß. „Unglaublich viele Leute kamen mit ihren Lebenserinnerungen“, sagt Walther. Bald aber war dem Ausstellungsmacher klar, ausstellen kann man eine „solche Bleiwüste“ nicht, Fotos müssen her, die sind suggestiver.

Die Uniform hat lange überlebt

Per Radio und Zeitung forderte das Literaturhaus die Leute auf, ihre Kindheitsmotive einzuschicken. Mit der einzigen Maßgabe, Aufnahmeort sollte die Mark Brandenburg sein mit ihren historisch wechselnden Grenzziehungen. Schuhkartons wurden durchforstet, der Erfolg war verblüffend: An die 10.000 Motive gingen ein, aus unterschiedlichen Zeiten, Orten und Milieus. Walther dürfte Tage vor diesen Foto-Bergen gesessen haben.

300 Fotos bilden quasi die „Quersumme“ eines Brandenburger Familienalbums, ab nächsten Donnerstag zu sehen im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte. Walter, Jahrgang 1965, wuchs in Schönow aus, 3500 Einwohner, im Norden der Berliner Stadtgrenze. Und siehe da, seine alte Deutschlehrerin reichte ein Foto ein. Er selbst nicht: „Wenn ein Knaller dabei gewesen wäre, hätte ich es gemacht.“

Bei Sichtung der Bilder fällt schnell auf, dass die Beschriftungen rar sind, oft nur der Ort, das Jahr, mehr nicht. Die Leute, hat Walther die Erfahrung gemacht, wollen selten lange, private Geschichten zu ihren Bildern erzählen. Und schließlich geht es ja in der Schau nicht um Tante Emma, sondern um das Typische, Überindividuelle, das die Aufnahmen im Strom der Zeit dokumentieren. Gestellt oder Schnappschuss – die Fotos lassen sich in zwei Bereiche einteilen, den öffentlichen und den privaten Raum.

Kinder strahlen im Glanz des Unbekümmerten

Am schönsten und in gewisser Weise zeitlos sind freilich die spontan entstandenen Bilder, die Kinder zeigen, die sich unbeobachtet fühlen und genau das tun, was ihnen Spaß macht. Frei von Posen und Inszenierungen strahlen sie im Glück eines Unbekümmerten. Ein vielleicht Fünfjähriger mit seinem wohl ersten, heute unvorstellbar klobigen Walkman in der Hand, die gigantischen Kopfhörer sind längst retro.

Oder der Knirps mit Taucherbrille auf der Nase, Handmixer und Hammer vor sich auf dem Küchentisch. Wie es zu diesem handwerklichen Arrangement kam, hätten wir zu gerne gewusst. Manches in der Kindheit auf dem Lande nahm sich nichts, das war hüben wie drüben gleich, Pflaumen pflücken etwa oder Kaulquappen fangen.

Da hatten es die Jungs und Mädels des 19. Jahrhunderts schwerer. Es gab nicht nur mehr Konventionen, sondern auch Vorrichtungen, an die sich das Kind lehnte, um die Dauer der Belichtungszeit zu überbrücken. Lebendig ist da gar nichts, Lachen verboten. Diese Steifheit verliert sich erst viele Jahrzehnte später.

Autoritäre Kindheit als Kontinuum

Wenn es eine Kontinuität über die Zeitwenden hin gibt, sagt Walther, dann die, wie autoritär die Kindheit in Brandenburg eigentlich war. Die Uniform als Erbe Preußens, bis 1989 ist sie immer dabei. Wie das Strammstehen auch. Egal ob im Matrosenlook 1919, im Militärwaisenhaus in Potsdam 1939, beim Besuch Walter Ulbrichs in Golzow 1962.

Peter Walther, Jahrgang 1965, erinnert sich noch, wie er morgens in der Grundschule aufstehen musste: „Hände auf den Tisch und der gemeinsame Gruß an den Lehrer.“ Diese Fotos wird er vielleicht eines Tages auch noch in seinem Schuhkarton finden.

Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Am Neuen Markt, Potsdam. Di-Do 10-17 Uhr. Fr 10-19 Uhr, Sa/So 10-18 Uhr. Bis 17. November 2013. Katalog: 22 Euro. Eröffnung: 25. Juli 2013, 18 Uhr.