Als Christine Wick 1986 nach West-Berlin zog, um Architektur zu studieren, wurde die Mauer schnell Teil ihres Alltags. „Ich bin nie auf die Idee gekommen, sie zu fotografieren – bis ich eines Tages durch Zufall sah, wie ein Ostsoldat über die Mauer hinweg in den Westen schaute“, erzählt Wick.

Das war 1987. Der Anblick war für die 44-Jährige, die inzwischen ein Café in Prenzlauer Berg betreibt, befremdend – und belustigend zugleich. „Man konnte sich gar nicht richtig vorstellen, dass die Mauer mal wegkommt. Aber diese Momentaufnahme warf bei mir den Gedanken auf, dass sie eigentlich überwunden werden will. Und kann.“

Das Foto, auf dem Wick diesen Moment festgehalten hat, ist von diesen Freitag an ab 14 Uhr in einer Ausstellung im Asisi Panometer am Checkpoint Charlie zu sehen. Auf 50 mal 50 Zentimeter großen Tafeln werden im Vorraum der Rotunde 40 private Fotos als Reproduktionen aus Zeiten des geteilten Berlins gezeigt. Insgesamt hatten 50 Personen 200 Aufnahmen eingesandt.

100.000 Besucher im Panorama „Die Mauer“

Konzeptionell ergänzt diese Zeitzeugen-Ausstellung das Panorama „Die Mauer“ des Künstlers Yadegar Asisi, das im September 2012 eröffnet wurde. Asisis 60 Meter langes und 15 Meter hohes Rundbild über die 1961 gebaute und 1989 überwundene Berliner Mauer stellt einen fiktiven Herbsttag in den 1980er-Jahren dar. Auf einem 900 Quadratmeter großen Polyester-Druck ist ein Blick von Kreuzberg im Westteil nach Mitte im Ostteil Berlins abgebildet. Passend zum dargestellten Wetter ist es kalt in dem Ausstellungsraum. Außerdem dunkel und laut. Besucher sollen so einen Eindruck von dieser, in Worten des Künstlers, „Normalität in einer grausamen Zeit“ bekommen. Ein Konzept, das aufgeht: Bis März 2013 haben 100.000 Besucher sich das Mauer-Panorama angesehen.

Doch Asisi will nicht nur seine Sicht wiedergeben. „Dieses Panorama gilt mittlerweile als Beitrag zur Erinnerungskultur, aber es ist eben meine persönliche Wahrnehmung“, sagte Asisi. Deswegen veröffentlichte er einen Aufruf, um andere Eindrücke dieser Zeit zu sammeln. Rund 50 Bildgeber schickten ihm mehr als 200 Privatfotos zum Alltag an der Berliner Mauer.

Volker Oerter ist einer von ihnen. Sein Foto stammt aus dem Jahr 1962 und zeigt Barrikaden und Stacheldraht am Potsdamer Platz. „Das machte einen schon sehr betroffen“, sagt Oerter. Zu dem Zeitpunkt der Aufnahme war er mit seiner Schulklasse aus Bückeburg nach Berlin gereist. „Diese Berlin-Reisen waren für westdeutsche Schüler üblich, und ich habe mich sehr gefreut. Aber es war schon sehr anders als meine heile Welt in Bückeburg.“

Seit 2009 wohnt der 1945-geborene Oerter mit seiner Frau in Friedrichshain und arbeitet als Berater. „Ich finde es bemerkenswert, was in dieser Stadt auf die beine gestellt wurde und bin glücklich, das alles so aktiv mitzuerleben.“ Auch über seine Teilnahme bei der Zeitzeugen-Ausstellung ist er begeistert, denn Oerter verfolgt die Arbeit von Asisi seit Jahren.

Die Zeitzeugenbilder-Sammlung im Panometer ist als wachsende Ausstellung geplant. Wann weitere Fotos hinzugefügt werden, steht aber noch nicht fest. Doch schon jetzt werden rund 40 Screenshots aus der Filmdokumentation „Bis an die Grenze – Der private Blick auf die Mauer“ von Claus Oppermann und Gerald Grote mit den Fotos zusammen ausgestellt. Sequenzen aus der Dokumentation werden zusätzlich auf vier Monitoren abgespielt, die zwischen den Fotos hängen.

Schnappschüsse sehr ehrlicher Momente

Für Asisi ist bei der Zeitzeugen-Ausstellung besonders die nicht bestreitbare Authentizität der Bilder bewegend. „Schließlich sind es Schnappschüsse aus dem Alltagsleben, die nie für eine Ausstellung vorgesehen waren. Einfach Aufnahmen von sehr menschlichen Momenten.“

So auch das Foto von Sabine Krüger. Die heute 50-Jährige hat früher in der Region Mecklenburg-Vorpommern gewohnt. Krügers Familie machte öfters Ausflüge nach Ost-Berlin. In West-Berlin war sie nie. „Als ich dann in der Asisi Rotunde war, habe ich richtig Gänsehaut von diesem Blick aus dem Westen gekriegt. Ich habe daran gedacht, wie viele Menschen ich nie kennengelernt hätte, wenn die Mauer geblieben wäre“, sagt die Bankkaufrau.

Auf Krügers Foto sieht man sie als junges Mädchen, wie sie mit ihrem älterem Bruder und ihrer Mutter auf das Brandenburger Tor blickt. Ihr Vater hat das Foto gemacht. Als Krügers Eltern sie vor eine Weile besuchten, brachten sie ihrer Tochter mehrere Bilder aus ihrer Kindheit mit. „Dieses blieb mir dabei im Gedächtnis hängen.“ Dass dieses Bild nun Teil der Zeitzeugen-Ausstellung ist, freue besonders ihre Tochter, sagt Sabine Krüger. Sie selbst sei nicht aufgeregt, sondern vor allem hoffnungsvoll. „Ich wünsche mir, dass sich jüngere Besuchern anhand der Bilder die damalige Teilung besser vorstellen können und das älteren Besuchern noch mal bewusst wird, wie schön es ist, dass es eine Wiedervereinigung gab. Und ich hoffe, das durch die Ausstellung noch bestehende Vorurteile weiter verschwinden.“