„Das da ist der Hammer,“ sagt Katja Eichinger und zeigt auf einen Monitor. Dort sind Ausschnitte eines Dokumentarfilm über junge deutsche Produzenten zu sehen. Gezeigt wurde er 1979, und da war Bernd Eichinger, geboren am 11. April 1949, noch ein junger Mann. Und ja, Katja Eichinger hat recht, der kurze Film ist wirklich ein Hammer.
Man sieht den Münchner Filmemacher mit schwarzem Anzug und weißem Hemd hinter einem Schreibtisch, in seiner rechten Hand glimmt die Zigarre. „Das deutsche Kino ist eines der langweiligsten, feuilletonistischsten der Welt“, sagt er, „stinklangweilig“ seien die Filme der anderen Produzenten, legt er noch einmal nach. Und überhaupt, Geld sei für ihn nie ein Problem gewesen. „Geld ist eine Sache, die die Sache zum Laufen braucht“, philosophiert er und bietet eine anschauliche Lektion über Größenwahn. Aus dem Jahr 1979 betrachtet, hätte man ihn, nein, man musste ihn unsympathisch finden: Ein Gernegroß, ein Großmaul, ein Lakai des Kapitals. Das einzige, was einen damals bei der Betrachtung milder gestimmt hätte, wäre die Gewissheit, dass diese Sorte von Sprücheklopfern ohnehin scheitern werden.
Ein manischer Sammler
Was prinzipiell ja stimmen mag, nur nicht bei ihm. Bernd Eichinger hat seinen Größenwahn in Größe verwandelt. Als er vor zwei Jahren starb, war es ein Schock, und zwar nicht nur aufgrund der Plötzlichkeit, mit der Bernd Eichinger mit 61 Jahren in Los Angeles starb, sondern auch, weil es ein Erschrecken über sich selbst gab – hat man sein Schaffen zu Lebzeiten ausreichend gewürdigt, war man zu mäkelig mit seinen Filmen umgegangen, war man sich eigentlich seiner Einzigartigkeit und Unersetzlichkeit für den deutschen Film bewusst? Der Tod ist auch deshalb so grausam, weil er das abrupte Ende der Kommunikation ist. Deshalb waren auch so viele Nachrufe getragen von der Botschaft: „Was ich Ihnen schon immer sagen wollte, ist...“.
Katja Eichinger hat der Deutschen Kinemathek jede Menge Briefe, Verträge, Dokumente, Fotos, selbst die Abiturrede ihres Mannes übergeben. Bernd Eichinger sei ein manischer Sammler gewesen, berichtet sie, das habe sie schon bei seinen Eltern beobachtet, auch die hätten mit dem „Bewusstsein gelebt, dass man sich im Geschichtsstrom befindet und haben versucht, sich zu festhalten“. Bernd Eichinger habe schon zu Lebzeiten gewollt, dass sie sich um sein Archiv kümmere. Dementsprechend ist es auch keine Frage der Pietät. Bernd Eichinger wollte das so, und was die Deutsche Kinemathek bietet, ist, wie Katja Eichinger es so schön zusammenfasst, „die volle Dosis Bernd“.
Alle seien „sturzbetroffen“ gewesen
Auf zwei Stockwerken verteilt ist die Ausstellung, im ersten und im vierten Stock, und wenn man etwas kritisieren möchte, dann, dass die Räumlichkeiten nur bedingt geeignet sind. In einer Ausstellung zu sein, bedeutet ja immer auch in eine eigene Welt einzutauchen und diese kann die Deutsche Kinemathek nicht bieten, ist die Schau doch auf drei Räume verteilt. „Helden“, „Deutschland“, „Amerika“ und „Außenseiter“ sind die Themen; in der Umsetzung werden sie dann auch lustig, so auch, wenn die Kuratoren fünf Plakate aneinanderreihen und eine Galerie des schwierigen Geschmacks präsentieren: „Werner“, „Manta Manta“ (Tina Ruland in ihrer aufregendsten Rolle!), „Der bewegte Mann“, „Das Superweib“ und „Ballermann 6“. „Komplett anarchistisch und antibürgerlich“ seien diese Werke, sagt Katja Eichinger, alle seien „sturzbetroffen“ gewesen. Wobei sie mit „alle“ das Feuilleton meint – er habe das gemocht.
Bernd Eichinger, das vergegenwärtigt man sich wieder beim Gang durch die Ausstellungsräume, war auch ein verdammt cooler Typ – und sich dessen allzu bewusst. Auf einem Bild liegt er in einem leicht verwühlten Bett, das linke Bein angewinkelt, im Hintergrund das Plakat von „Last exit to Brooklyn“. Auf dem Bild daneben steht Jennifer Jason Leigh, an ein Auto gelehnt, im roten Top, mit blonder Perücke und der unvermeidlichen Zigarette. Jennifer Jason Leigh war Hauptdarstellerin, Bernd Eichinger der Produzent von „Last exit to Brooklyn“ (einer seiner besten Filme; sehr kalt, sehr misanthropisch, sehr großartig). Wer das nicht weiß, könnte gut glauben, Bernd Eichinger sei der Star in dem Film. Die Pose, die Selbstinszenierung, das würde schon passen. Geschossen hat das Bild Karin Rocholl, die zwei Jahrzehnte Fotografin des „Stern“ war. Sie steht zufällig neben einem, sie möge das Bild, sagt sie, weil es Eichingers rebellische, aufmüpfige Seite zeige. Mit Schuhen ins Bett – wo kommen wir denn dahin?
„Bernd hatte es ja nicht so mit Liebesfilmen“
Katja Eichinger wohnt in dem Haus, in dem sie mit Bernd Eichinger zusammengewohnt hatte. In der Wohnung sei er „sehr präsent“, von seinen Sachen habe sie sich getrennt als eine Form der „Trauerbewältigung“. Wie sie über Bernd Eichingers Glückbringer erzählt (eine antike Münze von Alexander dem Großen), den er am Anfang der Dreharbeiten dem Regisseur überreichte (denn der braucht ja jetzt das Glück) oder über das Drehbuch von „Die Schweigeminute“ berichtet, die Adaption des Romans von Hermann Lenz, die ihm und ihr sie so viel Spaß gemacht hätten („Bernd hatte es ja nicht so mit Liebesfilmen, ‚Die Schweigeminute‘ wäre sein erster Liebesfilm gewesen“), dann muss man sie einfach bewundern. Katja Eichinger spielt nicht die gebrochene, bemitleidenswerte Witwe und doch merkt man in jeder Sekunde, wie nah ihr der Tod noch immer geht. Es ist eine feine, eine heikle Balance. Das wollte man schon immer mal sagen.
Deutsche Kinemathek, Potsdamer Straße, 28. Juni bis 6. Oktober 2013, Di bis So 10 bis 18 Uhr, Do von 10 bis 20 Uhr, Erwachsene fünf Euro, Schüler zwei Euro




