Ausstellung der Fiktion

Villa Schöningen zeigt, wie echt Unechtes werden kann

Die neue Ausstellung „Realität und Fiktion“ in der Villa Schöningen forscht nach der Wahrheit in Zeiten, in denen gefälschte Twitter-Nachrichten die Weltpolitik verändern können.

Foto: Jakob BOESKOV / VG Bildkunst, Bonn 2013

Der Mann hat Nerven. Mit seiner Guerilla Aktion demonstrierte er, wie weit Kunst eigentlich gehen kann. Gefährlich und faszinierend weit.

Ein Jahr nach 9/11 also reist der dänische Künstler Jakob Boeskov nach Peking – auf eine Waffenmesse. Dort stellt er sein „ID Sniper Rifle“ vor. Vor ihm: internationale Waffendealer, Militärs, Politiker. In seiner Tasche: eine gefakte Visitenkarte seiner fiktiven Firma und eine gefakte Dokumentation samt Poster zur „Future Technology“ des schrecklichen XXL-Gewehres, das gar nicht existierte.

Die Waffenentwickler sind elektrisiert. Mit einem einzigen Schuss, so erklärt Boeskov ihnen, könnte ein GPS-Chip unbemerkt unter die Haut eines Verdächtigten geschossen werden. Damit sei beispielsweise ein Demonstrant „markiert“, fotografisch fixiert und könne präventiv aus dem Geschehen gezogen werden. Science Fiction hatte ihn zu der Idee inspiriert. „Ich dachte nie, dass uns das einer glaubt“, erzählt der Däne.

Da sollte er sich irren. Irgendwann sitzt er vor einer Lady des chinesischen Geheimdienstes, die fragt ihn nach den Menschenrechten in seinem Land, und ob Boeskov seine Produktion nicht von Europa nach China verlegen wolle, um dieses Problem zu umgehen. „Da wusste ich, jetzt steige ich aus.“ Den Schweißausbruch kann man sich gut vorstellen.

Nun steht Boeskov vor einem martialischen Modell von „ID Sniper“, ganz klar als Kunstwerk zu erkennen, wie ein wertvolles Objekt auf einem Sockel in einer Vitrine. Die Feuerwaffe wurde aus New York geliefert, wo der 40-jährige Künstler lebt. Kein einfaches Prozedere, sie durch den Zoll zu bekommen. Akribisch, so erzählt er, muss er jedes Mal darlegen, dass das Teil wirklich Kunst ist – und vor allem funktionslos.

Ausstellung zu „Realität und Fiktion“ in der Villa Schöningen

Mit dem Thema „Realität und Fiktion“ beschäftigt sich die neue Ausstellung in der Villa Schöningen. „In Zeiten, wo eine gefälschte Twitter-Nachricht über einen Anschlag auf Obama die Weltpolitik verändern kann, durchaus ein aktuelles Thema“, sagt Kurator Friedrich von Borries. „Das bedrückt uns doch alle, weil sich vieles verschiebt.“

Keine einfache Sache für eine Kunstausstellung, vieles verweist auf den Bereich unserer (medialen) Wahrnehmung. Und es gab Kuratoren, die sich da in blanker Theorie verheddert haben. Doch Boeskovs Arbeit bringt die Idee geradezu verstörend auf den Punkt. Hier ist keine Sphäre mehr klar von der anderen zu trennen, Vorstellung und politische Einflussnahme lassen sich nur schwer auseinander dividieren. Die Frage ist doch: Wie weit kann eine fiktive Situation Realität erzeugen? Boeskovs „ID Sniper“ beweist auf absurde Weise, dass Wahrheit in unseren Köpfen entsteht, angebliche Fakten sich als pure Erzählungen entpuppen.

Boeskov zieht bei seiner kritischen Bestandsaufnahme unserer Welt durchaus die Kunst als manipulierbares „Betriebssystem“ mit ein. Er weiß wohl, dass er sich mit einigen Sätzen keine Freunde macht: „Bei den Waffenhändlern habe ich mich wohler gefühlt als bei manchem Kunsthändler. Sie machen eine klare Ansage, was sie wollen.“

Romantische Landschaftsbilder mit Photoshop-Bearbeitung

Wir stehen im oberen Stockwerk der Villa Schöningen an der Glienicker Brücke in Potsdam und schauen hinaus. Vor uns entkleidet sich die wunderbare Frühlingslandschaft, das preußische Arkadien mit den Schlössern und hinter uns steht eben „ID Sniper“. Das Haus lag einst an der Grenze, nah am Todesstreifen, hier trennten sich die Systeme, Jahrzehnte ist das her, doch diese Geschichte bleibt dem Gebäude eingeschrieben.

Friedrich von Borries spielt auf verschiedenste Art mit diesen Erinnerungen. Bei Beate Gütschow wird der Raum zur historischen Kulisse. Ihre „LS“-Fotos zeigen herrlich romantische Ausblicke, Hügel, Wiesen, Bäume, mittendrin Menschen, sie tragen T-Shirts. Und ja, einen Schutthaufen, der aber mindert das Gesamtbild von Schönheit kurioser Weise nicht. Nur: Dieser Ausschnitt existiert so gar nicht. Verschiedene reale, analoge Motive montierte die Künstlerin nach klassizistischen Landschaftsbildern eines Claude Lorrain. Photoshop macht diesen Remix möglich.

Whitney Houstons letzte Mahlzeit als Pappmodell

Von Borries geht weiter. Irritation gehört zu seinem Prinzip. Die weißen Wände des privaten Kunsthauses sind mit schwarzweißen „Terror“-Tapeten überzogen, deren Linienwirbel lässt unsere Augen psychedelisch trudeln. Inmitten dieses Wandtaifuns hängt in einem Raum Thomas Demands „Junior Suite“. Gezeigt wird Whitney Houstons Hoteltisch, an dem sie angeblich ihre letzte Mahlzeit eingenommen hat. Trostlos sah das aus mit den Resten von Junk Food und Bierdose. Es wurde veröffentlicht, als sie noch nicht beerdigt war.

Demands Methode ist es, medial bekannte, prominente „Tatorte“ 1:1 in Pappmodellen nachzubauen, die Logos zu tilgen und anschließend zu fotografieren. Ein Abbild wird noch einmal Abbild, authentisch ist gar nichts mehr. Doch wir nehmen das Bild auf den ersten Blick als „echt“ an.

Wie echt Unechtes werden kann, diese Erfahrung machte auch Ora-Ito, der einzige Designer unter den Künstlern in Potsdam. Ähnlich wie Boeskov wurde er 1999 zum „Produzenten“, allerdings im Bereich der Modeindustrie. Auf seiner Webseite bot er die smarte Rucksack-Version „Back up“ von Louis Vuitton an. Ein rein virtueller Brand. Angeblich gingen daraufhin bei der Firma Hunderte Anfragen ein. Der Mann hatte Glück, mittlerweile bekommt er Aufträge internationaler Firmen und leitet ein Design- und Architekturbüro in Paris.

Ora-Ito kann man googeln, sein „Back up“ ist auf seiner Seite verzeichnet. Aber was ist, wenn es den Künstler, den wir glauben über sein Werk zu kennen, nie gab? So ein furioser Fall ist Nat Tate, ein expressionistischer US-Künstler mit erstaunlicher Biografie. Frei erfunden von William Boyd. Bei der Buchpremiere in New York Ende der 90er Jahre nickten sich alle wissend zu. Tates mit Tusche fein lavierte Zeichnung „Bridge no. 114“ jedenfalls hängt in Potsdam an der Wand. Das hübsche Büchlein ist noch zu erwerben. Gerade kommt Jakob Boeskov die Treppe herunter und ruft: „Leben ist wilder als Fiktion.“

Villa Schöningen Berliner Str. 86, Potsdam. Do-Fr 11-18 Uhr, Sa/So 10-18 Uhr. Bis 1. September.