Auftragskunst klingt nicht schön, passt aber: Rund 23.000 Objekte sind im Kunstarchiv im brandenburgischen Beeskow untergebracht. Gemälde, Druckgrafiken, Zeichnungen, Aquarelle, Fotografien, Plastiken, aber auch Medaillen aus Meißner Porzellan, „Ehrengaben“ für verdiente Mitarbeiter. Die Stücke eint die Herkunft: Sie stammen aus dem Besitz der Parteien, Massenorganisationen und Staatsorgane der DDR. Eine abgeschlossene Sammlung. Die ergänzt werden soll durch die über 14.000 Objekte der Künstlerförderung, gewissermaßen die Auftragskunst des alten West-Berlins.
Diese Werke befinden sich momentan in der Artothek der Sozialen Künstlerförderung im Wedding. Der Mietvertrag ist allerdings zum Jahresende gekündigt worden, ein Depot als Zwischenlösung muss her. Denn der geplante Neubau eines Kunstarchivs auf der Burg in Beeskow ist ins Stocken geraten, weil ein Förderantrag für das 10-Millionen-Euro-Projekt abgelehnt wurde.
Zum Auftakt grüßt Lenin
Ein Besuch im Kunstarchiv Beeskow. Der erste Blick fällt auf Lenin. Sein Porträt hängt im Treppenhaus, man kann es gar nicht übersehen, wenn man das unscheinbare, ehemalige Speicherhaus betritt. Die Tür ist durch Metallstäbe zusätzlich gesichert, die kleinen Fenster sind ebenfalls vergittert, es gibt eine Alarmanlage, aber kein Hinweisschild: Das Kunstarchiv Beeskow ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, man kommt nur noch Voranmeldung herein, beispielsweise um für eine wissenschaftliche Arbeit zu recherchieren oder eben als Journalist. Ansonsten dient das 100 Jahre alte Haus in unmittelbarer Nähe der Spree als Depot.
„Wir haben keine Probleme mit Feuchtigkeit“, sagt Ilona Weser, die Dezernentin für Bildung, Gesundheit und Soziales des Landkreises Oder-Spree, die sich auch um das Kunstarchiv kümmert. Dort gibt es keinen Fahrstuhl, die Werke wurden hochgetragen ins erste oder zweite Obergeschoss, immer vorbei an Lenin, der dort eigentlich gar nicht hingehört. Das Bild ist eine Reproduktion eines Klassikers aus der Sowjetunion, also keine Auftragsarbeit einer DDR-Organisation, sondern ein Stück Ironie in einer weitgehend humorfreien Sammlung.
Archivieren, katalogisieren, ausstellen
„Alle Genres sind vertreten, wir haben auch viele Aufbaubilder aus Berlin“, erzählt Ilona Weser. Wir stehen im Erdgeschoss des Archivs, es ist trotz des hochsommerlichen Wetters angenehm kühl. „Die dicken Mauern“, sagt Burkhard Mielke, der Depotverwalter mit dem prominenten Nachnamen, aber ohne verwandtschaftliche Beziehung zu dem früheren Stasi-Chef. Einige Holzregale hat Mielke selbst gebaut, hinter einer Trennwand steht ein Computer, ein älteres Modell, dort befindet sich die Restaurierungswerkstatt, naja, ein bisschen Euphemismus liegt schon in diesem Begriff. Aufgabe des Kunstarchivs ist es, zu archivieren, zu katalogisieren, die Sammlung der Wissenschaft zu öffnen und Werke auszustellen.
Mielke hat sich jetzt schwarze Handschuhe übergestreift, seine Kollegin Kristina Geisler weiße. Ein paar Bilder werden aus den Regalen gezogen. Falls erwartet wird, dass ich jetzt einen Malernamen nenne, muss ich die drei enttäuschen. Ilona Weser tippt auf ein Werk von Walter Womacka, Mielke schweigt, Kristina Geisler korrigiert vorsichtig: Roland Paris. Ich hätte auch Michael Hegewald oder Johannes Kott nicht erkannt. Willi Sitte oder Fritz Cremer, die sind mir schon ein Begriff.
Neubau nicht vor 2016/17
Wir gehen eine Etage höher, mit jeder Stufe steigt die Temperatur, im Treppenhaus hängen Wandteppiche, möglicherweise ist das ein Teil der „Volkskunst“, von der Ilona Weser im Vorgespräch im Innenhof der Burg auf einer Bank unter einer prachtvollen Eiche gesprochen hat. Die hat den Krieg besser überstanden als der Ostflügel, der 1945 ausbrannte. Dort befindet sich jetzt eine Ruine, in der Baulücke soll das neue Kunstarchiv errichtet werden. Es gab einen Wettbewerb und 2010 auch einen Sieger: Der Entwurf des in Berlin ansässigen Architekturbüros Max Dudler. Alles sah gut aus.
Dann aber wurde der Förderantrag auf EU-Mittel abgelehnt, das Projekt kam ins Stocken. 2014 soll ein neuer Antrag gestellt werden, selbst wenn alles gut läuft, dürfte der Neubau nicht vor 2016/17 eröffnet werden. Schlechte Nachrichten für Berlin, denn die Artothek muss ihre Räume zum Jahresende verlassen. Sie braucht für ihre Kunstsammlung ein Ausweichquartier, denn das Archiv in Beeskow kann vielleicht noch ein paar Grafiken aufnehmen, bietet aber keinen Platz für 14.000 weitere Werke.
Schaufenster in Berlin
Wenn die (West-) Berliner Arbeiten nicht nach Beeskow kommen, die aus dem Ostteil der Stadt sind ja bereits da, geht das Archiv den umgekehrten Weg und präsentiert sich in der Hauptstadt. Ilona Weser spricht von einem „Schaufenster in Berlin“. Es wurde ein Kooperationsvertrag mit dem Bezirk Marzahn-Hellersdorf abgeschlossen, ab 2015 sollen in der neuen Kunstgalerie im Schloss Biesdorf Werke aus der Beeskower Sammlung präsentiert werden.
Dort im unteren Geschoss sind Plastiken und Skulpturen untergebracht. Und Wandbilder aus Keramik, sehr gegenständlich: Ein kleines Schwein auf einem Teller, ein Mann mit einem Fässchen vor dem Bauch – vielleicht dienten die Figuren von Lothar Sell der Verzierung einer prominent gelegenen Speisegaststätte. Im Flur liegt in einem Regal das gusseiserne Amtsschild, das Herbert Schirmer, der letzte Kulturminister der DDR, bei seinem wiedervereinigungsbedingten Abgang angeblich eigenhändig abgeschraubt hat.
Schirmer ist so etwas wie der Vater der Sammlung, er rettete die Werke und brachte sie nach Beeskow, wo er von 1991 bis 1998 als Burgdirektor arbeitete. Die Burg, 1272 erstmals urkundlich erwähnt, wurde in dieser Zeit zum Kultur- und Bildungszentrum ausgebaut, in der Galerie finden Ausstellungen statt, gelegentlich auch solche mit Werken aus dem Kunstarchiv.
Kümmerlicher Beirag der Norddeutschen
Wenn Ilona Weser über die Finanzierung der von den Bundesländern Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern initiierten Einrichtung spricht, muss sie sich bei dem Beitrag der Norddeutschen einen süffisanten Kommentar verkneifen. Lediglich 5000 Euro kommen aus Mecklenburg-Vorpommern, die restlichen gut 100.000 Euro steuern die beiden anderen Länder bei. Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt haben sich an dem Projekt nicht beteiligt, die sammeln ihre Auftragskunst selber.
Ilona Weser mag den Begriff eigentlich nicht. Er ist negativ konnotiert; aus ihrer Sicht eigentlich zu Unrecht. Auch Michelangelo hätte ohne Auftrage der Kirche Schwierigkeiten gehabt, zu überleben. Ein kühner Vergleich, ein einprägsamer. Sie hätte auch auf die Künstlerförderung im Westteil Berlins verweisen können. Da soll es gelegentlich auch Vorgaben für die Motivwahl gegeben haben: Berlin als Thema. Wahrscheinlich wurde auch deshalb der Nollendorfplatz so oft gemalt.





