Fotografie

Berliner Sammler überlassen Werke dem Städel

Rudolf und Annette Kicken übergeben dem Frankfurter Städel ihre Sammlung mit 1173 Fotografien. Ein Musterbeispiel dafür, wie Museum und Mäzene zueinander finden können – und ein Alarmsignal für Berlin.

Foto: © Harald Thierlein /Courtesy Kicken Berlin

Als Rudolf Kicken 1974 in Aachen seine Galerie für Fotografie eröffnete, krähte in den deutschen Museen kein Hahn nach seinen Künstlern – geschweige denn gab es einen Markt für Man Ray, Albert Renger-Patzsch oder August Sander. Abzüge kosteten zwischen 50 und 150 D-Mark und interessierten nur wenige Eingeweihte.

Fotografie galt eben in Europa nicht als Kunst – insbesondere nicht in Deutschland, wo die Nationalsozialisten ihre wichtigsten Pioniere vertrieben hatten. Akzeptiert wurde sie selbst in Fachkreisen höchstens als dokumentarisches Vehikel für die gerade aufgekommene Konzeptkunst. Die Museen brauchten noch bis in die 90er-Jahre, genauer gesagt bis zu den buntglatten Monumentalformaten der Becher-Schule um Andreas Gursky, Thomas Ruff und Thomas Struth, um Fotografie als Kunst salonfähig zu machen.

Wenn dagegen heute Rudolf und seine Frau Annette Kicken, die ihre Galerie seit dem Jahr 2000 in Berlin betreiben, ihre gesamte Fotosammlung mit 1173 Werken ans Frankfurter Städel Museum geben – teils als Schenkung, teils als Verkauf – so dürften andere Institutionen vor Neid erblassen wie ein Polaroid.

Berlin droht Pietzsch-Sammlung zu verlieren

Und in Berlin müssten die Alarmglocken klingeln. Denn einer anderen Kunstsammlung, die das Ehepaar Ulla und Heiner Pietzsch eigentlich Berlin schenken möchte, droht der Verkauf, wenn Berlin nicht die Voraussetzung für die Schenkung erfüllt und ein Museum des 20. Jahrhunderts schafft. Das könnte auf dem Kulturforum entstehen, wenn die dortige Gemäldegalerie mit den Alten Meistern Richtung Museumsinsel umzieht.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Aber die Fertigstellung hat sich verzögert, deshalb konnte der Stiftungsrat in seiner Sitzung im Juni das Papier nicht besprechen. Mit einer Entscheidung wird nicht mehr vor der Bundestagswahl im September gerechnet. Es könnte zu weiteren Verzögerungen kommen, wenn es einen Wechsel im Amt des Kulturstaatsministers gibt, der dem Stiftungsrat vorsitzt. Außerdem muss der Bundestag für einen Museumsneubau geschätzte 150 Millionen Euro bewilligen.

In Frankfurt werden Fotografie und Kunst gleichberechtigt präsentiert

„Wir haben immer davon geträumt, dass Fotografie und Kunst eines Tages gleichberechtigt präsentiert werden“, meint Annette Kicken. „Im Städel ist das seit dem Antritt von Max Hollein und dem Kurator Felix Krämer ein großes Anliegen – wie man an der Sammlung Wiegand sieht!“ Als 2011 die Fotosammlung des Berliner Sammlerpaares Wilfried und Uta Wiegand mit 189 ikonischen Werken des 19. Jahrhunderts an das Haus ging, sah man sie dort zur Neueröffnung im selben Jahr zwischen Malerei und Skulptur hängen. „Das war wie in den Siebzigern im New Yorker Museum of Modern Art: Alfred Stieglitz neben Georgia O’Keefe!“ begeisterte sich Rudolf Kicken, zu dessen ersten Kunden Wiegand zählt. In den Siebzigern, das war kurz nachdem Kicken, geboren 1947 in Aachen, seine Karriere im väterlichen Betrieb für seine Leidenschaft aufgegeben hatte.

Kicken eröffnete zusammen mit dem Fotografen und späteren Kunstsammler Wilhelm Schürmann 1974 die Galerie „Lichttropfen“, die er 1979 in Köln unter eigenem Namen allein weiter führte. Trotz marginaler Verkäufe hatte Kicken bald Größen wie den Bauhaus-Fotografen UMBO im Programm, dessen expressiver Stil bald die Neue Sachlichkeit ablöste und das Berliner Großstadtleben ins Visier nahm, oder Otto Steinert, der als Begründer der „Subjektiven Fotografie“ zu den wichtigsten Vertretern der Nachkriegszeit zählt.

Besuch im Städel überzeugte Rudolf und Annette Kicken

„Wir hätten damit gerechnet, dass Wiegand seine Sammlung einmal ans Getty Museum in L.A. oder ans MoMA gibt, wo die Fotografie längst Kunststatus hat“, meint Annette Kicken. „Aber nun wussten wir, warum er sich für Frankfurt entschieden hat: Im Gegensatz zu anderen Häusern oder Fotografiemuseen hat das Medium hier keinen Sonderstatus mehr. Als wir die Wiegand-Werke sahen, haben wir nie über einen alternativen Standort nachgedacht. Die Idee, unsere Sammlung an die Öffentlichkeit zu geben – und dahin sollten nun einmal alle großen Werke eines Tages gehen – entstand durch den Besuch im Städel, nicht umgekehrt.“

Das Städel Museum, das mit der schon vor 2008 übernommenen Sammlung der DZ Bank auch 220 Werke an Gegenwartsfotografie aufweist, schließt mit der Sammlung Kicken eine enorme Lücke, die von der Jahrhundertwende über die 20er- und 30er-Jahre bis in die Nachkriegszeit reicht. Zu den 524 Arbeiten, die mithilfe des Museumsvereins, der Kulturstiftung der Länder und der Hessischen Kulturstiftung angekauft wurden, zählen ganze Werkserien wie etwa die Architektur- und Industrieaufnahmen von Werner Mantz und Albert Renger-Patzsch sowie Arbeiten von August Sander, der mit seiner Enzyklopädie „Menschen des 20. Jahrhunderts“ Fotografiegeschichte geschrieben hat.

Die Kickens schenken dem Städel 649 Werke

Aus dem Bauhaus-Umfeld kommen rund 60 Fotografien von Lux Feininger und Lucia Moholy. Die Schenkung der Kickens umfasst mit 649 Werken ein noch größeres Konvolut – darunter semi-surrealistische Aufnahmen wie der „Kopf eines Mannes mit Helm“ (um 1929) von Rudolf Koppitz, ein Werkkomplex von Man Ray sowie tschechische Avantgardefotografie von Josef Sudek und Jaromír Funke, die vom Piktoralismus zur Neuen Sachlichkeit überleitet. Insgesamt also viele Namen, die keineswegs geläufig sind, aber deshalb kunsthistorisch nicht weniger wichtig.

Das Städel knüpft an eine alte Tradition an: 1845, knapp 30 Jahre nach der Gründung, zeigte das Haus als eines der ersten Institutionen überhaupt „Lichtbilder“ lokaler Fotografen. Gesammelt wurde zwar noch lange nicht – bis nach der Jahrtausendwende zeigte man Fotografie mit Leihgaben in Sonderausstellungen. Wenn nun die Sammlung Kicken nun schon ab Ende Juli schrittweise Eingang in die Dauerausstellung findet, zeigt das Städel, wie reibungslos hier Museum und Mäzene zueinander finden – und das ist in Deutschland nicht selbstverständlich. Man muss nur an die unendliche Geschichte der Sammlung Pietzsch denken.