DDR-Malerei

Mit Willi Sitte stirbt der letzte der großen Vier

Er galt als einer der bedeutendsten Maler der DDR. Wegen seiner Rolle als SED-Funktionär war er im wiedervereinigten Deutschland umstritten. Am Samstag ist Willi Sitte im Alter von 92 Jahren verstorben.

Foto: Waltraud Grubitzsch / dpa

Der letzte der vier großen Vertreter der DDR-Malerei ist tot. Willi Sitte ist am Samstagmorgen im Alter von 92 Jahren in seinem Haus in Halle nach langer Krankheit gestorben, wie die Willi-Sitte-Stiftung mitteilte. Der Maler und Grafiker gilt als einer der bedeutendsten und zugleich als einer der umstrittensten Gegenwartskünstler. Kritiker werfen ihm seine Vergangenheit als DDR-Kulturfunktionär vor.

Neben den Begründern der Leipziger Schule, Bernhard Heisig (1925-2011), Wolfgang Mattheuer (1927-2004) und Werner Tübke (1929-2004) gehörte Sitte zu den prominentesten und auch international bekannten Vertretern der Bildenden Kunst in der früheren DDR. Sitte wurde am 28. Februar 1921 im tschechischen Kratzau geboren.

„Sein Tod hat uns sehr betroffen gemacht, wenngleich wir um seinen bedenklichen Gesundheitszustand wussten“, sagte der Vorsitzende der Sitte-Stiftung, Hans-Hubert Werner. „Unser Anliegen, sein künstlerisches Erbe zu verbreiten, verstärkt sich jetzt noch mehr“, sagte Werner.

In Westdeutschland durch documenta 6 bekannt geworden

In der DDR galt er als herausragender Vertreter des sozialistischen Realismus. In Westdeutschland wurde er einem breiten Publikum durch die documenta 6 1977 in Kassel bekannt. Dort vertrat Sitte die DDR, zusammen mit Bernhard Heisig, Mattheuer und Tübke.

Ihre Werke waren schon damals bei Kunstsammlern und Galerien in Westeuropa begehrt. Sittes Arbeiten finden sich unter anderem in der Hasso-Plattner-Sammlung, die der SAP-Gründer in Potsdam ausstellen will.

Sitte war nach der Wiedervereinigung seine exponierte Stellung in der DDR vorgeworfen worden. Sitte war von 1974 bis 1988 Präsident des Verbandes Bildender Künstler und saß zwischen 1986 und 1989 auch im Zentralkomitee der SED.

Sitte selbst widersprach den Vorhaltungen, dass er ein Staatskünstler gewesen sei, ebenso den gegen ihn erhobenen Stasi-Vorwürfen. Sitte bekannte sich aber stets als Kommunist, obwohl er in der DDR zunächst keine sozialistische Bilderbuchkarriere begonnen hatte. Bilder der 1950er Jahre zeigten Einflüsse des Expressionismus, die Suche nach neuen Stil- und Ausdrucksformen. Dafür wurde er als Formalist diffamiert.

Sitte irritierte SED-Funktionäre mit seinen Aktmalereien

„Ich war immer ein fleißiger Maler“, sagte Sitte über seinen riesigen Bestand an Werken – vom großflächigen Arbeiterbild über Selbstporträts bis hin zu feinen Skizzen. In der DDR gehörte der Maler mit dem kantigen Charakter zur Prominenz. Seine Bilder sind Hauptwerke des sozialistischen Realismus.

Ein Beispiel ist das Gemälde „Die rote Fahne – Kampf, Leid und Sieg“ aus den 70er Jahren. Bekannt wurde Sitte vor allem mit großformatigen Werken mit Arbeitermotiven der DDR wie Brigadiers, Berg- und Fabrikarbeitern sowie den Chemiewerkern aus Leuna. Die Funktionäre irritierte Sitte zuweilen mit seinen lebensprallen erotischen Aktmalereien.

Zur kritischen Reflexion konnte sich Sitte nicht durchringen

Nach der Wiedervereinigung war es zunächst still um den Künstler. Seine Rückkehr in die Öffentlichkeit war schwierig. Im Landeskunstmuseum Galerie Moritzburg in seiner Heimatstadt Halle kam keine Ausstellung zustande, weil man sich nicht über die Konzeption einigen konnte. Das Museum wollte eine kritische Reflexion. Dazu konnte sich Sitte nicht durchringen.

Eine 2001 im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg zum 80. Geburtstag geplante Ausstellung wurde zunächst verschoben und für 2003 in Aussicht gestellt. Nach etlichen Querelen sagte Sitte die Ausstellung ab und zog sich zurück.

Er hoffe, dass Sittes Werk nun nach seinem Tod fair und in seiner ganzen Kraft und in seiner menschlichen Dimension eingeordnet werde, sagte der hallesche Kunsthistoriker Hans-Georg Sehrt, der mehrere Sitte-Ausstellungen kuratiert hat.

Sitte-Stiftung bewahrt das umfangreiche Werk

Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) betonte: „Willi Sitte war ein bedeutender und streitbarer Maler, der besonders in Mitteldeutschland seine Spuren hinterlässt.“ Der Künstler lebte seit 1947 in Halle.

Seit 2006 bewahrt die Willi-Sitte-Stiftung mit Sitz in Merseburg das umfangreiche künstlerische Werk des Malers. Die Werke stammen aus dem Privatbesitz des Künstlers. In der Sitte-Galerie für realistische Kunst gibt es regelmäßig Ausstellungen.

Als sein Lebenswerk bezeichnete Sitte 15 Jahre nach der Wende die Galerie der Willi-Sitte-Stiftung für realistische Kunst, die in Merseburg zu seinem 85. Geburtstag am 28. Februar 2006 mit Prominenz wie Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder eröffnet wurde.

„Leben mit Lust und Liebe“

Sitte und seine Familie überließen der Stiftung Gemälde, Zeichnungen, Radierungen, Druckgrafiken und Skizzen. Arbeiten aus mehr als 60 Jahren seiner Schaffenszeit sind in der Merseburger Domkurie in der Willi-Sitte-Galerie auf 550 Quadratmetern zu sehen. „Das sind ganz wichtige Werke von mir“, sagte Sitte über die Stiftungsbilder.

Gerade läuft in Merseburg und parallel dazu in der Kunststiftung der Saalesparkasse in Halle die Ausstellung „Leben mit Lust und Liebe“.

Nach fast zweijähriger Zwangspause wegen mehrfacher Hüftoperationen hatte Sitte im Sommer 2005 wieder seine Arbeit im Atelier aufgenommen. Eigens dafür ließ er sich ein Gestell anfertigen. Trotz zahlreicher gesundheitlicher Rückschläge hatte er eisern sein Ziel vor Augen, wieder arbeiten zu können. In seinen letzten Lebensjahren ging es Sitte allerdings immer schlechter. Er war immer mehr auf den Rollstuhl angewiesen.