„Achten Sie bei Takt elf darauf, dass Sie nicht ersticken!“, ruft der junge Chorassistent den Sängern zu. Manche lachen, andere machen sich Notizen. Die Stimmung im Helmut-Koch-Saal im Haus des Rundfunks ist konzentriert. Der holzverkleidete Raum im zweiten Stock ist der Arbeitsplatz eines der wohl renommiertesten Profichöre der Welt. Riesige graue Vorhänge verdecken die rechte Wand, zwei beige Trenchcoats hängen an einer kleinen Garderobe und ein einsamer Koffer steht in der Ecke. Will hier jemand verreisen?
Im hinteren Teil des Raumes hört der Chormanager den Proben zu und lächelt zufrieden. Die Sängerinnen und Sänger arbeiten an Bachs „Matthäus-Passion“, es ist eine Wiederaufnahmeprobe. Vor ihren Holznotenständern sitzen sie wie Studenten im Hörsaal, die Altersspanne im Chor reicht allerdings von Ende 20 bis fast zum Pensionsalter. Dann klopfen die Ensemblemitglieder auf ihre Notenständer; endlich Mittagspause.
Zwei Basssänger laden mich in ihr heimlich eröffnetes „Basscafé“ ein. Ist am Ende die kleine Kaffeemaschine dafür verantwortlich, dass die tiefen Stimmen auch schön tief bleiben? „Diese Kaffeemaschine wurde von Simon Rattle himself signiert – und das schmeckt man auch“, sagt einer der Sänger lachend. Bei Bedarf bekommen auch andere Stimmgruppen ein wenig Koffein.
Auch Isabelle Voßkühler packt ihre Noten zusammen, sie trägt ein beiges Kleid, das ihr bis zum Knie reicht, darunter eine knallrote Strumpfhose. Im September wird sie ihr 20-jähriges Jubiläum als Mitglied des Chores feiern und später zu Protokoll geben: „Das hier ist mein Traumjob. Nach wie vor und seit 20 Jahren!“ Schon in ihrer Schulzeit sang Voßkühler im Schulchor.
Aus Mangel an Männerstimmen allerdings als Tenor. „Irgendwann wollte ich dann wissen, welche Stimmlage wirklich meine ist“, so die Sängerin. Diagnose: Sopran. Fortan nahm Voßkühler Gesangsunterricht, studierte und bekam schließlich eine Stelle beim Rundfunkchor Berlin.
„Ich wollte nicht Solistin werden“
Das vermeintlich wenig ambitionierte Berufsziel „Chorsängerin“ stieß anfangs jedoch auf Skepsis. „Einige Leute konnten einfach nicht verstehen, warum ich nicht Solistin werden wollte,“ so die Sängerin, deren Mann ebenfalls im Rundfunkchor singt. „Aber ich hatte keine Lust auf Solo-Stress! Außerdem wollte ich eine Familie gründen und das ist als Solistin schwieriger.“ Voßkühler strahlt absolute Zufriedenheit aus. Sie ist genau da, wo sie immer hin wollte. „Mein größtes Ziel war immer, im Berliner Rundfunkchor singen zu dürfen. Nach mehreren Vorsingen klappte es dann auch.“ Eine große Ehre? „Ich bin ein pragmatischer Mensch“, so die Sängerin. „Ich falle nicht vor Ehrfurcht um, aber ich weiß mein Glück zu schätzen – und zwar jeden Tag.“
Eine Stelle im ehrwürdigen Rundfunkchor Berlin ist ein Full-Time-Job. Man probt an fünf Tagen die Woche, Konzerte am Wochenende sind eher die Regel als die Ausnahme. Ein typischer Tag eines Rundfunkchorsängers beginnt um 10 Uhr morgens. „Da fängt die Probe an, da muss man also auf seinem Platz sitzen und bereit sein“, so Marks. Zusätzlich stehen Studioaufnahmen an, viele der Profis nehmen noch immer regelmäßig Gesangsunterricht „und zu Hause muss man sich natürlich entsprechend vorbereiten“, sagt Isabelle Voßkühler.
Ob sich da manchmal auch Routine einschleicht? „Das kann passieren“, so die Sopranistin. „Aber ein Profichor muss es immer wieder schaffen, die Werke neu zu hinterfragen. Auch wenn ich zum x-ten Mal Beethovens Neunte singe – es muss immer wieder lebendig werden!“ Und abgesehen von perfekter musikalischer Technik ist es wohl genau das, was den Rundfunkchor Berlin zum besten Chor Deutschlands, vielleicht zum besten der Welt macht. In schöner Regelmäßigkeit belegen dies internationale Auszeichnungen, wie die drei Grammy Awards, die das Ensemble gewonnen hat.
Rattle und Halsey sind alte Freunde
Unter dem Chefdirigenten Simon Halsey, der 2001 dazu stieß, beschritt der Chor zudem neue und innovative Wege. Die Initiative „Broadening the Scope of Choral Music“ setzte sich das Ziel, den Wirkungskreis der Chormusik zu erweitern. Halsey entwickelte beispielsweise den LeaderChor, der aus Top-Managern besteht, er etablierte sogenannte „Mitsingkonzerte“, bei denen aus Publikum und Musikern ein gigantischer Chor entsteht, Halsey geht unter dem Motto „SING!“ in Schulen, damit Kinder ihre Stimmen entdecken können.
Der Rundfunkchor tritt nicht nur mit den Berliner Philharmonikern auf, sondern auch in ungewöhnlichen Locations wie dem Berghain. Wobei aus „auftreten“ manchmal eher „performen“ wird. Dass sich der Chefdirigent des Rundfunkchors Simon Halsey und der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle, seit über 30 Jahren kennen und „alte Kumpels“ sind, beflügelt die berühmte Zusammenarbeit der beiden Berliner Institutionen.
„Halsey und Rattle sind die perfekte Symbiose“, sagt Isabelle Voßkühler. Gemeinsame Konzerte profitieren von dieser langjährigen Freundschaft und dem Austausch. Halsey könne quasi Sir Simons Gedanken lesen und Sätze sagen wie: „Achtung, an dieser Stelle beschleunigt Rattle schon seit 20 Jahren! Vor 30 Jahren hat er es noch nicht gemacht!“
Die kreative Stimmung scheint ansteckend zu sein und Simon Halseys Initiative hat Wellen geschlagen. Mittlerweile kann man von einer regelrechten Renaissance des Chorgesangs sprechen, dies belegen Statistiken: Der Deutsche Chorverband verzeichnet wieder Mitgliederzuwachs. Offenbar wächst im digitalen Zeitalter der Wunsch, sich körperlich auszudrücken. „Singen macht glücklich!“, sagt Isabelle Voßkühler. „Das kann ich mit absoluter Überzeugung sagen.“





