Klangkunst lässt sich fast ausschließlich auf Festivals erleben, wenige Tage nur und es ist vorbei. Dass Installationen in einer dreimonatigen Ausstellung präsentiert werden, ist eine Ausnahme, war eine Ausnahme, denn sie verschwindet, die einzige Hörgalerie der Stadt, die Singuhr schließt Ende September. „Plangemäß“, sagt der Kurator Carsten Seiffarth. Die Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt Pankow endet, das ist kein Rauswurf, keine Überraschung, aber schön ist es trotzdem nicht.
Das zeigt die finale Ausstellung, die in diesen Tagen eröffnet wurde, noch einmal sehr deutlich. Wie immer bei der Singuhr-Galerie sind auch die neuen Arbeiten speziell für diesen Ort konzipiert, den Großen und Kleinen Wasserspeicher im Prenzlauer Berg. „Das finde ich das Schöne an der Klangkunst, dass es fast immer raumbezogene Arbeiten sind. Ich verstehe Klangkunst als installative Kunst und nicht als Lautsprecher-Kunst.“
Versteckt hinter dem Wasserturm
Carsten Seiffarth ist ein umtriebiger und gefragter Experte, er besucht weltweit Festivals, holt die interessantesten Künstler nach Berlin, arbeitet mit Studenten zusammen, kennt jeden und steckt immer noch voller Begeisterung. Zahllose Ausstellungen hat er organisiert, 17 Jahre lang hat er die Galerie betrieben, zuerst in der Parochialkirche in Berlin-Mitte, von der er jetzt noch schwärmt, und seit 2007 im Wasserspeicher. Auch das ist ein magischer Ort, versteckt hinter dem Wasserturm, gegenüber dem Spielplatz, große Metalltüren am Eingang, drinnen eine schwarze Kälte. Tatsächlich der Eintritt in eine andere Welt. Die Installation im Großen Speicher trägt den Titel Aeolian Circles – durch Wind geformte Kreise wäre eine mögliche Übersetzung. Der 68-jährige Brite Max Eastley hat sie geschaffen, er ist auch Musiker und Komponist, hat mit Brian Eno und Peter Greenaway gearbeitet, realisiert weltweit Installationen und Performances und gehört zu den renommiertesten Klangkünstlern.
Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit Windharfen. Eine solche hat er jetzt auf Dach des Wasserspeichers montiert, 2,40m hoch und mit eher unspektakulärem Aussehen. Im Inneren des Großen Speichers wurden kinetische Objekte installiert. „Kleine Objekte, die sich zart bewegen“, sagt Seiffarth, „minimale Ereignisse werden zu großen Ereignissen. Was phänomenal ist an dem Raum, ist die Ringstruktur. Die Idee war, dass man die vier Windrichtungen in diese Ringe hineinlegt und damit Wind Circles macht. Es hallt im Raum wieder. Winderzeugte Klänge.“
Installation verändert sich an jedem Tag
Der Effekt ist faszinierend und berührend. Geht man in Kreisen durch den Speicher, gelangt man immer tiefer hinein, in den Ort und den Klang. Einen kurzen Moment könnte man denken, es sei möglich zum Zentrum vorzudringen, bis man feststellt, dass es ein Zentrum nicht gibt, nur ein endloses Zirkulieren. An die Wände wurden kleine, verspielte Objekte montiert, eine Metallkugel etwa, die auf Holz schlägt, sich vermischt mit dem fast brutalen Tosen des Windes, der durch den Speicher klingt, zumindest an diesem Tag. Je nach Wind verändern sich die Töne, können lauter werden, schneller, leiser, zarter. „Eigentlich ist es jeden Tag eine neue Installation“, erklärt Carsten Seiffarth. „Nicht jeder kann mit so einem Raum arbeiten.“ Auch Max Eastley hatte anfangs Bedenken ob der Größe des Speichers, der einen Durchmesser von 40 Metern hat. Im März war er für eine Woche hier und hat das Konzept erarbeitet. „Anders geht es gar nicht, der Künstler muss den Ort, besonders diesen kennen.“
Zehn Tage lang hat Max Eastley seine Ausstellung aufgebaut, wenige Stunden vor der Eröffnung läuft er glücklich durch die dunklen Gänge. Überlässt man so vieles dem Wind, ist das Ergebnis auch für den Künstler selbst eine Entdeckung. Als sich um kurz nach sieben die große Metalltür öffnet, strömen die Gäste hinein, als könnten sie das Beste verpassen. Eines ist offensichtlich: hier versteckt sich die Klangkunst in keiner Nische, das ist, zum großen Glück, kein exklusiver Kreis, der sich heute zur Vernissage am Wasserspeicher trifft. Die anwesenden Künstler und Komponisten, die mit einem Glas Wein draußen stehen, scheinen fast erstaunt, dass sie so gar nicht unter sich sind.
Zwischen Musik und Kunst
Bei Klangkunst wissen viele nicht, worum es eigentlich geht: ist das Musik, ist das Bildende Kunst? Was in keine Schublade passt, hat es bekanntlich schwer. Für Carsten Seiffarth ist es eindeutig Kunst. „Vor sechzehn Jahren hätte ich gesagt: das ist Musik, vor zehn Jahren: das ist dazwischen, und jetzt sage ich: es ist Bildende Kunst. Geht man mit der Erwartung rein, es ist Musik, dann sucht man Strukturen, die gar nicht da sind. Man engt die Wahrnehmung total ein.“ Gibt es da vielleicht ein Missverständnis, dass Klangkunst eher Musik ist als Kunst? „Das ist kein Missverständnis, das ist Kunst.“ Sehr entschieden wiederholt er das und sehr ernst.
Eine knappe Stunde später eröffnet er im Kleinen Speicher die Installation von dem in Berlin lebenden Künstler Jens Brand. Ein gänzlich andere Arbeit als die puristischen Aeolian Circles von Max Eastley. Auch arbeitet Jens Brand im Gegensatz zu Eastley nicht allein. „Er selbst macht das Konzept, braucht aber ein technisch perfektes Team, um solche Konstruktionen überhaupt bauen zu können. Extrem komplex. Für uns ist eine der größten Arbeiten, die wir bisher hatten“, erklärt Seiffarth. In der Mitte des Raumes steht eine Maschine mit einem sich langsam drehenden Lautsprecher und einer Lichtquelle. In die umgekehrte Richtung fährt ein Spionspiegel herum, der von der einen Seite spiegelt, von der anderen durchsichtig ist.
Hochmoderne Kunstmaschine
Auf den ersten Blick erinnert das an die gläserne Zelle, in der einst Hannibal Lecter in dem Film „Das Schweigen der Lämmer“ saß. Doch diese Assoziation mag an der Unheimlichkeit liegen, die Brandts Installation ausstrahlt. Sie erscheint so schön wie gefährlich. Im äußeren Kreis umrundet eine weitere Kugel, in den Lautsprecher und Mikrofon eingebaut sind, den Raum. Eine Stunde benötigt die Maschine für ihre Umlaufbahn. Fährt sie direkt unter den Gewölbebögen hindurch, entsteht ein tiefer Sound, der danach noch eine Weile im Körper festzuhängen scheint. Die Geräusche der Besucher werden aufgenommen und zurück in den Raum geworfen, genauso wie im Zentrum die Spiegelbilder. Es ist eine hochmoderne Kunstmaschine in einem 160 Jahre alten Industriebau. Ein besserer Ort ist kaum vorstellbar.
Singuhr Hörgalerie Großer und Kleiner Wasserspeicher, bis 22.09. 2013 Max Eastley (GB) und Jens Brand (D), www.singuhr.de





