Berlin-Mitte

Bauruine am Spittelmarkt wird zur Kunstgalerie auf Zeit

An der Wallstraße in Berlin-Mitte steht seit Jahren ein denkmalgeschütztes Gebäude leer. Bis es saniert wird, nutzen Künstler die untere Etage als Ausstellungsfläche. Ein Besuch auf der Fischerinsel.

Foto: Reto Klar

Da oben möchte man gerne mal stehen, direkter Blick auf die Spree, ansonsten eine wahre Romeo-und-Julia-Terrasse mit kunstvoll floraler Eisengußballustrade. Ein verwunschener Ort, Großstadtromantik. Ein bisschen Venedig, unten mit dem Anleger direkt am Wasser und oben zwischen den verwachsenen alten Backsteinen, na ja, jedenfalls reif für eine Filmszene, und das mittendrin im Zentrum, Wallstraße 84/85, gleich am Spittelmarkt.

Unsaniert, aber atmosphärisch

„Mir fiel dieser geheimnisvolle Solitär immer auf, wenn ich an der Spreeseite vorbei fuhr“, erzählt Bettina Springer. Sie hatte ihre Bilder im Kopf. Doch rein kam keiner. Das denkmalgeschützte Gebäude von 1872 lag Jahre im Dornröschenschlaf. Einst wollte das VEB Baukombinat Modernisierung dort das Museum für Volkskunde einrichten, danach den Club der Bauarbeiterjugend. Das ist lange, lange her, und nun wird das Haus bald saniert. Wie das heute so ist, Eigentumswohnungen sollen entstehen.

Aber bis es fertig wird, ist mit „Between you and me“ temporär die Kunst ins Erdgeschoss des Doppelblocks eingezogen. „Pop up“ nennt man solche Ausstellungen, die so schnell wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht sind, von der Improvisation und ja, der zeitlichen Begrenzung leben und ihren atmosphärischen Reiz beziehen. Balkonien an der Spree ist leider nicht freigegeben, die Stockwerke oben sind baufällig.

Nun steht Bettina Springer, die Kuratorin, mit uns im Erdgeschoss, ein ehemaliger Laden für Eisenwaren. Der hat Ballsaal-Qualitäten. Die hohen Fenster mit Baumwollstoffen verhängt, alter Stuck, freigelegte Wandverzierungen, mondän muss das gewesen sein, wohlhabend die Familie Lademann, die mit ihren Angestellten auch in diesem Haus lebte.

Restaurator legte Wandmalerei frei

Noch sieht man die Befestigung der einst prächtigen Regale, auf der imposanten Galerie konnte man die Auslagen betrachten. Von Pfannen bis Öfen gab es wohl alles im Sortiment, was das Herz damals an Eisenwaren begehrte. Ein Restaurator legte an einer Decke die schönste Wandmalerei frei. Die dreckigen Farbschichten darüber mag man gar nicht zählen.

Der putzbröckelnde Saal ist ideal für die Kunst, vorausgesetzt ein Künstler weiß, wie man raumgreifend inszeniert. Die britische Künstlerin Charlotte McGowan-Griffin hat dafür ein Händchen, zwischen den abgeschlagenen goldenen Säulen drapierte sie einen riesigen weißen Wal – komplett aus Papier, und zwar aus verschiedenen japanischen Sorten, die ein Europäer kaum kennen wird. „Dort gibt es ja tausend verschiedene Papiere“, lacht die 38-jährige Kuratorin. Manche hauchdünn und schmeichelnd wie Seide, andere gemasert wie ein aparter Baumwollstoff, andere rau und grobwellig wie Pappe.

McGowan-Griffin, Jahrgang 1975, bearbeitet den Werkstoff mit einem feinen Skalpell so, dass fragile Verästelungen entstehen, man kann sagen, sie malt mit Papier. „Cut out“ nennt man diese Technik, die Henri Matisse in den letzten Jahren seines Lebens meisterlich perfektionierte. Jetzt hängen und wölben sich meterhohe Papierrollen von der Decke herab, ein Holzskelett gibt dem fragilen, dreidimensionalen Riesenfisch zusätzlich Halt. Braucht er auch, das Säugetier ist begehbar, erst kürzlich wurde tief im Fischbauch getanzt, die Tänzer ganz in Weiß, ein Spiel zwischen Licht und Schatten.

Diese schwebende Papierarbeit „The Whiteness of the Whale“ steht für das Ephemere, das Vergängliche, könnte atmosphärisch also gar nicht besser passen für diesen Ort. Wenn die Bauanträge durch sind, ist Schneiders Job dort zu Ende, sie rechnet mit noch anderthalb Jahren.

Reich „zwischen Himmel und Erde“

Als nächste wird Diana Sirianni den Raum mit Farbe, Silicon und Klebebändern in Beschlag nehmen. Die Römerin, bei Figge von Rosen vertreten, ist bekannt für ihre seltsam schwebende und eingefrorene Malerei. Einen Neuköllner Keller hat sie jedenfalls schon mal in ein Reich „zwischen Himmel und Erde“ verwandelt. Das wird auch hier wieder klappen.

Schneider kennt sich aus mit ortsspezifischen Arbeiten. Angefangen hat sie damit, ihre eigene Einzimmerwohnung in der Knaackstraße am Wasserturm zu bespielen. Für jeweils vier Tage wurden die Möbel in die Küche verfrachtet, das Zimmer zur Galerie, immer zwei Künstler teilten sich die Quadratmeter. Zwei Jahre machte die gebürtige Berlinerin das.

Seit 2008 leitete sie dann den „Espace Surplus“ in der Linienstraße, eine Art „Schule für Sinn und Sammeln“, die Interessierten Kunst und Kunstkauf vermittelt sollte. Damit war dann Schluss, als das Objekt saniert wurde. Da wundert’s wenig, dass sich Schneiders Doktorarbeit rund ums Thema Stadt- und Immobilienaufwertung durch künstlerische Aktionen dreht. Offenbar geht es ihr auch in der Wallstraße nicht drum, die Kunst „raus aus dem Atelier zu holen“, sondern „sie zusammen mit den Künstlern vor Ort zu entwickeln“.

Klar, mittlerweile sind urbane Freiräume weniger geworden, die muntere Anarchie der Wendezeit ist längst vorbei. Doch ein bisschen Abenteuerspielplatz ist die Stadt immer noch geblieben, und das ist gut so. Also Augen auf wie Bettina Springer. „In Berlin ist es einfach möglich, derartige Orte zu finden und nicht in die Peripherie gedrängt zu werden.

Der ökonomische Druck ist hier noch nicht so groß“, glaubt sie. Neulich hätte eine römische Kollegin in der Wallstraße vorbeigeschaut, die „war total baff“ über die Möglichkeiten künstlerisch so zu arbeiten. Lange hat Bettina Springer in Amsterdam gelebt, „dort gibt es so etwas nicht mehr, der Markt hat alles absorbiert.“

Kulisse für „Cloud Atlas“

Wir stehen nun im weißen Wal, ein allerletzter Blick fällt zurück auf das Wasser draußen vor dem Fenster. Meine Güte, ein Filmscout muss hier verrückt werden, wenn er nur einen Funken Fantasie hat. Tom Tykwer jedenfalls kennt das Wallstraßen-Refugium. Eine Szene von „Cloud Atlas“ spielt hier, der „Ballsaal“ wurde für das Filmset in einen schummrigen Plattenladen umgebaut, die goldenen Säulen fallen sofort auf. Halle Berry alias Luisa Rey entdeckt dort eine Aufnahme des „The Cloud Atlas Sextetts“.

Diesen Charme des Morbiden wusste gleichermaßen ein italienisches Modelabel für seine Shootings zu nutzen. Die Galerie Neugerriemschneider machte Galerie-Hopping und zeigte hier temporär Elisabeth Peyton. Und wer deren Porträts kennt, weiß, die Peyton kann sehr romantisch sein.