Staatsballett Berlin

Warum sich der Senat für Duato entschieden hat

Kritiker hatten auf einen radikalen Neuanfang beim Staatsballett gehofft. Wowereit aber verpflichtet Nacho Duato als Nachfolger von Malakhov.

Foto: Rainer Jensen / dpa

Man darf annehmen, dass sich Klaus Wowereit diesen Termin, der weit weg ist vom Flughafendesaster, angenehmer vorgestellt hat. Die Präsentation des neuen Intendanten des Staatsballetts mit anschließender Vertragsunterzeichnung, das klang nach Hochkultur und gepflegten Umgangsformen. Allerdings war der Regierende gewarnt: Im Vorfeld der Verkündigung sickerte diese Personalie durch und wurde so heftig kritisiert, wie schon lange keine mehr in Berlin.

Ähnlich umstritten: Michael Schindhelm, beim ersten Generaldirektor der Opernstiftung gab es Stasi-Vorwürfe, und Bernd Wilms, dessen Berufung zum Intendanten des Deutschen Theaters seinerzeit als „Laubenpieperlösung“ bezeichnet wurde. In beiden Fällen waren andere Kultursenatoren zuständig.

Die gute Laune verfliegt

Gut gelaunt betritt Wowereit, der als Regierender Bürgermeister in Berlin auch für die Kultur verantwortlich ist, um kurz nach 12 Uhr den Raum 319 im Roten Rathaus. Der hat eine schöne blaue Rückwand, das macht sich bei Fotos und Fernsehaufnahmen gut. Und bildet einen hübschen Kontrast zur roten Krawatte des Regierungs-Chefs. Kulturstaatssekretär André Schmitz trägt eine Fliege, der Choreograf Nacho Duato einen fliederfarbenen Rollkragenpullover und darüber ein schwarzes Ledersakko.

Es sitzt schon eine ganze Weile, bevor er den Knopf öffnet. Er wirkt nervös, seine Hände sind in ständiger Bewegung, suchen Halt an dem Stift, mit dem er später unterschreiben wird. Es scheint so, als habe er die vergifteten Vorschusslorbeeren goutiert, die wenig freundlichen Bemerkungen gelesen, die über ihn geschrieben worden sind.

Der unangenehme Teil für die Herren auf dem Podium beginnt, als die Journalisten Fragen stellen dürfen. Nach Sasha Waltz. Nach dem Programm des Neuen. Nach den Namen der jungen, innovativen Choreografen, die künftig am Staatsballett arbeiten werden.

Sanfter Übergang

Man kann das Ganze auch als großes Missverständnis sehen. Die Ballettexperten unter den Journalisten erwarten einen Neuanfang am Staatsballett nach zehn Jahren Vladimir Malakhov. Wowereit hingegeben will dort die klassischen Werke wie „Schwanensee“ und „Giselle“ sehen, weil das Publikum das am Staatsballett erwarte, und verspricht sich von der Verpflichtung des Spaniers Nacho Duato einen sanften Übergang, aber keine Zäsur.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet, könnte der 56-Jährige die richtige Wahl sein. Einmal im Jahr soll er eine eigene Choreografie herausbringen, das sei vertraglich vereinbart. Das sagt Wowereit auf die Frage, ob das Staatsballett zur Abspielbühne der Werke des neuen Chefs werde. Duato, der alles übersetzt bekommt, blättert derweil in seinem Kontrakt.

Wowereit versucht, ihn etwas aus der Schusslinie zu nehmen. Er verweist darauf, dass der neue Ballettchef erst im Sommer 2014 seinen Posten antreten und dann im kommenden Jahr auch den Spielplan vorstellen werde. Anfang 2014 will Duato nach Berlin ziehen, bis dahin leitet er noch in St. Petersburg das Ballett des Michailowsky-Theaters. Duato stand davor fast zwei Jahrzehnte an der Spitze des spanischen Nationalballetts.

Traditionelles Repertoire

„Ich fühle, es ist der richtige Moment, um nach Berlin zu kommen“, sagte Duato, ein Vertreter der klassischen Moderne innerhalb der Ballettwelt. Er wolle an die Arbeit Malakhovs anknüpfen. „Das sind sehr große Schuhe für mich.“ Sein Schwerpunkt werde im traditionellen Repertoire liegen, er wolle aber auch mit jungen Choreografen arbeiten.

In der vergangenen Woche war bekannt geworden, dass Malakhovs Vertrag im Sommer 2014 ausläuft. Malakhov hatte dem Senat vorgeworfen, ihn mit der Verlängerung „hingehalten“ zu haben. Für Missstimmung innerhalb der Ballettszene sorgte Anfang der Woche dann noch die Ankündigung von Sasha Waltz, dass sie für ihr Ensemble einen neuen Standort außerhalb Berlins suche. Als Begründung nannte sie mangelnde Unterstützung durch das Land.

Bekenntnis zu Sasha Waltz

Wowereit sagte dazu, er wolle die Compagnie in Berlin halten – ohne konkreter zu werden. „Wir können aber nicht alle Forderungen erfüllen. Das ist kein böser Wille oder Missachtung der Leistung von Sasha Waltz.“ Er verwies auf die angespannte Finanzlage der Stadt. Im kommenden Doppelhaus 2014/15 werden im Kulturetat rund 20 Millionen Euro gebraucht, um die lange aufgeschobenen Tarifsteigerungen an den Opern und Theater zu finanzieren.

Wowereit betonte, dass Tanz in Berlin sich nicht aufs Staatsballett beschränke und ein Schwerpunkt der Kulturförderung bleibe. Berlin unterstützt die Compagnie Sasha Waltz & Guests mit 1,85 Millionen Euro im Jahr, knapp die Hälfte davon stammt allerdings aus dem Hauptstadtkulturfonds, den der Bund finanziert.

Duato zeigte sich offen für eine Zusammenarbeit mit Waltz, die unter anderem eine enge Verknüpfung des klassischen und des modernen Tanzes in Berlin gefordert hatte. „Ich liebe die Arbeit von Sasha Waltz“, betonte er. Beim Michailowsky-Theater bleibt er Gast-Choreograph. Auf die Vermutung, dass er nur zwei Drittel seiner Arbeitskraft Berlin zur Verfügung stellen würde, betonte er, dass ihn in St. Petersburg kein Vertrag binde.

Hinterher gab er dann noch einem Journalisten aus seinem Heimatland ein Interview. Auf Spanisch. Er wirkt zum ersten Mal an diesem Mittag entspannt.