Premiere

So tanzt das Staatsballett im Technotempel Berghain

Die Feier-Kathedrale hat sich der Hochkultur geöffnet. Vor den Kulissen von Malerstar Norbert Bisky erleben Zuschauer drei Afführungen zu DJ-Sounds - bei denen die eigenen Füße nicht still halten.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Ein schrottreifer Bus, der aus der Bühne ragt. Der bekannte Slogan „be berlin“ ist noch auf der Front zu erkennen. Auch der wohlbekannte Stopknopf ragt hier symbolisch aus der Windschutzscheibe.

Dieses Bühnenbild hat der Künstler Norbert Bisky für das Stück „Masse“ gestaltet. Dieser Begriff kann sowohl physikalisch als auch sozial verstanden werden. Das vermitteln die drei Choreographen Xenia Wiest, Nadja Saidakova und Tim Plegge mit den rund 30 Tänzern des Staatsballetts jeder auf eine einzigartige Weise.

Höchst bewegliche „Masse“

In der Halle der Berghains, zur Premiere am 4. Mai, ist der Raum maßlos gefüllt. Gesichter aus allen Generationen sind hier vertreten, das alles um dieses ungewöhnliche Spektakel zu betrachten.

„Quinque Viae – Dynamics of Existence“, so betitelt Wiest ihre Choreographien. Mit ihr beginnt die Masse. Die höchst bewegliche, dynamische Seite der Evolution wird hier durch zwölf Balletttänzer verkörpert. Die Masse ist hier eine Gruppe von einzelnen Teilen, Gegenständen, Individuen, die in Verbindung miteinander stehen. Auch eine Form des Gruppenzwangs durch die Masse kann aus manchen Ausschnitten verstanden werden. DIN (Efdemin und Marcel Fengler) begleiten mit harmonischen und manchmal brutalen elektronischen Klängen diese ganze Inszenierung.

Geordnetes Chaos mit weißen Ganzkörperanzügen

Der zweite Teil „Boson“ wird von Nadja Saidakova choreographiert. Die tiefen Bässe und Töne von Marcel Dettmann und Frank Wiedemann verleihen dem Ganzen etwas Abstraktes. Fluoreszierender gold-orangener Glibber läuft aus der Busruine. Mit Lichtspielen schaut der Zuschauer zu einem geordneten Chaos – oder einer Masse. Die Tänzer sind hier keine choreographisch animierten Personen mehr, sondern mehr wie selbstständige Organismen, die sich zusammentreffen. Die Kostüme von Julia Mottl verstärken diesen Eindruck. Alle tragen einen weißen Ganzkörperanzug mit bestimmten Linien. Hier wird mehr der physikalische Aspekt der Masse angesprochen. Anders als im letzten Teil des Stücks.

In „They“ von Tim Plegge wird die Masse als soziales Phänomen betrachtet, die aber von individuellen Impulsen geleitet zu sein scheint. Ein Wechselspiel zwischen Masse und Subjekt findet hier auf der Bühne statt. Das alles auf der bewegenden Musik von Henrik Schwarz. Es kann hier auch schon vorkommen, dass der Nachbar wie wild mit den Füssen anfängt im Rhythmus mitzumachen.

Zwischen kalt und warm, gruselig und mitreißend

Drei Tanzaufführungen, die sich kaum ähneln und das Thema Masse jeweils unterschiedlich behandeln. Es gibt keine wahre Handlung, das lässt dem Zuschauer aber ein breites Spektrum der Interpretation. Das alles von großartigen elektronischen Klängen und dem kunstvollen Bühnenbild von Norbert Bisky begleitet. Auch die Halle des Berghains verleiht dem Ganzen einen ganz eigenen Flair – zwischen kalt und warm, gemütlich und unwohl, gruselig und mitreißend. Am Ende will man doch nur mit auf die Bühne, tanzen und diese Musik niemals wieder ausschalten.