Steif und eckig kommt der Blechmann daher. Weich und rund wirkt alles, was die knochenlose Vogelscheuche unternimmt. Bettina Thiel lässt die Kinder in ihren Workshops gern denselben Bewegungsablauf erst als Blechmann und dann als Vogelscheuche machen. Dann staunen sie über die Unterschiede und sehen das Ballett „Der Zauberer von Oz“ mit anderen Augen.
Einführungsworkshops zu den Stücken des Staatsballetts gehören zu den Aufgaben der Tanzpädagogin und -therapeutin. Zwei Stunden vor der Vorstellung erzählt sie Familien etwas über das Stück und seine Figuren, lässt sie spielen und improvisieren. So tanzen vor „Schwanensee“ die Kinder oft eine vereinfachte Version der vier kleinen Schwäne. „Sie merken schnell, dass das gar nicht so leicht ist, wie es aussieht.“
Viele Jahre lang gehörte die Potsdamerin als Erste Solo-Tänzerin zu den Stars des Staatsballetts. Sie tanzte die großen klassischen Partien und die interessantesten Charakterrollen. Choreografen wie Maurice Béjart schufen Rollen für die ausdrucksstarke Künstlerin. Doch Tänzerkarrieren sind kurz. Jenseits der 40 muss sich jeder nach einem zweiten Beruf umsehen. Bettina Thiel hat über ihr Leben nach der Bühnenzeit lange nachgedacht. „Ich wollte nicht in der professionellen Ballettausbildung arbeiten. Improvisation hat mich sehr interessiert, ein Bereich, der mir in meiner Zeit als Tänzerin ein wenig gefehlt hat“, sagt sie.
Kreative Kindertanz-Kurse
Fünf Jahre machte sie berufsbegleitende Ausbildungen zur Tanztherapeutin und im kreativen Kindertanz. Während sie noch als Tänzerin arbeitete, begann sie in der Education-Abteilung „Tanz ist klasse!“. Vor einem guten Jahr verabschiedete sie sich als Mutter in „Schneewittchen“ von der Bühne. Nun ist sie eine von vier ehemaligen Tänzerinnen, die beim Staatsballett mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.
Bettina Thiel begleitet Schulklassen, die zum Staatsballett in die Deutsche Oper kommen, um ganz allgemein etwas über Ballett zu erfahren, beim Training oder bei Proben zusehen, Kostüme und Requisiten bestaunen und selbst die ersten Tanzschritte ausprobieren. Sie leitet kreative Kindertanz-Kurse für verschiedene Altersgruppen. Schon Vierjährige nehmen an ihren Bewegungsspielen teil. „Kleine Kinder improvisieren lieber als ältere. Jugendliche haben gern eine feste Struktur, eine Choreografie“, meint sie. Erika-Mann-Schule
Patenschaft zu einer Klinikschule
Ihre therapeutischen Fähigkeiten sind gefragt, wenn sie einmal in der Woche die Klinikschule in Herzberge besucht, mit der das Staatsballett eine Patenschaft verbindet. Dort arbeitet sie mit verhaltensauffälligen Kindern. Sie haben oft Schwierigkeiten, sich in eine Gemeinschaft zu integrieren, und da kann der Gruppentanz helfen. „Die Kinder erfahren über Rollenspiele, sich in die Situation des anderen hineinzuversetzen und lernen darüber, Partnerschaften aufzubauen“, sagt Bettina Thiel. Die Gruppen sind dort sehr klein, manchmal gibt sie auch Einzeltherapiestunden.
Die Tanzpädagogin geht auch regelmäßig in Schulen, in denen es Tanz als AG oder sogar als reguläres Unterrichtsfach gibt. Sie macht mit den Kindern Tanzspiele, erkundet mit ihnen das Raum- und Körperempfinden, die Grenze zwischen Alltagsbewegungen und Tanz. Vier Jahre lang hat sie die Grundschüler einer Klasse an der Erika-Mann-Schule im Wedding begleitet. Viele Kinder haben dort einen Migrationshintergrund, und Bettina Thiel hat gern alles aufgegriffen, was sie aus ihrem Leben und ihren Ländern mitbringen. „In den arabischen Ländern wird viel getanzt, etwa bei Hochzeiten. Wir integrieren das in den Unterricht. Ich selbst lerne durch diese Arbeit immer wieder dazu“, erzählt die gebürtige Potsdamerin.
Hip-Hop statt Spitzentanz
Für ihre Arbeit mit den Kindern beschäftigt sie sich mit vielen Tanzstilen, die in ihrer Ballettkarriere nicht gefragt waren. In einem einwöchigen Intensivkurs hat sie sich etwa mit Hip-Hop auseinandergesetzt. Das interessiert die Kinder einfach mehr als der Spitzentanz. Jedes Schuljahr endet mit einer Aufführung. Diesmal ging es um „Die Reise um die Welt in 80 Tagen“. Die Tanztheaterreise ging durch die Länder, aus denen die Kinder stammen: arabische Länder, die Türkei, Russland, Bosnien und Ungarn.
Nach vier Jahren übernimmt Bettina Thiel im Herbst eine neue Schulklasse. Zum Abschied haben ihr einige Schüler kleine private Dankbriefchen geschrieben. Ein Junge meinte, dass er mit der Tanzerei erst gar nichts anfangen konnte – und das Fach inzwischen heiß und innig liebt.
Viel Geduld und Humor braucht Bettina Thiel in ihrem neuen Beruf. Es geht ihr darum, Kreativität zu wecken und Freude an der Bewegung zu vermitteln. Zähe Stunden sind schnell vergessen, wenn sie merkt, dass ihre kleinen Tänzer wirklich miteinander kommunizieren und alles um sich herum vergessen. „Früher habe ich mich in einer Art Märchenwelt aufgehalten. Jetzt setze ich mich mit der Lebensrealität der Kinder auseinander“, überlegt Bettina Thiel.
Für sie ist das eine große Herausforderung, und noch etwas anderes ist neu: „Als Tänzerin war ich ganz auf mich selbst konzentriert. In meinem neuen Beruf geht es um die anderen.“





