Komische Oper

Zwei Berliner Diven beleben Operette an der Komischen Oper

Es wird ein Highlight der Saison: Dagmar Manzel und Katharine Mehrling spielen gemeinsam in Paul Abrahams Jazz-Operette „Ball im Savoy“ an der Komischen Oper. Ein Interview mit den Berliner Diven.

Foto: Sven Lambert

Die Premiere wird ein Highlight zum Ende der Opernsaison. Der Australier Barrie Kosky inszeniert an der Komischen Oper Paul Abrahams Jazz-Operette „Ball im Savoy“, die 1932 in Berlin vom Orchester des Metropol-Theaters uraufgeführt wurde und seither vergessen ist.

Für seine Wiederentdeckung hat sich der Regieintendant gleich zwei beliebte Berliner Diven verpflichtet, die an diesem Sonntag in der Premiere auftreten.

Die Berliner Morgenpost sprach mit der singenden Schauspielerin Dagmar Manzel und der schauspielernden Sängerin Katharine Mehrling.

Berliner Morgenpost: So verschieden Sie beide sind, eines werden Sie doch gemeinsam haben: das Lampenfieber?

Dagmar Manzel: Ach so, das ist doch normal.

Katharine Mehrling: Da hilft nur eines, raus auf die Bühne!

Gibt es etwas, was Sie an Ihren Rollen beunruhigt?

Mehrling: Für mich ist es neu, auch mal ein paar klassische Töne zu schmettern, natürlich liebevoll ironisch, da ich keine klassische Sängerin bin. Ich spiele Daisy Darlington, eine für die Zeit sehr moderne und emanzipierte Frau, die unter dem männlichen Pseudonym José Pasodoble Karriere als Jazzkomponistin macht.

Haben Sie vorher noch einmal Gesangsunterricht genommen?

Mehrling: Ich arbeite seit einiger Zeit mit einer Stimmbildnerin zusammen. Wir machen ganz feine Übungen, damit sich die Stimme von den Strapazen meiner Rollen erholt.

Manzel: Die Rolle der Madeleine ist ganz anders als die in „Kiss me Kate“ oder den „Sieben Todsünden“. Sie ist mehr Grand Dame, eine sehr elegante Frau aus gutem Hause. Dementsprechend sind die Lieder auch sehr unterschiedlich, es geht zum Teil in den Jazz, zwei sind nur mit Klavierbegleitung. Für mich ist eine Herausforderung, weil sie zum Teil sehr hoch sind. Da muss ich noch sehen, wie es sich anfühlt.

Es ist Musik von den Straßen Berlins, sagt Regisseur Barrie Kosky.

Mehrling: Ja, Weltmusik würde ich sagen. Es gibt jüdische und arabische Klänge, argentinischen Tango oder 20er Jahre Big Band Musik., Meine Daisy bringt den amerikanischen Jazz und Blues mit.

Und jodeln müssen Sie auch noch?

Mehrling: Was heißt müssen. Ich habe es selbst vorgeschlagen. Eigentlich ist Daisy Steppweltmeisterin, aber wir haben sie mal kurzerhand in eine akrobatische Jodelweltmeisterin verwandelt.

Die Komische Oper wirbt scherzhaft mit drei Diven: Dagmar Manzel, Katharine Mehrling und Helmut Baumann.

Manzel: Das ist kein Scherz. Helmut ist eine große Diva. Er hat für die Stadt Musiktheatergeschichte geschrieben.

Mehrling: Er hat eine enorme Energie und er hat Charme.

Sie wirken erstaunlich entspannt so kurz vor der Premiere.

Manzel: Die Proben machen ja auch Spaß.

Mehrling: Für mich ist es ein Privileg, an der Komischen Oper zu arbeiten, mit solch faszinierenden Kollegen wie Dagmar und einem genialen Regisseur wie Barrie Kosky. Das Stück hat so viel Lebensfreude, Liebe, Sex, Musik und Tanz. Allerdings ist genau diese Leichtigkeit harte Arbeit.

Frau Manzel, für Sie ist es ein Heimspiel?

Manzel: Es ist schön für mich, ein neues Haus in Berlin gefunden zu haben. Ich war ja 23 Jahre am Deutschen Theater und habe am Berliner Ensemble gespielt. Ich habe das Theater und das Theater mich geprägt. Dann hat mich die Komische Oper für „Sweeney Todd“ geholt. Es ist jetzt meine achte Spielzeit als Gast am Haus. Aber ich mache jetzt auch wieder etwas am Deutschen Theater. Am 9. November habe ich mit dem Zweipersonen-Stück „Gift“ Premiere, mein Partner ist Ulli Matthes. Das ist ein tolles Gegenstück zum „Ball im Savoy“.

Manche fragen sich, was hat eine seriöse, erfolgreiche Theaterschauspielerin dazu getrieben, zur Operette zu wechseln?

Manzel: Diese Frage kommt immer dann, wenn man keine Ahnung von Operette hat. Was mich in Deutschland ständig nervt, ist die Trennung von E und U. Nur wenn du E-Musik machst, bist du ein richtiger Künstler. Ansonsten gehörst du in die zweite Reihe. Dabei gibt es wunderbare Operetten, für mich zuerst die von Offenbach, oder große Musicals von Cole Porter. Das sind für mich die Könige der Unterhaltung. Ihre Stücke sind genau so wichtig wie die „Zauberflöte“.

Wann sind Sie auf die Operette gestoßen?

Manzel: Gut, ich bin noch nicht als junges Mädchen ins Metropol-Theater gegangen, um mir die „Lustige Witwe“ anzusehen. Es waren mehr die Fernseh-Inszenierungen aus den Siebziger- und Achtzigerjahren.

Mehrling: Das wurde damals unglaublich bieder in Szene gesetzt, um die heile Welt zu demonstrieren. Völlig anders als die verruchte Operette der 20er Jahre.

Manzel: Die haben mit den Operetten auch gar nichts zu tun. Aber sie hatten tolle Sänger damals.

Die Stimme allein macht es nicht, auch nicht das Schauspielerische. Was macht einen guten Operettensänger aus?

Manzel: Es ist der direkte Zugang zum Publikum, was Fritzi Massary einst so gut konnte. Ihre Aufnahmen klingen so frisch, so vital, mit direktem Ton. Operette und Musical brauchen eine ganz große Leichtigkeit. Man muss seine Mittel beherrschen können und vor allem improvisieren können, was in der großen Oper gar nicht geht. Der Operettensänger kann sich freier bewegen. Heute klingt das Lied so, morgen so. Diese Spontaneität spürt das Publikum. Und es sehnt sich nach guter Show, nach guter Unterhaltung.

Mehrling: Und „Ball im Savoy“ hat auch viel mit Berlin zu tun, es gehört nach Berlin.

Manzel: Ja, man muss sich mal vorstellen: Diese Operette wurde seit mehr als 80 Jahren nicht in Berlin aufgeführt. Da fragt man sich doch, waren die alle verrückt? Stattdessen werden die ganzen Großmusicals wie „Cats“ immer wieder nachgetanzt.

80 Jahre, das ist lange her. Wie viel Parodie steckt denn in Ihren Rollen heute drin?

Manzel: Der Kampf um Liebe und Betrug und Bestätigung bleibt immer.

Mehrling: Diese Geschichte zeigt auch, dass es verschiedene Lebensmodelle gibt. Ob man nun monogam zusammen lebt und sich die ewige Treue schwört, oder frei und unabhängig entscheidet, miteinander zu sein.

Die umtriebige Daisy ist schon eine verrückte Frau?

Mehrling: Was heißt verrückt? Das ist eine Lebenseinstellung. Für Daisy ist es etwas ganz Selbstverständliches. Für Mustafa Bey, ein türkischer Attaché und Lebemann, auch. Deshalb erkennen sich die beiden, finden zueinander und planen, eine offene Ehe zu führen. Ich kenne einige Paare, die so leben.

Es werden immer wieder die Goldenen Zwanzigerjahre beschworen. Gibt es in Berlin gerade wieder eine ähnliche Stimmung?

Manzel: Nicht die der Zwanziger Jahre, aber der Humor ist schon etwas Eigenes. Im Stück finde ich die Kombination des berlinisch-preußischen und des jüdischen Humors so einzigartig. Das zieht sich durch den „Ball im Savoy“. Darauf springen wir alle an.

Ihr Berliner Dialekt ist fast verschwunden?

Manzel: Wieso, ich finde den gar nicht so schlecht.

Frau Mehrling, wie es denn um den hessischen Humor bestellt?

Mehrling: Der ist speziell. Sehr deftig und gerne mal politisch unkorrekt.

Gibt es überhaupt den Berliner Humor?

Mehrling: Der begegnet mir Gott sei Dank jeden Tag. Der Berliner Humor ist ironisch und scharf, geprägt von verschiedenen Kulturen.

Eine Diva ist – so verstand es der Duden, als das Wort 1887 aufgenommen wurde – jemand, der durch besondere Empfindlichkeit und durch exzentrische Allüren auffällt.

Mehrling: Das sind die negativen Eigenschaften, aber eigentlich bedeutet Diva: göttlich.. Eine Diva ist eine Frau oder Mann, die oder der das Leben und den Glamour liebt.

Sind Sie gerne Diva?

Mehrling: Diva sein ist ein Lebensgefühl, das ich mal habe und mal nicht.

Manzel: Ja, ich bin auf der Bühne auch gerne eine Diva, aber privat wäre mir das viel zu anstrengend. Es kostet viel zu viel Energie, weil man sich ständig damit auseinander setzen muss. Man muss sich präsentieren. Aber das muss jeder für sich entscheiden.

Mehrling: Das ist das Schöne an Berlin, jeder kann sein wie er will.

Manzel: Du kannst mit High Heels oder mit Gesundheitsschuhen herumlaufen.

Mehrling: Was ich auch tue. Ich liebe diese runden Gesundheitslatschen, in denen man läuft wie ein Kamel.

Blicken Sie doch einmal auf 100 Jahre Unterhaltungsindustrie. Welche Darstellerinnen sollten mehr beachtet und gewürdigt werden?

Manzel: Damit habe ich immer ein Problem. Das ist beim Film ähnlich, wenn man Persönlichkeiten darstellt, die Zeitgeschichte geschrieben haben. Ob das Hilde Knef oder Romy Schneider ist – es gibt so viele Aufnahmen und Filme und jeder kann sich damit auseinandersetzen. Aber das ist nicht mein Weg. Für mich sind es die Rollen in einem großen Stück.

Mehrling: Es ist eher Zufall, dass ich so viele Ikonen verkörpert habe. Es gibt viele Leute, die gar nicht wissen, wer Judy Garland war, eine der größten Entertainerinnen überhaupt und wenn ein Theaterstück oder ein Konzert z.B. mit Chansons von Piaf dazu beitragen, auf diese Künstlerinnen aufmerksam zu machen, dann ist für mich eine kleine Mission erfüllt.

Gibt es Personen, die Sie gerne noch wiederbeleben möchten?

Mehrling: Ach, ich würde gerne einmal eine ganz normale heutige Frau spielen.