Ausstellung

Brücke Museum zeigt die schönsten Ankäufe aus 25 Jahren

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Tim Ackermann

Kunst zu kaufen ist für Museen kein leichter Job mehr. Das Brücke Museum in Dahlem hat nun für seine Sommerausstellung die schönsten Neuerwerbungen ausgesucht: 121 Gemälde, Zeichnungen und Grafiken.

Ein großes weißes Rechteck und ein paar schwarze Schlitze sind eine Wand mit Fenstern. Ein paar scharf geschnittene dunkle Formen lassen uns die bewegten Blätter zweier Bäume erkennen. In einer Reihe weißer Linien hören wir der Wind toben.

Die Kunst der Moderne ist zu unserer visuellen DNA geworden. Dass wir den Anblick der Dinge in ihrer stärksten bildlichen Vereinfachung – quasi in ihrer Essenz – heute widerspruchslos akzeptieren können, verdanken wir einigen Revolutionären, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts neue Formen des künstlerischen Ausdrucks suchten. Menschen, wie Karl Schmidt-Rottluff zum Beispiel.

Knappe Kassen an den Museen

Als Schmidt-Rottluff 1911 in Dangast zum Schnitzmesser greift, spürt er wie sich der expressionistische Drang der Vorjahre etwas beruhigt hat. 1911 ist das Jahr in dem der Dresdner „Brücke“-Künstler nach Berlin umzieht. Und dort, wie auch in dem niedersächsischen Nordseebad Dangast, in dem Schmidt-Rottluff seinen Sommerurlaub verbringt, macht er sich nun auf die Suche nach simpleren, klareren Formen in seiner Kunst. An der Nordsee skizziert und malt er zahlreiche Dorfansichten, und einige schneidet er eben in Holzstöcke. „Haus hinter Bäumen“ ist nun eines der schönsten Beispiele für Schmidt-Rottluffs neuen sparsamen Stil. Den langen Weg der Kunstgeschichte hin zur Abstraktion geht der Expressionist hier ein deutliches Stück mit. Aber dann wird im fertigen Bild auch wieder die Dynamik dieser wetterumtosten Küstenlandschaft deutlich: in den feinen Windböen der Maserung und in den leichten Schatten im Hintergrund. Sie wirken, wie Wolken wirken, wo sie doch in Wahrheit die groben Schnittreste sind, die der Künstler bewusst stehen ließ, als er mit dem breiten Messer ins weiche Holz fuhr.

Fast 500 Kunstwerke in den letzten 25 Jahren angekauft

„Das Haus hinter den Bäumen von Karl Schmidt-Rottluff ist ein extrem seltenes Werk“, sagt Magdalena M. Moeller, die Direktorin des Brücke Museums. „In den 25 Jahren, in denen ich das Museum nun leite, ist das Blatt nur ein einziges Mal im Kunsthandel aufgetaucht. So war es ein großes Glück, dass ich es mit der Unterstützung unseres Förderkreises für unser Museum ankaufen konnte.“ Schmidt-Rottluff habe stets nur wenige Abzüge von seinen Holzschnitten gemacht, erklärt die Direktorin nun: „Eigentlich nur für Ausstellungen, als Geschenke für Freunde oder wenn er mal ein Blatt verkaufen wollte.“ Größere Auflagen habe es nicht gegeben.

Insofern ist es schon etwas Besonderes, wenn das Brücke Museum in Kooperation mit der Tageszeitung „Die Welt“ einen auf 50 Exemplare limitierten Nachdruck des Hauses hinter den Bäumen vom Originaldruckstock des Künstlers herausgibt. Die Druckgrafik, die stets das Medium der weiteren Zirkulation rarer Meisterwerke war, findet hier zu ihrer Bestimmung zurück. „Haus hinter Bäumen“ ist nun zeitgleich noch in einer großen Ausstellung zu sehen, die das Brücke-Museum am heutigen Freitagabend eröffnet. Die Schau zeigt eine Auswahl von 121 Gemälden, Zeichnungen und Grafiken aus den fast 500 Kunstwerken, die in den vergangenen 25 Jahren für das Museum angekauft wurden – in just jener Zeit also, in der Moeller das kleine Haus am Grunewald führt.

Ankaufen - für Museen kein leichter Job

Die Direktorin hat vor allem Ernst Ludwig Kirchner erworben, das kann man leicht feststellen. Dazu einiges von Schmidt-Rottluff und Erich Heckel, einige kapitale Werke von Otto Mueller und in den letzten Jahren auch zahlreiche Druckgrafiken von Max Pechstein. Von Fritz Bleyl, der sich bereits 1907 wieder aus dem Kreis der „Brücke“ verabschiedete, um Zeichenlehrer zu werden, sind es dagegen nur zwei frühe Arbeiten. Die Museumsbestände in Zeiten knapper öffentlicher Kassen so beträchtlich zu erweitern, zeugt schon von detektivischem Talent, im Handel verfügbare Werke aufzuspüren. Zudem braucht es Fingerspitzelgefühl beim Vertrösten ungeduldiger Sammler sowie Durchsetzungsvermögen beim Akquirieren von Sponsorengeldern.

Für ein Museum Kunst zu kaufen, ist einfach kein leichter Job mehr. Bei 39 Millionen US-Dollar liegt der Auktionsrekord für ein Bild von Kirchner – erzielt mit der „Straßenszene“, die einst im Brücke-Museum hing und 2006 an die Erben des jüdischen Kunstsammlers Alfred Hess zurückgegeben wurde. Nie hätte das Museum das Bild zurückkaufen können. „Mein offizieller Ankaufsetat liegt, glaube ich, bei um die 13.000 Euro“, sagt Moeller.

Und so ist es schon beeindruckend, wenn man sieht, was sich im Brücke Museum in den vergangenen 25 Jahren bewegt hat. Die von Leopold Reidemeister, ihrem Vorgänger und Gründungsdirektor, angelegten Bestände seien gut gewesen, doch sei nichts mit ihnen passiert, so Moeller. Die neue Direktorin, die damals die jüngste in Deutschland war, öffnete das Haus erstmals für Wechselausstellungen. Und sie begann, die Lücken zu schließen, die nicht nur ihr auffielen: Als sie ihre erste Ausstellung zum druckgrafischen Werk von Kirchner präsentierte, monierte ein Kritiker, das Museum habe ja nicht einmal diese großartigen „Lithografien auf gelben Papier“ in seinem Besitz. „Mittlerweile gehören uns auch solche Arbeiten“, sagt Moeller.

Brücke Museum, Bussardsteig 9. Mi-Mo 11-17 Uhr. Bis 6. Oktober