Kulturhauptstadt

Berliner Museumsdirektoren zeigen ihre Schätze

Während der Ostertage haben fast alle 161 Berliner Museen geöffnet. Wir haben zehn Chefs gebeten, ihre Lieblingsexponate vorzustellen. Von Schiffen über Kamele bis hin zu Computern ist alles dabei.

Dass die Kulturhauptstadt Berlin seit Jahren die Rangliste der Städte mit den höchsten Besucherzahlen in Museen anführt, dürfte kaum verwundern. Erstaunlich groß klafft aber der Abstand zur statistischen Nummer zwei der deutschen Museumslandschaft: Während Besucher in Hamburg rund 1,7 Millionen Tickets übers Jahr verteilt an der Museumskasse lösen, gehen in der Hauptstadt fast 15,8 Millionen Eintrittskarten über den Tisch.

Der Vergleich ist etwas unfair, weil die 56 Museen der Hansestadt mit einer Übermacht von 161 Kulturhäusern in Berlin konkurrieren. Auf diese Zahlen greift die offizielle Statistik des Instituts für Museumsforschung zurück. Der aktuelle Bericht des Instituts führt daneben vor allem eines vor Augen: dass das Museum längst kein Ort mehr ist, an den Eltern ihre Kinder mit falschen Versprechungen locken müssen, um Uraltes in dicken Vitrinen zu bestaunen.

„In den letzten Jahren haben sich die Museen sehr bemüht, auf die Bedürfnisse eines breiteren Publikums einzugehen“, sagt die Vizevorsitzende des Landesverbands der Museen zu Berlin, Andrea Theissen. Neben den großen Leuchttürmen wie dem Pergamonmuseum sowie den Häusern auf der Museumsinsel, den Nationalgalerien und den weiteren staatlichen Institutionen, die in der Hand des Preußischen Kulturbesitzes liegen, erweitern eine Reihe kleinerer und privater Häuser die kulturelle Bandbreite.

Dazu zählen Exoten wie zum Beispiel das Friseurmuseum in Marzahn und das Computerspielmuseum in Friedrichshain. „Vor allem für Kinder und Familien ist das Angebot gewachsen“, sagt Andrea Theissen.

Der Bericht der Museumsforscher zeigt, dass sich das Publikum verändert, weil sich auch das Angebot wandelt. Vor allem die Zunahme an Sonderausstellungen, eine bessere Werbung für die Kulturhäuser und neue Ansätze wie zum Beispiel pädagogische Museen für Kinder nennt das Institut für Museumsforschung als Gründe für den massiven Besucherzuwachs. Innerhalb von zehn Jahren verdoppelte sich sogar die Zahl der verkauften Museumstickets in Berlin beinahe (Jahr 2001: 8,7 Millionen Besuche).

Über die Osterfeiertage und die Ferien haben fast alle Kulturhäuser ihre Türen geöffnet, einige haben ihre Öffnungszeiten erweitert. „Die Museen sind sich natürlich ihrer Aufgabe in diesen Tagen sehr bewusst“, sagt Andrea Theissen. Eine umfassende Auswahl fast aller Museen hat das Museumsportal im Internet zusammengetragen, unter der Adresse www.museumsportal-berlin.de.

Eine Auswahl ohne den Anspruch auf Vollständigkeit stellt die Berliner Morgenpost hier vor. Wir haben die Museumsdirektoren darum gebeten, ihr persönliches Lieblingsstück zu zeigen und zu erklären, warum sie an diesem ganz besonders hängen. Auch wenn es vielen nicht ganz leichtfiel, konnten sich die Direktoren letztlich doch durchringen und sich für ein Exponat entscheiden.

Das Museum für Naturkunde

Die 7000 Quadratmeter große Ausstellungsfläche zeigt weitaus mehr als die seit Februar ausgestellte Dermoplastik von Eisbär Knut: Über 30 Millionen Sammlungsobjekte enthält die weltberühmte Tiersammlung, darunter 15 Millionen Insekten, den Urvogel Archaeopteryx und das 13 Meter hohe Skelett des Brachiosaurus. Grundthema aller Ausstellungen ist die „Evolution in Aktion“. Das 1810 gegründete Naturkundemuseum ist das größte Deutschlands und beherbergt auch den Gorilla Bobby aus dem Jahr 1935, der als Meisterwerk der Präparationskunst gilt.

Johannes Vogel, Direktor: „Der südamerikanische Tukan ist für mich ein Symbol für den Forschergeist des Menschen. Der Naturforscher Friedrich Sellow hat ihn Anfang des 19. Jahrhunderts nach Berlin in unser Museum geschickt und wie andere hervorragende Entdecker der Zeit einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, die Schönheit der bedrohten Natur ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Das entspricht dem Leitgedanken unseres Museums, nämlich dem, lokal zu handeln und global zu denken.“

Tipp für Familien: Die Biodiversitätswand. Die zwölf Meter lange und vier Meter hohe Wand vermittelt ein Bild von 3000 Tieren, das Ergebnis von 3,5 Milliarden Jahren Evolution.

Invalidenstraße 43, Tel. 20 93 85 91. Geöffnet Di. bis Fr., 9.30–18 Uhr, Sa., So. und Feiertage 10–18 Uhr. Eintritt 5 Euro, ermäßigt 3 Euro

Das Computerspielmuseum

Ein fast schon legendärer Pong-Automat, seltene Konsolen, Joysticks und jede Menge Games zum Ausprobieren: Das Computerspielmuseum an der Karl-Marx-Allee erklärt das digitale Spielen seit seiner Gründung 1997 zum musealen Kunstgegenstand – und ist laut eigener Angabe das erste und einzige Museum seiner Art in ganz Europa. Die Dauerausstellung reflektiert mehr als 60 Jahre Computerspielgeschichte, die mit kleinen Anekdoten und großer Auswahl des riesigen Spielefundus (16.000 originale Titel) ausgebreitet wird.

Andreas Lange, Geschäftsführer: „Diese Spielkonsole trägt den Namen Vectrex und ist ein außergewöhnliches Unikat: Sie war das erste Spielgerät mit 3-D-Brille auf dem Markt. Die Technik besteht aus einem sogenannten Vektor-Monitor, wie ihn Spielefans aus den ehemaligen Spielhallen kennen. Den Wert der Konsole, die 1982 in den Handel kam, macht auch aus, dass sie nur wenige Monate erhältlich war. Obwohl die Konsole seit bald 30 Jahren nicht mehr produziert wird, gibt es noch eine sehr aktive Szene, die neue Spiele für die Vectrex programmiert. Ohne Zeitdruck, nur aus Liebhaberei.“

Tipp für Familien: Bei der „Spiel-die-Originale-Führung“ können Besucher selbst an die Controller.

Karl-Marx-Allee 93a (U-Bahn-Station Weberwiese), Tel. 60 98 85 77. Geöffnet täglich 10–20 Uhr, Dienstag geschlossen. Karte 8 Euro, ermäßigt 5 Euro, 15 Euro pro Familie

Das Museum für Kommunikation

Die Dauerausstellung des Museums, das 1892 als erstes Postmuseum der Welt gegründet wurde, zeigt die „Meilensteine der Kommunikationsgeschichte“ und hinterfragt die Medien als Machtinstrumente, präsentiert unter anderem auch die Techniken der Nachrichtenverschlüsselung. Zu sehen sind auch die Rote und die Blaue Mauritius. Dem Phänomen der Beschleunigung widmet sich die bald beginnende Ausstellung „Tempo, Tempo! Im Wettlauf mit der Zeit“ (Beginn 12. April).

Lieselotte Kugler, Direktorin: „Mit der Rohrpost sind im Berlin des Jahres 1919 rund 27 Millionen Sendungen erfolgt. Die Kartuschen, die durch unterirdische Anlagen geschickt wurden, stellen auch eine Art Nullpunkt unserer modernen Kommunikation über ein Netz dar. Berlin war nicht nur nach London die zweite Stadt, in der die Rohrpost weitflächig zum Einsatz kam, sondern verfügte zuletzt auch über ein 400 Kilometer langes innerstädtisches Netz, durch das die Kartuschen in Windeseile von einem Ort an den anderen gelangten.“

Tipp für Familien: Die sogenannte Hands-on-Aktion zeigt Kindern die Möglichkeiten nonverbaler Kommunikation, wenn sie etwa auf den Boden projizierte Smileys hin- und herschicken.

Leipziger Straße 16, Tel. 202 94 0. Geöffnet Di. 9–20 Uhr, Mi. bis Fr. 9–17 Uhr, Sa., So., Feiertage 10–18 Uhr. Karte 4 Euro, ermäßigt 2 Euro

Das Jüdische Museum

Das im Jahr 2001 eröffnete Haus in Kreuzberg ist das größte Museum in Europa, das sich mit der Geschichte des Judentums auseinandersetzt. Die ständige Ausstellung an der Lindenstraße in dem barocken Altbau und modernen Kollegienhaus will dafür sensibilisieren, wie die jüdischen Deutschen auf ihr Heimatland blicken, und lässt zwei Jahrtausende deutsch-jüdische Geschichte Revue passieren. In der aktuellen Sonderausstellung „Die ganze Wahrheit – Was Sie schon immer über Juden wissen wollten“ versucht das Museum diverse Fragen an das Judentum zu beantworten, darunter auch unbequeme.

Cilly Kugelmann, Programmdirektorin: „Die aktuelle Ausstellung behandelt im Kern das Paradox, dass ein und dasselbe Objekt, das Kruzifix nämlich, zwei widersprüchliche Fragen miteinander verbindet. Das Kruzifix ist gewissermaßen das österliche Element in unserer Ausstellung, das zwei gegenläufige Fragen von insgesamt 30 Fragestationen verbindet. Eine lautet: ,Warum sind Juden so beliebt?‘, die zweite: ,Warum sind Juden so unbeliebt?‘. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich eine Theologie, die die jüdische Herkunft Jesu zunehmend anerkennt, was zu einem positiven Bild der Juden führte; der Ursprung des Antijudaismus liegt jedoch traditionell in der Kreuzigung Jesu, die den Juden vorwarf, Gottesmörder zu sein.“

Lindenstraße 9–14 (U-Bahn Kochstraße), Tel. 25 99 33 00. Geöffnet Montag 10–22 Uhr, Dienstag bis Sonntag 10–20 Uhr. Karte 7 Euro, ermäßigt 3,50

Das Deutsche Technikmuseum

Das Haus will Lern- und Erlebnisort zugleich sein: Am Gleisdreieck auf dem ehemaligen Anhalter Güterbahnhof zeigt es auf über 25.000 Quadratmeter Fläche auch rund 1500 Exponate in der Abteilung Schifffahrt, 40 Schienenfahrzeuge sowie mehrere historische Flugzeuge. In einer aktuellen Sonderausstellung behandelt und würdigt das Museum deutsch-jüdische Ingenieure, Erfinder und Fotografen, die Opfer während der Nazi-Zeit wurden und deren Lebenswerke teilweise zerstört wurden.

Dirk Böndel, Direktor des Museums: „Dieses Schiffsmodell einer Fregatte ist bis auf die Kupferdrähte der Takelage vollständig aus Bernstein gefertigt und zeigt, aus welch unterschiedlichen Materialien Schiffsmodelle gebaut werden. Gleichzeitig stellt es ein Symbol für eine unserer größten Abteilungen dar, die sich auf 6600 Quadratmetern der Schifffahrtsgeschichte widmet. Insbesondere die Räume zur Binnenschifffahrt haben starken Bezug zum Berliner Raum und zeigen, wie sich hier die Fortbewegung auf dem Wasser entwickelte.“

Tipp für Familien: Jeden Sonntag, 14 Uhr, gibt es für Familien eine kostenlose Führung, in der das Fachpersonal auch Fragen zu Loks, Schiffen und Flugzeugen beantwortet. Die aktuelle Sonderausstellung beschäftigt sich mit dem Thema Windstärken.

Trebbiner Straße 9, (U-Bahn Gleisdreieck), Tel. 90 25 40. Geöffnet Dienstag bis Freitag 9–17.30 Uhr, Samstag, Sonntag und Ostermontag 10–18 Uhr. Karte 6 Euro, ermäßigt 3,50 Euro

Das Labyrinth Kindermuseum

Das kleine Haus lädt seit 15 Jahren junge Besucher in die historische Zündholzfabrik in Wedding ein. Derzeit läuft die Ausstellung „Ganz weit weg und doch so nah“. Kinder können fremde Sprachen, Gerüche, Speisen, Kleider und Rituale kennenlernen. Auf einem kleinen Verwandlungsbasar können exotische Kleider anprobiert werden, die Küche der Welt führt die Besucher zum Beispiel in die Geruchswelten des Orients ein.

Ursula Pischel, Direktorin: „Das Kamel steht für die verschiedenen exotischen Kulturen und Länder, die unsere jungen Besucher bei uns kennenlernen können. Es signalisiert, dass die Kinder hier in eine völlig fremde Welt eintauchen können. In der Themenlandschaft ,Marktplatz international‘ können die Besucher ganz verschiedene Stationen ansteuern: Dazu gehören Spiele wie ,Wassereimer balancieren‘ oder ein mongolisches Orakel, das befragt werden kann. In der ,Spielschule‘ können die Kinder fremde Schriftzeichen kennenlernen und in Schulbüchern aus anderen Ländern stöbern. Kinder sollen riechen, hören, fühlen – und so Neues kennen- und verstehen lernen.“

Osloer Straße 12 (U-Bahn Osloer Straße, Pankstraße), Tel. 800 93 11 50. Geöffnet am Wochenende 11–18 Uhr und in den Osterferien 9–18 Uhr. Jede Karte 4,50 Euro, Familie 13 Euro

Das Bröhan-Museum

Benannt nach seinem Gründer Karl H. Bröhan, zeigt das Haus gegenüber vom Schloss Charlottenburg internationales Kunsthandwerk und bildende Kunst des Jugendstils, Art decó und des Funktionalismus.

Tobias Hoffmann, Direktor: „Diese sogenannte Sitzmaschine des Wiener Designers Josef Hoffmann steht für eine gestalterische und industrielle Revolution zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Der klassische höhenverstellbare Polstersessel wurde auf ein Linien- und Flächenspiel aus geometrischen Elementen reduziert. Gleichzeitig erlaubte die neue Bugholz-Technik – unter Hitze und Dampf wird das Holz in die Form gebogen – neue Formen im Möbelbau und erstmals die industrielle Serienfertigung von Möbeln. Dieser Armlehnstuhl von Josef Hoffmann, hergestellt von der Firma Kohn, ist charakteristisch für den Wiener Jugendstil und heute ein Klassiker der Design-Geschichte.“

Tipp für Kinder: Frösche auf Tellerrändern, Seerosen und Korallen schwimmen auf Teppichen – besonders spannend sind für junge Besucher all die kleinen Details, die erst der zweite Blick offenbart.

Schloßstraße 1a, Tel. 326 906 00. Geöffnet Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen 10–18 Uhr. Karte 6 Euro, ermäßigt, 4 Euro

Das Alte Museum

Die Antikensammlung der Staatlichen Museen zeigt in einer Neupräsentation aus dem Jahr 2011 Skulpturen, Vasen, Bronzen, Terrakotten, Münzen sowie Inschriften und Schmuck aus dem griechischen, etruskischen und römischen Altertum.

Andreas Scholl, Antikensammlung: „Über dem Bild des Mädchens liegt eine Stimmung stiller Trauer und Wehmut als Hinweis auf den allzu frühen Tod der Dargestellten. Der üppige, vegetabile Wuchs des Ornamentes deutet darauf hin, dass dieses vielleicht schönste Grabmal eines griechischen Mädchens von einem Bildhauer um 460 v. Chr. auf der Insel Paros geschaffen wurde.“

Tipp für Familien: Die neue Dauerausstellung „Antike Welten“ zeigt Speerträger, Amazonen und andere Heroen.

Am Lustgarten (Bahnhof Friedrichstraße), Tel. 266 42 42 42. Geöffnet täglich 10–18 Uhr. Karte 8 Euro, ermäßigt 4 Euro

Das Deutsche Historische Museum

Die Sammlung präsentiert zum ersten Mal ihre Gemälde in einer eigenen Ausstellung unter dem Titel „Im Atelier der Geschichte“. Sie zeigt rund 100 ausgewählte Porträts, Schlachtengemälde, Panoramabilder und Alltagsszenen aus dem 14. bis 20. Jahrhundert.

Dieter Vorsteher-Seiler, Direktor der Sammlungen: „Das Gemälde zeigt Napoleon I. im Krönungsornat, in seiner festlichen Amtstracht, die er während der Krönungszeremonie im Dezember 1804 trug. Napoleon präsentiert sich hier als Nachfolger des Römischen Reichs seit der Antike und erhebt den Anspruch, einziger Kaiser des Abendlandes zu sein. Das Ende des Reiches 1806 eröffnet nach dem Wiener Kongress 1815 den Aufstieg der Nationalstaaten in Europa.

Tipp für Familien: Zweistündige Kurse zu Grundlagen der Bildanalyse.

Unter den Linden 2, Tel. 20 30 44 44. Geöffnet täglich 10–18 Uhr. Karte 8 Euro, ermäßigt 4 Euro

Das Brücke-Museum

Die sieben Brücke-Maler gelten als Wegbereiter des Expressionismus. In Dahlem befindet sich die umfassendste Sammlung mit Gemälden, Plastiken und Zeichnungen der 1905 gegründeten Künstlergruppe.

Magdalena M. Moeller, Direktorin: „Die Marcella von Ernst Ludwig Kirchner ist ein sehr modernes Bild, das mehr in unsere heutige Zeit passt als ins Jahr 1910. Marcella sitzt gelangweilt auf dem Sofa, sie könnte problemlos in einen Fernseher starren. Es kann als Kritik an der allzu schnellen Langeweile gelesen werden, als eine Vorwegnahme des YouTube-Fluchs.“

Tipp für Familien: Am ersten und letzten Sonntag jeden Monats veranstaltet das Museum ab 15 Uhr Führungen für Kinder, bei denen Besucher zwischen sieben und zwölf Jahren unter Anleitung eigene Geschichten zu den Gemälden erfinden.

Bussardsteig 9 (Buslinie 115, Clayallee/Pücklerstraße), Tel. 83 12 02 9. Geöffnet täglich 11–17 Uhr, Dienstag geschlossen. Karte 5 Euro, ermäßigt 3 Euro

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