Synth-Pop-Band

Mit Depeche Mode und per Bus quer durch Berlin

Zwischen Depeche Mode und Berlin besteht eine enge Beziehung. So war das Konzert im Olympiastadion auch schnell ausverkauft. Auf einer Stadtrundfahrt lernen Fans, was die Band mit der Stadt verbindet.

Foto: Getty Images

Es ist der Sommer 1985. „Ich weiß das heute noch ganz genau“, beginnt Christian Haase mit einem lockeren brandenburgischen Einschlag seine Erzählung. Er ist als Junge in einem Ferienlager der Post. Das ist nämlich so, dass die Betriebe in der DDR für die Kinder der Angestellten eigene Ferienlager organisieren. „Natürlich war da einer vom Kader dabei. Wenn man nicht gehört hat, musste man einen Entengang durch den Hof machen.“

Und auf einem der Tische liest Christian „Depeche Mode“, er spricht es am Telefon 28 Jahre später extra so aus, wie er es damals gelesen hat. Nicht „dipesch“, sondern mit einem „ch“, wie es Hochdeutsche in „China“ aussprechen.

Einer der Älteren im Lager trägt schon so hoch toupierte blonde Haare. „Was soll das jetzt?“, fragt sich Christian. Ein Jahr später, wieder im Ferienlager, hört er zum ersten Mal „Shake The Disease“. Und wieder hören wir am Telefon die Stimme von früher, wie sie das „aaaaaahaaaaaaaa“ des Stücks nachsingt.

Ausstellung und Bildband

Diese Tage, die größte Synth-Pop-Gruppe der Welt ist wieder auf Tournee, werden die Fans zu Chronisten, sie werden selber so etwas wie kleine Stars.

Menschen wie Dennis Burmeister, er stellt seine Sammlung mit Depeche-Mode-Devotionalien in der Brunnenstraße 19 aus. Unter der Mithilfe des Journalisten Sascha Langes ist vor einigen Tagen der große Erinnerungsband „Depeche Mode – Monument“ erschienen. Es sind Fans und Verrückte, die jede Konzertkarte, jede Autogrammkarte und jedes Fitzelchen Erinnerung zusammentragen, die für die anderen Gleichgesinnten so wertvoll sind. Sie erinnern sich alle zusammen.

Christian Haase bietet Stadtrundfahrten für Depeche-Mode-Fans an. Einen Tag vor dem Konzert im Olympiastadion, am heutigen Sonntag natürlich auch und fünf Tage im November, wenn Depeche Mode am 25. und 27. noch einmal in der O2 World auftreten.

Die Idee dazu hatte er schon vor drei Jahren, zunächst aber zu wenig Zeit neben der normalen Arbeit, aber Christian konnte das ganz gut zusammenführen. Der studierte Historiker bietet sowieso schon Stadtrundfahrten durch Berlin, jetzt aber eben mit noch mehr Leidenschaft für Typen wie ihn, denen Songs wie „Master And Servant“, „Personal Jesus“ oder „Martyr“ die Welt bedeuten.

Über 300 Menschen wollen an Bustour teilnehmen

Zwei Stunden dauert die Fahrt durch Ost- und West-Berlin. Vieles gibt es zu erzählen, zu entdecken. Martin Gore, der Kopf der Band, lebt von 1985 bis 1987 mit seiner deutschen Freundin Christina Friedrich in West-Berlin. „Construction Time Again“, das dritte Depeche Mode Album wird 1983 in den Berliner Hansa-Studios abgemischt, die beiden Nachfolger „Some Great Reward“ und „Black Celebration“ schließlich dort produziert. Auch die Musikvideos zu „Stripped“ und „Everything Counts“ werden in der Hauptstadt gedreht.

Mehr als 300 Interessierte haben die Bustour schon gebucht. Sie geht vorbei an der Stresemannstraße, Ecke Niederkirchnerstraße. Im Rücken liegen die Hansa-Studios. Vor siebenundzwanzig Jahren schlugen dort Dave Gahan, Martin Gore und Andrew Fletcher mit Vorschlaghämmern auf alte Autokarossen. Sie sprangen über die dunkle Straße an fahrenden Autos vorbei. „Stripped“ wurde gerade gedreht.

Haase hat die Orte für seine Tour penibel recherchiert. Um die ehemalige Wohnung von Gore zu entdecken, befragt er ehemalige „Bravo“-Redakteure, die Gore einst interviewt haben, er telefoniert mit dem damaligen Produzenten Gareth Jones, der Depeche Mode das Sampeln beibrachte. Aber keiner kennt Details.

Am Ende findet er die Adressen Gareth Jones’ und Christina Friedrichs, Gores Freundin, in einem Telefonbuch aus den Achtzigern in der Berlin-Bibliothek. Genaueres will er nicht sagen, aber das Haus liegt in der Heerstraße. Produzent Gareth Jones wohnte damals auf der Potsdamer Straße in einer der Siebziger-Hausnummern.

Erstes Deutschlandkonzert von Depeche Mode fand in Berlin statt

Christians Fahrt könnte so viel länger dauern als zwei Stunden. Er könnte raus zum Strandbad Wannsee fahren. In „Everything Counts“ stehen Depeche Mode in der heißen Sonne eines Berliner Sommers vor Strandkörben. Der blondgelockte Martin Gore ist oben ohne. Zwei Jahre später wird Christian Haase den Schriftzug auf dem Tisch lesen.

So führt die Fahrt auf den Spuren Depeche Modes vorbei am Metropol am Nollendorfplatz, heute heißt es „Neues Schauspielhaus“. Dort fand 1982 das erste Depeche Mode-Konzert in Deutschland statt. Die Tour hieß damals „See You“.

Sie passierte die Nürnberger Straße 53, der legendäre Club Dschungel öffnete dort nachts seine Türen. Blixa Bargeld stand hinter dem Tresen. Heute steht dort das Hotel Ellington.

Martin Gore war fasziniert von diesem niemals zu Ruhe kommenden Berlin, vierundzwanzig Stunden am Tag war alles möglich. Ausgehen, Tanzen, Trinken, Aufnehmen, Knutschen. DNC, Linientreu, Exilbar in Neukölln – und wieder zurück ins Hansa-Studio.

1988 spielen Depeche Mode beim „FDJ-Geburtstagskonzert“ in der Werner-Seelenbinder-Halle, Velodrom heißt der komplett neu gebaute Komplex jetzt. „Mein Vater kam nach Hause und erzählte mir nur, er hätte ein Plakat gesehen. Mir ist die Kinnlade runtergefallen.“

Die Hauptstadt, das Konzert sind von Brandenburg unerreichbar. Seine Oma bringt ihm aus dem Westen eine Kassette mit, er hat ein Radio, aber keinen Kassettenrekorder.

Christian muss noch fünf Jahre warten, bis er 1993 auf sein erstes Depeche Mode-Konzert gehen wird. Es wird der 16. Juni 1993 sein. Waldbühne Berlin. Erst nach der Wende schneidet er die Radiosendungen mit. „People Are People“ ist er erste Song, den er mit Rauschen auf Band bannt.

Berlin, so scheint es diese Tage, ist der Mittelpunkt einer Welt von Depeche-Mode-Fans. Und so revolutionär das damals war, der Synth-Pop, die Netzoberteile, die Ohrringe und die Haare, heute gehören Depeche Mode zum Mainstream. Und so wird das Konzert im Olympiastadion wohl eher das größte Berliner Freiluft-Familienfest des Sommers, keine düstere Clubnacht. Aber das ist ok. Schließlich sind Gahan, Gore und Fletcher auch schon über 50.