Depeche Mode

Martin Gore will nicht "der Miesepeter von früher“ sein

Mehr als drei Jahrzehente nach Gründung gehen Depeche Mode zielstrebig zu Werke. Ein Gespräch mit Martin Gore über ihre neue CD „Delta Machine“, ihr Olympiastadion-Konzert und seinen Alkoholentzug.

Foto: Sony-Music / Anton Corbijn

Berliner Morgenpost: Herr Gore, am 9. Juni werden Sie im Olympiastadion spielen. Eigentlich müssten Sie doch gar keine neue Musik mehr veröffentlichen, um die Stadien voll zu kriegen?

Martin Gore: Das würde allenfalls eine Tour lang funktionieren. Nein, die Menschen sind erfreulich hungrig auf neue Musik von Depeche Mode, und für uns selbst ist die kreative Arbeit eine wesentliche Antriebskraft. Als reine Verwalter alter Erfolge sind wir ungeeignet. Das würde uns langweilen.

Sind Sie eher Optimist oder Pessimist?

Ich denke, ich war früher eindeutig ein Pessimist. Auf alle Fälle war ich klar pessimistischer als heutzutage. Heute bin ich weitaus mehr Optimist als Pessimist.

Woran liegt das?

Ich schließe nicht aus, dass das etwas mit dem vorgerückten Lebensalter zu tun hat, in dem ich nun angekommen bin. So genau weiß ich es selbst nicht. Ich halte es jedoch für eine angenehme Entwicklung, nicht mehr dieser Miesepeter zu sein wie früher.

Sie genießen das Leben also auch außerhalb von Depeche Mode?

Ja, ich bin auch jenseits von Depeche Mode sehr glücklich. Ich habe ein schönes Leben und genieße es zum Beispiel, Vater zu sein. Auch künstlerische Ausflüge wie das gemeinsame Album mit Vince Clark machen mir viel Freude. Aber auch innerhalb von Depeche Mode bin ich glücklich. Wir setzen uns nicht mehr unter Druck oder zeitlichen Stress, das kommt unserer Stimmung sehr zu Gute. In den kommenden 16 Monaten freilich werde ich wenig Möglichkeiten zur Muße bekommen. Wir werden sehr viel arbeiten und sehr viel live spielen. Das mag ich. Ich habe die letzte Tour so richtig genossen.

Zu Beginn der Tournee musste Dave Gahan ein Blasentumor entfernt werden. Wie groß war der Schreck?

Schon sehr groß. Wir waren alle fit und – so dachten wir – gesund. Und dann geschieht so etwas. Diese Art von Drama wäre wirklich nicht nötig gewesen. Auf der anderen Seite muss man sagen: Dieser Tumor war eigentlich der erste große medizinische Vorfall, der je bei einer unserer Tourneen passiert ist. Hoffentlich geht diesmal alles glatt.

Aber es gab schon andere Dramen. Man denke nur an Gahans Heroin-Überdosis und seinen Herzstillstand.

Okay, das stimmt. Wir hatten auch schon Tourneen, auf denen Drogenkonsum hinter den Kulissen ein großes Problem war. Zum Glück liegt das schon sehr weit in der Vergangenheit, bald 20 Jahre. Oder dass Alan Wilder uns verlassen hat. 1995 war das. Ewig her. Diese Ereignisse verschwinden allmählich im Nebel.

Sie selbst hatten jahrelang zu viel Alkohol getrunken und sind jetzt seit sieben Jahren trocken?

Stimmt, vor sieben Jahren habe ich mit dem Trinken aufgehört. Das Tolle ist: Ich denke kaum noch an Alkohol. Er fehlt mir nicht. Die Abstinenz hat mir als Mensch sehr geholfen, ich führe heute ein komplett anderes Leben. Ein Leben, in dem ich mich viel stärker mit der Welt verbunden fühle als damals.

Haben Sie einen Coach, einen Fitnesstrainer mit auf Tournee?

So jemanden brauchen wir nicht. Ich war sowieso schon immer ein Läufer. Selbst in der Zeit, als ich noch soff, bin ich regelmäßig joggen gegangen. Mein Lieblingssport aber ist Fußball. Wenn ich zuhause bin, spiele ich einmal pro Woche mit der Mannschaft. Alte Herren. Darüber hinaus gehöre ich zu den Männern, die die Mitgliedschaft in ihrem Fitnessclub tatsächlich auch nutzen.

Was für eine Hochhauslandschaft ist eigentlich auf dem Albumcover abgebildet?

Das Foto ist von Anton Corbijn. Er fährt voll auf diesen Industrial-Look ab, und wir auch. Das Foto hat er aus dem Fenster unseres Studios in Manhattan geschossen. Wahrscheinlich ist das ein großes Geheimnis und ich dürfte es gar nicht verraten, aber jetzt ist es zu spät.

Sie sind Jahrgang 1961. Wo werden Depeche Mode in 20 Jahren stehen?

Puh, so weit schauen wir wirklich nicht nach vorne. Wir machen jetzt erst mal die Tournee, und wer weiß, vielleicht fühlen wir uns am Ende der Tour eh schon wie ein paar 70-Jährige (lacht). Danach wird es so oder so eine Pause geben, und wenn wir erholt sind, Lust haben sollten und gesund bleiben, dann sehe ich keinen Grund, um aufzuhören.

Sind Sie ein Träumer?

Natürlich, aber das muss doch erlaubt sein. Welchen Fortschritt nimmt das Leben denn noch, wenn die Menschen nicht mehr träumen würden. Ich halte es für eine Schande, dass so viele Menschen in Unfrieden leben müssen. Das hat niemand verdient.

Wie erfüllend ist denn Ihr Leben?

Ich bin sehr glücklich im Moment. Und das führt auch dazu, dass das neue Album textlich über weite Strecken sehr positiv ausgefallen ist. In mancherlei Moment beißt sich der Inhalt richtig mit der Musik, denn die Musik ist in Teilen sehr bluesig. Und der Blues thematisiert ja üblicherweise Kummer, Schmerz und Depression. Aber ich hatte große Lust, Blueselemente in diesen ungewohnten Zusammenhang zu stellen.

Im Song wie „Slow“ ist das zum Beispiel der Fall. Stilistisch ist das ein Blues, doch in den Worten geht es um...

…Sex! (lacht) Nennen wir das Kind doch beim Namen. Manchmal liegen die Dinge ganz einfach.

Depeche Mode spielen am 9. Juni im Berliner Olympiastadion.