Konzert

Helene Fischer gibt in Berlin den alten Showhasen

22.000 Fans waren für das Konzert des Schlagerstars in die Berliner Waldbühne gekommen. Die Perfektion von Helene Fischer ist fast unheimlich. Umso schlimmer waren da ein paar Schreckminuten.

Foto: Frank Hoensch / Redferns via Getty Images

Zuerst sieht es nach einem perfekten Abend aus. Auf die oberen Ränge der ausverkauften Berliner Waldbühne scheint am Sonnabend noch die Sonne, 22.000 Menschen warten auf den großen Auftritt der Helene Fischer. Sie müssen vorher die pompösen Shantys der Krawall-Seemänner Santiano aushalten. Aber eigentlich ist das ein geschickter Schachzug der Fischerin: Danach klingt selbst das trivialste ihrer Lieder subtil.

Woran man sofort merkt, dass dies kein Rockkonzert ist: Eine Stunde, bevor die Show beginnt, sind praktisch alle Ränge belegt, doch der unbestuhlte Bereich vor der Bühne ist immer noch halb leer. Eine Reisegruppe hat sich T-Shirts anfertigen lassen. Auf den Rücken der Frauen steht „Du bist ein Phänomen ...“, auf denen der Männer: „Ich weiß!!!“. Hier ist die Welt noch in Ordnung.

Auf der Leinwand preist Helene Fischer eine Blondierung, draußen bildet sich eine Schlange am Schuh-Werbestand. Um 20.55 Uhr geht es endlich los.

Mit Robbie Williams‘ „Let Me Entertain You“ schwebt die Schlagerkönigin im weißen Hosenanzug an Luftballons von der Decke. Acht Tänzer umringen sie, Band und Bläser halten sich im Hintergrund.

Lässigkeit eines alten Showhasen

Sie feuert gleich zwei ihrer größten Hits ab, „Phänomen“ und „Von hier bis unendlich“, ruft ein paar Mal „Berlin!“. Dann erzählt sie, wie „unglaublich“ das alles ist und wie sehr sie seit ihrem Auftritt „im letzten Jahr“ wieder hierherkommen wollte. Eigentlich ist 2011 schon länger her, aber egal.

Die langen Dankesreden sind ihr wichtig, sie fasst sich dabei immer ans Herz und strahlt noch mehr als die beeindruckende Lightshow. Diese Frau spart an gar nichts, alles hier ist überlebensgroß: die Effekte, die Stimme, die Gesten und ja, auch der Kitsch. Sie hat die Körperspannung einer Tänzerin, aber die Lässigkeit eines alten Showhasen, obwohl sie erst 28 ist.

Lustig ist Helene Fischer leider nicht

In ihrer Perfektion könnte einem Helene Fischer fast unheimlich sein. Deshalb sind es gerade die wackligen Momente, die berühren: Wenn sie bei „Feuer am Horizont“ einen Texthänger hat oder beim Versuch, mit dem Gospelchor eine Art Sketch aufzuführen, scheitert - lustig ist sie leider nicht.

Unter dem Motto „Wir wollen Schlager hören“ gibt es ein sehr langes Medley, sie springt von „Ein Bett im Kornfeld“ über „Biene Maja“ bis zu „Volare“. Und bleibt dabei natürlich weit unter ihren Möglichkeiten - wie beim einzigen neuen Lied, dem banalen Sommerliebesquatsch „Te quiero“.

So löst sie das Versprechen nicht ein, das sie bei Hymnen wie „The Power Of Love“ gibt: Die Fischerin könnte ein Popstar werden, doch würden ihr das die Schlager-Fans verzeihen? Das Wagnis mag sie wohl noch nicht eingehen.

Schreckminuten um 21.50 Uhr

An diesem Abend hat sie andere Sorgen. Schreckminuten um 21.50 Uhr: Die Fischer unterbricht ihre Band nach ein paar Takten und sagt, sie benötige zwei Minuten Pause. Mit der Stimme stimmt etwas nicht. „Ich kann mir das nicht erklären“, sagt sie fast etwas verärgert. Als dürfe es nicht sein, dass ihr Körper sie gerade jetzt im Stich lässt.

Sie kommt dann glücklicherweise zurück und bittet das Publikum, ordentlich mitzusingen und sie zu unterstützen. Manchmal klingt sie ein bisschen kieksig, bei den Ansagen mehr als bei den Liedern.

Sie selbst scheint viel mehr darunter zu leiden als die Zuschauer, die von ihrem dritten Kostüm abgelenkt werden: Die Fischerin trägt einen hautengen schwarzen Anzug, der auf der Rückseite allerdings fleischfarben ist, mit einem sehr kleinen aufgestickten Brillanten-Bikini. Die vollendete Illusion: Was würde besser zu ihr passen?

Sie singt noch „Ich will immer wieder ... dieses Fieber spür'n“ und ein paar weitere Gassenhauer. Dazwischen fällt „Tage wie diese“ von den Toten Hosen kaum auf. Was Campino wohl davon hält?

Nach - für sie eher kurzen - zwei Stunden beendet Helene Fischer die Show mit „Paradies“. Wahrscheinlich war der Abend für die Perfektionistin eher die Hölle.

Am 6. Juli 2013 ist Helene Fischer übrigens wieder in Berlin.