Theater

Vermieter Rolf Hochhuth kündigt Berliner Ensemble

Dramatiker Rolf Hochhuth streitet seit Jahren mit dem Berliner Senat über die Nutzung des BE am Schiffbauerdamm. Nun der Theater-Eigentümer dem Berliner Ensemble fristlos gekündigt.

Foto: DPA

Der seit Jahren schwelende Konflikt zwischen dem Dramatiker Rolf Hochhuth, dem Berliner Senat und Claus Peymann, dem Intendanten des Berliner Ensembles, eskaliert. In seiner Eigenschaft als Eigentümer des Theaters am Schiffbauerdamm hat Hochhuth über seine Ilse-Holzapfel-Stiftung die außerordentliche und fristlose Kündigung des Mietvertrages an den Regierenden Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit (SPD) geschickt. Der Stiftung gehört die Immobilie, das Land Berlin ist dort Mieter.

Die Kulturverwaltung wird in dem Schreiben, das der Berliner Morgenpost vorliegt, aufgefordert, das Theater am Schiffbauerdamm „geräumt und besenrein“ zu übergeben. Das Land hat das frühere Theater Bertolt Brechts an die Berliner Ensemble GmbH (BE) untervermietet. Nun machen laut Kündigungsschreiben die „kumulierten Verletzungen“ der Vertragspflichten eine Fortsetzung des Mietverhältnisses „unzumutbar“. Sollte sich Hochhuth in einem nun wohl unausweichlichen Rechtsstreit durchsetzen, wäre eines der renommiertesten Sprechtheater des deutschsprachigen Raums heimatlos.

„Der Senat hat Bedingungen zu erfüllen“

Hochhuth streitet schon seit vielen Jahren darum, dass die Kulturverwaltung und ihr Untermieter Claus Peymann ihm seine im Mietvertrag von 1998 gewährten Rechte einräumen. Denn nur in der Erwartung dieser Rechte hat sich der Gebäudeeigentümer mit einem Mietzins von derzeit etwas mehr als 214.000 Euro pro Jahr für die Immobilie in bester Lage eingelassen. „Wir haben das Haus sehr günstig vermietet“, sagte die Stiftungsvorsitzende Binger-Hochhuth, „der Senat hat Bedingungen zu erfüllen, die vom Vermieter einzufordern sind.“

Die entsprechenden Passagen im Mietvertrag sind eindeutig. Jedes Jahr soll vom 16. bis zum 18. Oktober an drei Abenden Hochhuths Drama „Der Stellvertreter“ am Schiffbauerdamm gespielt werden. Diese „vertragsgemäße Pflicht“ sei „nie vertragsgemäß eingehalten worden“, heißt es im Kündigungsschreiben.

Der „Stellvertreter“ sei im BE entweder gar nicht oder nicht im vereinbarten Umfang aufgeführt worden. „Das Land Berlin hat es folglich unterlassen, das vertraglich zugesicherte Aufführungsrecht der Stiftung gegenüber ihrem Untermieter, der Berliner Ensemble GmbH, durchzusetzen“, begründen die Hochhuths die Kündigung. Die finanziellen Verluste der Stiftung seien wegen der verweigerten Aufführungen „erheblich“.

Kein Kampf zwischen Peymann und Hochhuth

Außerdem sei die ebenfalls vertraglich zugesicherte Möglichkeit, das Haus während der Theaterferien im Sommer fünf Wochen lang zu bespielen, nur sehr „unvollständig“ umgesetzt worden. Von den 798 Tagen, die ihr das Haus seit 1998 zur Verfügung hätte stehen sollen, sei es lediglich an 73 Abenden zu Aufführungen gekommen.

Hochhuths Anwalt Markus Kerber spricht von einer „versuchten Enteignung“ seines Mandanten durch das Land Berlin und seinen Kultursenator. Die Verwaltung gebärde sich so, als ob sie die Eigentümerin des Gebäudes wäre. „Das ist kein Schaukampf zwischen Herrn Peymann und Herrn Hochhuth, sondern zwischen Herrn Hochhuth und dem Senat, der seine Kardinalspflichten als Mieter verletzt“, sagt der Jurist. Und dem Berliner Publikum würden die Sommerbespielungen ebenso vorenthalten wie die Aufführungen des „Stellvertreters“.

Stiftung habe Aufführungen nicht rechtzeitig angemeldet

Die Familie Wertheim habe seinerzeit das ihr nach dem Fall der Mauer zurückübertragene Theatergebäude explizit an den Autor des „Stellvertreters“ verkauft, sagt die Stiftungsvorsitzende Binger-Hochhuth. Das Haus sollte eben gerade nicht an die Stadt Berlin gehen, von wo der Holocaust ausging. Regelmäßig den „Stellvertreter“ auf die Bühne zu bringen sei einer der wesentlichen Zwecke der Stiftung, neben der Aufführung von Bühnenwerken anderer politisch-gesellschaftskritischer Autoren des 20. Jahrhunderts von Thomas Bernhard bis Carl Zuckmayer.

Wowereits Senatsverwaltung verweist darauf, dass die Stiftung ihre gewünschten Aufführungen oft nicht fristgerecht angemeldet habe. Sie sei verpflichtet, bereits im Frühjahr für den Sommer des folgenden Jahres zu sagen, wann sie was im BE zeigen wolle. Einen derart langen Vorlauf erachtet Kerber im Theatergeschäft für nicht handhabbar, weil sich Schauspieler und Regisseure ungern so lange im Voraus binden wollten.

Dass die Senatsverwaltung der Stiftung 2011 mitgeteilt habe, dass die landeseigene Immobiliengesellschaft BIM in den Mietvertrag eingetreten sei, belege die „singuläre juristische Ignoranz“ des Kultursenators Wowereit. Ein vom Mieter genannter Ersatzmieter habe kein Eintrittsrecht in einen Mietvertrag.