Interview

Blixa Bargeld macht jetzt „eine Art Kammermusik“

Blixa Bargeld gilt seit seiner Zeit mit der Band „Einstürzende Neubauten“ als eine Berliner Underground-Legende. Mit seinem Freund Teho Teardo hat er jetzt ein ruhiges Album eingespielt. Ein Gespräch.

Foto: Reto Klar

„Herr Professor, willkommen an der Akademie. Dazu ein Kräuterlikörchen?“, entfährt es Blixa Bargeld, als er mit seinem Freund, dem italienischen Komponisten Teho Teardo, für das Foto posiert. Es ist zehn Uhr morgens in einem Appartement in der Mulackstraße. Blixa Bargeld im dunklen Anzug, wie immer, Weste drüber, Teardo dunkles Jackett. In Italien ist es schon veröffentlicht, im Juni erscheint ihr Album „Still Smiling“ auch in Deutschland. Überraschend klassische Töne haben die beiden Herren darauf eingeschlagen. Anders als bei Blixa Bargelds Punkband „Einstürzenden Neubauten“ und anders als bei Teardos früheren Bands, spielen sie zusammen sehr ruhige Musik.

Berliner Morgenpost: Vielen Dank, dass Sie sich so früh Zeit nehmen.

Blixa Bargeld: Wir haben inzwischen alle Kinder. Früh aufzustehen war nur in meiner Jugend ungewöhnlich.

Herr Teardo, haben Sie Blixa Bargelds Entschuldigung angenommen?

Teho Teardo: Seine Entschuldigung?

Bargeld: Mi Scusi. (Er singt diese schönen Zeilen aus dem allerersten Stück der Platte, in dem er sich für sein schlechtes Italienisch entschuldigt.)

Teardo: Teil des Witzes ist es, dass ich sie nicht akzeptiere. So geht das immer weiter.

Bargeld: Es ist auch Teil einer strategischen Entscheidung, sich zuerst zu entschuldigen, weil man danach machen kann, was man will.

Das war ein Super-Einstiegswitz.

Bargeld: Als Teho mir vorschlug, diese Platte aufzunehmen, wollte ich zwei, drei Sachen geklärt haben. Erstens: Es muss ein Album mit Songs werden. Zweitens: Das Thema der Songs soll persönlicher Natur sein, da die Instrumentierung, eine Art von Kammermusik, einfach intimer ist. Drittens: Ich wollte es mehrsprachig haben. Ich habe schon in einigen Sprachen gesungen, italienisch aber noch nie. Ich hatte sogar einen Aussprache-Trainer, so wie Schauspieler. Ich wusste, mein Akzent geht nicht weg, das singe ich ja auch.

Ihr erster gemeinsamer Song hieß „Quiet Life“. Der ist schon vor zwei Jahren entstanden. Und es scheint so, als habe er den Klang der ganzen Platte geformt mit seinen Streichern, mit seiner Klassizität. Sie machen ja wirklich Kammermusik. Woher kommt das denn?

Bargeld: Ich schätze Streicher sehr. Immer wenn wir bei den Neubauten Streicher-Arrangements hatten, war ich dafür verantwortlich. Was an dieser Aufnahme aber für mich sehr ungewöhnlich ist, ist, dass es fast keine Perkussion gibt.

Herr Teardo, haben Sie Blixa Bargelds Texte denn vor der Fertigstellung gelesen?

Teardo: Na klar.

Bargeld: Wir haben alles zusammen aufgenommen. Wir haben uns nicht irgendwelche Dateien hin- und hergeschickt. Wir haben wirklich zusammen gearbeitet. In Rom war ich mit Teho im gleichen Zimmer, Teho am Computer, sie haben bestimmt schon davon gehört, dass man heute mit Computer aufnimmt, und ich habe am Tisch geschrieben. In Berlin war es genauso.

Teardo: Es war eine wunderbare Zeit mit dir.

Bargeld: Ich muss immer mit jemandem zusammen arbeiten. Auch wenn ich diese Person eigentlich nur dazu benutze, um mein Tun zu reflektieren. Außerdem haben wir auch grandios miteinander gegessen.

Es gibt das Gerücht, dass Sie Ihr Risotto mit Sepia zubereiten, damit es schwarz wird.

Teardo: Blixa, das wirst du nicht los.

Bargeld: Das habe ich bei Alfred Biolek gemacht. Das ist aus den Neunzigern. Es stimmt, ich liebe Risotto Nero di seppia. Biolek war so clever. Er wusste, ich komme schwarz gekleidet und ich mache dieses schwarze Risotto. Und in dem Moment, als ich das Risotto fertig hatte, öffnete er den Ofen und holte einen Orangen-Salat heraus. Er machte das nur, weil sonst alles schwarz gewesen wäre.

Ist Blixa Bargelds Risotto denn gut?

Teardo: Blixa ist ein fantastischer Koch! Heute morgen hat er mir sogar ein japanisches Frühstück zubereitet.

Bargeld: Tee und eine Suppe mit Reis und ein bisschen Fisch darin, dazu saure Gurken. Sie wissen ja, wir haben Kinder, da kann man früh aufstehen.

Herr Bargeld, Sie haben eine Tochter, die wird fünf dieses Jahr. Haben Sie auch Kinder, Herr Teardo?

Teardo: Meine Tochter ist fünf und mein Sohn acht.

Haben Ihre Kinder Ihre Musik verändert?

Bargeld: Nein, das nicht. Aber ich glaube, ich benutze inzwischen sehr viele Wörter aus Kinderbüchern. Weil ich meiner Tochter ständig daraus vorlese. Ich lese mittlerweile mehr Kinderbücher als andere Bücher.

Kommt das Wort Buntmetalldiebe daher?

Bargeld: Nein. Du warst am Strand, Teho, und ich musste arbeiten und habe „Buntmetalldiebe“ geschrieben. Ich habe das Wort gegoogelt und habe über Monate alle Zwischenfälle mit Buntmetalldieben gesammelt. Es ist fantastisch. 100 Meter Bronzeseil fehlen zwischen Senftenberg und Finsterwalde. Das ist ja alles wahr, was ich in dem Song singe. Das sind alles Berichte aus dem Internet. Buntmetalldiebe stehlen Bronzestatuen, um sie einzuschmelzen.

Sie singen auf Ihrem Album auch von „a man who screwed the whole country“.

Bargeld: Haben Sie das gegoogelt? Wissen Sie, wer das ist?

Silvio Berlusconi. Vielleicht können Sie mir das ja erklären. Warum ist der bis jetzt eigentlich noch nicht im Gefängnis?

Bargeld: Weil es Italien ist!

Teardo: Das ist nicht schwer. Er erpresst die Linken, weil die Finanzskandale zu vertuschen haben. Die sind beide Teil der Situation. Letzte Woche ist er zwei Mal verurteilt worden. Nicht ein Mal. Zwei Mal!

Ihr Album, anders kann man es kaum beschreiben, die Themen, der Klang, das ist ein durch und durch europäisches Album, finden Sie nicht auch?

Bargeld: Das hat schon jemand vor Ihnen gesagt.

Teardo: Ich stimme dem total zu. Ich liebe diese europäische Vorstellung von Klang. Blixa ist ein Teil davon.

Bargeld: Danke. Ich ziehe es auch vor, Europäer zu sein statt Deutscher. Ich kann mich viel mehr mit Europa identifizieren. Klingt das nicht großartig, so utopisch: „Hallo, ich bin Europäer.“

Aber bis zu einer gesamteuropäischen Regierung ist es noch ein weiter Weg.

Teardo: Weil es Typen wie Silvio Berlusconi gibt. Am Ende würde er Europa regieren, wollen wir das?