Sie haben gefehlt, die wirklich schrill inszenierten Auftritte: Raumfahrer, übermäßig geschminkte Sängerinnen, Heilsarmee – alle raus in den Halbfinalen. Dafür gab es beim 58. Eurovision Song Contest in der Malmö Arena in Schweden jede Menge smarte Jünglinge, einige mit großen dunklen Augen; viele Balladen, die sich eher nicht mit schrillen Auftritten vertragen; Kleider, zottelig in grau oder krassgelb oder bläulich und sehr sehr kurz geraten; schräge Frisuren, einen Dracula-Verschnitt aus Rumänien, einen als Käfer verkleideten Riesen. Gewonnen hat den eher durchschnittlichen Wettbewerb Dänemark vor Aserbaidschan und der Ukraine. Deutschland hat katastrophal abgeschnitten, Platz 21.
Alles beginnt mit einer Art psychedelischem Vorspann: Eine gescheckte Raupe aus Kasachstan reist in dem Filmchen per Ballon, Auto und Boot nach Dänemark, verpuppt sich und fliegt als Schmetterling über den Öresund nach Malmö. Zum Auftakt in der Arena viel blaues Licht, ein Chor. Über eine Rampe, die sich von oben herab senkt, ziehen die Teilnehmer in die Halle. Das ist dann aber auch schon das letzte Zitat der Olympischen Spielen. Die Leistungen der Kandidaten sind – durchwachsen. Einiges ist bereits vergessen, wenn die letzte Note verklingt.
Frankreich macht Höllen-Auftakt
Vertreten sind an diesem Abend 26 von 39 teilnehmenden Ländern. Sechs Länder waren gesetzt: Die größten Geldgeber des ESC – Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien – sowie Schweden als Titelverteidiger und Gastgeber. Die anderen zwanzig haben sich in zwei Halbfinalen, jeweils mit eigener Abstimmung, durchgesetzt. Die Punkte am Ende kommen je zur Hälfte von einer Jury und von den Zuschauern.
Zum Auftakt überrascht Frankreich mit einer Art Punk-Song, der solange gewaschen wurde, bis er als etwas faseriger, ruppiger Schlager in Malmö auf die Bühne schruppt. Amandine Bourgeois beschwört „L’Enfer et moi“, die Hölle und ich. Und das ist es dann auch schon mit dem Verruchten an diesem Abend. Viele Punkte bringt es jedenfalls nicht.
Rumänien versucht es mit Dracula
Den Preis für den sinnlosesten Refrain bekommt definitiv die Finnin Krista Siegfrids mit „Ding Dong“ aus ihrem Lied „Marry me“. Die Auszeichnung für das grellste Kleid müssen sich die Moderatorin Petra Mede (blendendes Pink) und die Sängerin von El Sueno de Morfeo (Spanien, kanarienvogelgelb) teilen.
Der bizarrste Auftritt des Abends ist definitiv aus Rumänien eingeflogen: Cezar, verkleidet als moderner Dracula-Versuch auf Stelzen, mit Frauenstimme, Discobeat und rotem Feuer im Hintergrund; oder wie Kommentator Peter Urban trocken und ironisch meint: „Das hat die Welt gebraucht, Modern Talking als Wiedergeburt aus Transsilvanien.“ Keine Siegchancen, aber wunderbar. Selbst die britische Rock-Oma Bonnie Tyler im Anschluss bekommt das nicht klein.
Ukraine unwiderstehlich im Käferkostüm
Weißrussland versucht es an diesem Abend mit einem harmlosen, Gute-Laune-Mit-Klatsch-Lied, staatlich verordnet vom letzten Diktator Europas. Alonya Lanskaja fischt mit dem kürzesten Kleid des Abends nach Stimmen, vermutlich ist die Länge auch vorgeschrieben. Vom kürzesten Kleid zur längsten Person auf der Bühne: Die Ukraine tritt mit Zlata Ognewitsch und einem Riesen in Käferkostüm an, der die Sängerin mit seinen 2,34 Metern auf ein Podest hebt. Merkwürdige Inszenierung, aber für die Zuschauer offenbar unwiderstehlich.
Danach kommt Italien mit einer Schnulze. Sänger Marco Mengoni tritt im eng geschnittenen Designeranzug auf und verblüfft mit einem astreinen Vortrag, stimmlich gut, was man von Roberto Bellarosa aus Belgien nicht sagen kann. Auch der glatte Ryan Dolan aus Irland liegt etwas daneben. Bei allen dreien drückt sich das auch in sehr wenigen Punkten aus. Zu Recht.
Lena verwechselt Dänemark mit Norwegen
Das düsterste Lied des Abends kommt aus den Niederlanden Anouk lässt Vögel vom Himmel fallen. Nur die Sängerin auf der Bühne, kein Schickimicki, beeindruckend zwischen all diesen stampfenden Rhythmen und Balladen. Und dafür gibt es auch Punkte. Aserbeidschan übrigens stellt bei seiner Ballade einen Glaskasten auf die Bühne, in dem ein schwarz gekleideter Mann herumturnt. Dazu gibt es eine Frau in Rot, und Farid Mammadov, der dazu schmachtet, was reichlich Punkte bringt.
Angesichts der vielen Herz-Schmerz-Nummern ragt der deutsche Beitrag von Cascada geradezu heraus. Eurodisco, obwohl der Song, ganz objektiv betrachtet, in der Ballermann-Liga spielt. Er könnte demnächst an deutschen Ampeln aus tiefer gelegten Golf GTI dröhnen. Natalie Horler legt allerdings einen großartigen Auftritt hin. Die Halle tobt. Doch es reicht dann nicht einmal fürs gute Mittelfeld. Sehr enttäuschend. Dass Lena als Vertreterin Deutschlands dann beim Vergeben der Punkte auch noch Dänemark und Norwegen verwechselt, macht es nicht besser.
Fast die Hälfte singt in der Heimatsprache
Die Ungarn beweisen, dass man es auch mit Strickmütze, Lederjacke und übergroßer Hornbrille zum ESC schafft. ByeAlex singen Ungarisch, wie überhaupt 18 der 39 Bewerber nicht Englisch singen. Das war bei den Wettbewerben zuletzt anders, da hatte sich der Trend zum Englischen durchgesetzt. Das Lied der Ungarn wirkt beiläufig, unaufdringlich, entfaltet aber dann eine gewisse Sog- und Ohrwurmwirkung.
Mit Sicherheit der modernste und spannendste Beitrag des ESC: Margaret Berger, langer blonder Zopf, ganz in Weiß, eng anliegender Hosenanzug – Elektropop aus Norwegen. Die Buchmacher haben sie auf Platz zwei gesehen, hinter Emmelie de Forest aus Dänemark, die die klare Favoritin mit ihrem Ohrwurm „Only Teardrops“ ist und bei der Abstimmung auch Punkte abräumt. Gute-Laune-Musik, etwas beliebig, aber massentauglich. Und sympathisch.
THANK YOU THANK YOY THANK YOU THANK YOU! I can't believe what just happened. Speechless!!! #eurovision #escdk #onlyteardrops #escdk2014
— Emmelie de Forest (@emmeliedeforest) 18. Mai 2013 

