Erinnerungen

Als in Berlin noch überall der Techno wummerte

Die Berliner Techno-Erinnerungskultur boomt. Wieder hat ein Journalist wehmütig über die Neunziger in der Hauptstadt geschrieben. Der übliche „Sound“ bereitet dennoch schöne Stunden der Nostalgie.

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Großkotzig ist das ja schon, im Titel zu behaupten, dass Berlin erst nach der Wende so richtig losexistiert hat. Eine richtig eigenständige Geburt mag das jetzt nicht unbedingt gewesen sein, eine Wiedergeburt allerdings schon. Und deswegen darf der Journalist Ulrich Gutmair sein Buch dann doch gerne „Die ersten Tage von Berlin – Der Sound der Wende“ nennen. Weil es ja schon irgendwie stimmt, dass Berlin erst durch den Mauerfall wieder so richtig angefangen hat zu leben.

Schuttrutschen und Tonfolgen

Aber wie klingt denn jetzt eigentlich der Sound der Wende? Hören wir Bagger? Das Klopfen der Mauerspechte? Jubelschreie? Gutmair schreibt es gleich in seinem ersten Kapitel „How Long Is Now?“ „Der Sound der Wende, das sind die Beats von Breakbeat, House und Techno, aber auch der Presslufthämmer und der Schuttrutschen, die komprimierten Tonfolgen der Modems, die Daten in Töne verwandeln, der Gesang der Nachtigallen zur besten Ausgehzeit und der laute Lärm der Lerchen am Morgen, die Gespräche am Rand eines Dancefloors, auf den Vernissagen und in den Bars.“

Und eigentlich hat sich bis auf den Modem-Sound so gar nichts verändert, könnte man jetzt meinen, jedenfalls klangtechnisch. Die Presslufthämmer reißen immer noch mit ihrem dreckigen Rattern die Straßen auf, und Techno ist inzwischen zur offiziellen Berliner Stadtmusik erkoren worden. Angeblich plant Klaus Wowereit sogar eine elektronische Warteschleifenmelodie im Roten Rathaus.

Aber Berlin besteht nicht nur aus Ton, aus Rhythmus, aus Dur oder Moll. Gutmair hat in seinem Buch, nicht nur hingehört, sondern auch hingeschaut und reingefühlt. Ins Herz der Stadt. Sein Buch kreiselt wie ein Spatz im Sommer auf 251 Seiten in und über Mitte, dem Zentrum der Veränderung.

Mit 21 kommt Gutmair in Westberlin an

1989, Gutmair ist 21 und zieht aus seinem Elternhaus in Dillingen fort, kommt er in Westberlin an. Er möchte an der Freien Universität studieren. Drei Wochen später fällt die Mauer. Wie durch Zufall wird Gutmair zum Beobachter dieser unsteten Tage. Indem er andere Beobachter befragt, steigt er nun fast vierundzwanzig Jahre später, selbst zum Chronisten auf.

Es sind anrührende Geschichten, wie die des Klaus Fahnert, der quasi neben einem Späti am Oranienburger Tor gewohnt hat. Den ganzen Tag hat er dort gesessen. Irgendwann einfach aufgetaucht. Aus Bonn gekommen, wohl mit Kind und Familie. Anfangs trinkt er beim Spätkauf nur ein Bier. Irgendwann zwei und mehr.

Später setzt er sich daneben und bleib bis zu seinem Tod 2005 dort sitzen. Er verkauft und verschenkt Bücher. Die ansässigen Restaurants und Imbisse füttern ihn wohlwollend durch. Klaus gehört zum Straßenbild wie die Laternen und die Tramschienen. Joschka Fischer redet häufiger mit ihm, er wohnt damals in der Tucholskystraße.

Der erzählerische Spannungsbogen fehlt

Gutmair ist, und das ist Stärke und Schwäche seines Textes, durch und durch Journalist. Das heißt: Er recherchiert, fragt nach. Ein wirklicher Erzählfluss kommt so aber nicht auf. Figuren wie der Bücher-Klaus, wie der Galerist Gerd Harry Lybke, der Künstler Christoph Keller (damals arbeitet er in einer Bar), wie Thorsten Schilling (der heutige Chefredakteur des Magazins „Fluter“, er wurde kurz vor der Wende von Ost-Berlin nach West-Berlin ausgewiesen und wurde von 1991 bis 1994 Pressesprecher des Senators für Jugend und Familie in Berlin) – sie alle tauchen zwar hier und da wieder auf, aber der ganz große Bogen, der Dreh, der Trick, der Wurf, ihre Geschichten miteinander zu verweben, bleibt aus.

Aber dafür erfährt ein jeder Leser Unmengen an Wissenswertem, um hunderte von Smalltalk-Abende in Berliner Galerien oder Bars durchzubringen. Oder sogar in New York „those awesome Berlin stories“ auszupacken. So viel Bier und Wein gibt es in keiner Lokalität, als das man all diese Schoten an einem Abend erzählen könnte. Das Tacheles hieß zum Beispiel nur Tacheles, weil eine der ersten Besetzer in einer Freejazzband mit dem Namen „Tacheles“ gespielt haben soll.

Punks und Polizisten haben sich auch nicht immer gehasst. Als die noch aktiven Vopos erfuhren, dass Neonazis ein besetztes Haus stürmen wollten, gaben sie den Punks noch eben eine Unterrichtsstunde im Barrikadenbau. Und ganz früher, um neunzehnhundert herum, gab es mal eine Bar in der Linienstraße, „Zur Melone“, und da hingen nur Einbrecher ab.

Nächte in dunklen Kellern

Was am Ende übrig bleibt, ist sicherlich kein schlechtes Buch. Ein gutes Geburtstagsgeschenk für Zugezogene oder Berliner ist es allemal. Und ein bisschen wehmütig wird man schon beim Lesen. Zu gern würde man noch einmal die Nächte in den dunklen Kellern tanzen, ohne Genehmigung und ohne Brandschutz versteht sich. Der Himmel soll damals orange gewesen sein.

Und so endet Gutmairs Erzählung aus Reportage-Versatzstücken und Interviews und eigenen Erinnerungen am 5. Juli 1996 mit einem Bier an einer Bar. Der Erzähler schließt: „Alles verschwindet irgendwann. Aber unsere Erinnerungen können wir teilen, und dann erst sind sie wirklich.“