Musik

DJ Westbam hat die Würde eines Senseis

| Lesedauer: 8 Minuten
Frédéric Schwilden

Foto: Reto Klar

Westbam legt seit 30 Jahren als DJ auf und hat dabei alles erreicht, was möglich ist. Der Berliner war auf allen Loveparades vertreten und hat zudem den Indoor-Rave „Mayday“ ins Leben gerufen.

Der Großmeister steht in seinem Arbeitszimmer. Er ist viel kleiner als erwartet, aber auch körperlicher und kräftiger. Die Schultern stehen nach vorne, wie bei einem, der jederzeit bereit ist. Um ihn herum sein Werkzeug. Computer, Mischpulte, Tasteninstrumente, Mikros, alte Tapes. Eine Lesebrille ist auf eine Konsole gelegt, auf einem Karton steht eine Kaffeetasse. So ein richtiger Humpen, kein Latte-Glas.

Westbam dreht sich um, als er seinen Besucher kommen hört. Ein brettharter Blick durch braune Augen, Stoppelbart und auf seiner Mütze steht „Kick It Like A Sensai“. Vor uns stehen 48 Jahre Mensch und 30 Jahre Maschine. So lange legt er jetzt schon auf.

Acht Jahre hat er für seine neue Platte „Götterstrasse“ gebraucht. Es ist ein melancholisches Werk über den Ort, von dem er so viel weiß, wie kein anderer. „Götterstrasse“ erzählt Geschichten vom Sehnsuchtsort der allerletzten Jugendbewegung, vom Club.

Schön hat er es in Berlin-Charlottenburg am Wasser in seinem Studio. Aber um „Götterstrasse“, um den Westbam von heute zu verstehen, muss man weit zurück in der Zeit. Fast 32 Jahre.

Blixa Bargeld von Einstürzende Neubauten hatte sich so ein Festival ausgedacht. „Die große Untergangsshow – Festival Genialer Dilletanten“, wirklich, Dilletanten mit Doppel-L und einem T. Das fand am 4. September 1981 im Tempodrom statt. Und Maximilian Lenz, der junge Mann aus Münster, es braucht noch ein bisschen, bis wir ihn als Westbam kennenlernen werden, hatte die Neubauten kurz zuvor bei einem ihrer ersten Konzerte außerhalb Berlins gesehen.

„Man glänzt durch seine Idee“

Bargeld hatte den Lenz eingeladen, nach Berlin zu kommen. Der spielte in einer Punkband mit dem Namen „Kriegsschauplatz“, freute sich natürlich wie sonst was, mit seiner kleinen Gruppe im durchdrehenden Berlin auftreten zu dürfen. Christiane F., Die Tödliche Doris und auch Dr. Motte, damals noch mit einer anderen Band, sie spielten alle dort. „Ich war sofort Fan dieser Herangehensweise. Ich konnte mich voll mit den Genialen Dilletanten identifizieren. Das ist auch heute noch mein Konzept. Ich bin immer der Idee treu geblieben, dass man Musik nicht groß üben muss. Man glänzt durch seine Idee und nicht durch sein Können.“

Klar, das sagen viele im Nachhinein, und es ist auch dieses Kokettieren mit dem Nichtkönnen, dass ihn jetzt so sympathisch macht. Westbam sitzt inzwischen nach vorne gelehnt auf einem Drehstuhl. Breitbeinig mit ruhenden Drei-Streifen-Sneakern. Und er erzählt, warum DJs der neue Punkrock waren.

Bands wie DAF woben Synthesizer und Sequenzer in ihren harten Sound ein. Es wurde elektronischer, und Lenz erkannte das und prägte mit seinen Techniken des DJings, des Auflegens, des Mixens die letzte neue Art der Musikkultur: den Techno. Er begreift die elektronische Musik bis heute als konzeptionelles Kunstkonstrukt. Der DJ wurde damals noch nicht ernst genommen, „als Künstler schon gar nicht“. Techno versteht Westbam als Avantgarde-Musik mit dem Potenzial zur Jugendbewegung, die bald den Mainstream erreicht. Er schreibt Essays über die neue Form der Musik. Er versteht den Rave auch als Theorie. Seine Kunst aufzulegen nennt er Record-Art. „Scratchen ist jedenfalls die wundervollste Erfindung, die in der Disco je gemacht wurde.“

Songs als bloße Tonspuren

Liest man ihm diesen, seinen Satz aus einem Text von 1985 vor, seine braunen Augen beginnen bersteinhell zu glimmen. Aus dem Mund zwischen den Stoppeln kommt jetzt ein hohes Lufthol-Lachen. „Das war dieser ultimative Act, ein konkreter Sound, das Lied nicht als Lied zu spielen, sondern es anhand Geräuschen zu arrangieren. Das ist Scratching“. Die DJs seien nun der Anfang dieser neuen Ära gewesen und Punk war zu Ende. Und deswegen waren DJs auf einmal der neue Punkrock.

„Götterstrasse“, dieses 14-Stücke-Werk mit gesammelten Klängen aus über acht Jahren, ist ein Zeuge davon. Es singen die Helden von Westbam. Hugh Cornwell, der Sänger der Stranglers, Iggy Pop, Bernhard Summer, der Sänger von New Order. Inga Humpe, sie kennt er aus dem Achtziger-Berlin, ist auch mit dabei. Das sind die Alten. Und die Neuen sind in Form von Mega-Rappern, die ja auch meist DJs sind, dabei. Lil Wayne und Kanye West, zwei der angesagtesten Amerikaner überhaupt.

Westbam schickte seine Songs als bloße Tonspuren um die halbe Welt. Ohne Namen. Gesangsspur und Titel kommen anschließend von den beteiligten Künstlern. Die Kontaktaufnahme ist schwierig. Um einen Gesangsfetzen von Mr. West zu bekommen, muss man lange warten. Wie lange, will Westbam nicht sagen. Von Bowie hat er leider nichts bekommen. Dabei hätte „Where Are We Now“, die Comeback-Single von Bowie, so gut zu „Götterstrasse“ gepasst. Ein Rückbesinnen auf ein Berlin, dass es heute gar nicht mehr gibt, das aus KaDeWe, Potsdamer Straße und dem Dschungel auf der Nürnberger besteht. Bowies Berlin, Iggys Berlin und später auch Westbams Berlin. Über die Götterstrasse können auch wir dort hin.

180 Beats und die Straße bebt

Es sind aber keine Tanznummern zu hören. Seltsam für einen, der seit 30 Jahren die Leute zum Tanzen bringt. „ Ein Album ist für mich etwas, was man allein oder zu zweit hört“, erklärt Westbam, relativiert aber wieder. „Auch Tanzmusik kann man alleine hören. Der junge Mann, der mit dem Auto durch die Gegend fährt“, jetzt imitiert er mit seinem brummigen Stimme einen Motor, „Wuaaam, Wuaaam. Und dann 180 Beats per Minute und die ganze Straße bebt.“ Westbam, der DJ, der eigentlich Punk ist und jetzt den aufheulenden Motor eines Halbstarken in seiner getunten Karre nachmacht. Die Augen drücken sich beim „Wuaaam“ ein bisschen raus, die Lippen vibrieren. Jetzt sehen wir die knallharte Maschine Westbam. Endlich.

Dabei kann man sich eigentlich nach all dem, was er erzählt hat, dieser theoretische Überbau der elektronischen Musik, das tatsächliche Ausformulieren von DJ-Techniken, gar nicht mehr vorstellen, dass Westbam als Mensch noch überhaupt Freude am Club hat. „You Need The Drugs“, die Single ist jedenfalls eine ganz klare Position gegen den maßlosen, den unendlichen Exzess. „You need the drugs to shine“, allzu oft brauchen das Leute, die im Club groß geworden sind, wirklich.

Mit 48 strahlt Westbam die Würde eines Senseis aus. Er ist der Typ, von dem Lil Wayne auf seiner Platte so reingerotzt im Stück „Kick It Like A Sensei“ erzählt. Er hat alles erreicht. Er ist der einzige DJ, der auf allen Loveparades aufgelegt hat. Zusammen mit seinem Bruder Fabian Lenz erfand er die „Mayday“, den größten Indoor-Rave in Deutschland. Erhaben und über allem drüber stehend muss er sich nicht mehr an den Jungen messen, die sich Nacht um Nacht aufs Neue in die Schlangen vor den Technotempeln stehen und mit gezeichneter Stimme wieder aufwachen.