Bühne

Was Michael Thalheimer vom 50. Theatertreffen erwartet

Michael Thalheimer eröffnet mit seiner „Medea“-Inszenierung die 50. Ausgabe des Berliner Theatertreffens. Es ist die siebte Einladung zum wichtigsten deutschen Bühnenfestival für den Regisseur.

Foto: © Birgit Hupfeld

Michael Thalheimer gehört zu den erfolgreichsten deutschen Theaterregisseuren. Der 47-Jährige, der von der Schauspielerei zur Regie kam, gilt als Stück-Verdichter.

Seine Zusammenarbeit mit dem Deutschen Theater begann unter der Intendanz von Bernd Wilms, später wurde er Oberspielleiter. Er verließ die Direktion des Hauses, als Ulrich Khuon das DT übernahm, Thalheimer hatte sich ebenfalls für den Chefposten interessiert. Seine „Medea“-Inszenierung eröffnet das Theatertreffen.

Berliner Morgenpost: Herr Thalheimer, Sie sind mit Ihrer „Medea“ nicht nur zum Berliner Theatertreffen 2013 eingeladen, Sie eröffnen auch die Jubiläumsausgabe des Festivals. Eine besondere Ehre?

Michael Thalheimer: Eine ganz besondere, ich freue mich darauf. Ich habe gehört, dass die Entscheidung für dieses Stück damit zusammenhängen könnte, dass auch das erste Theatertreffen mit „Medea“ losging.

Möglicherweise wollte man den geladenen Gästen auch keine vielstündige Eröffnung zumuten. Vielleicht aber ist „Medea“ auch einfach die stärkste Inszenierung.

Das zu beurteilen, maße ich mir nicht an, ich habe viele der anderen Aufführungen nicht gesehen. Sie kennen sicherlich mehr von den eingeladenen Inszenierungen als ich. „Medea“ ist eine starke Setzung, ich mag die Arbeit sehr. Ich hoffe, dass es ein schöner und starker Auftakt für das Theatertreffen ist.

Schauen Sie sich andere Arbeiten an?

Auf jeden Fall, wenn es zeitlich passt, denn ich werde nicht die ganze Zeit in Berlin sein.

Einige halten das Theatertreffen für antiquiert. Sie auch?

Absolut nein, warum sollte es das sein? Das Alter hat ja nichts damit zu tun, dass es ein wichtiges Festival ist. Und so viele haben wir nicht in Deutschland. Für die Berliner ist das Theatertreffen ohnehin eine schöne Sache, es gibt hochkarätige Aufführungen zu sehen.

Ihre wievielte Einladung ist es?

Es müsste (kurze Pause), es müsste die siebte sein.

Lange Zeit waren Sie auf Werke der deutschen Klassik fixiert, mittlerweile inszenieren Sie antike Stoffe und sogar ein zeitgenössisches Stück. Machen Sie jetzt alles?

Das stimmt nicht ganz, es gibt immer verschiedene Stränge. Die Klassik war ein Schwerpunkt meiner ersten Regie-Jahre, das mündete in beiden Teilen von Goethes „Faust“ hier am Deutschen Theater. Das war für mich die spannendste Herausforderung in der Klassik, da besteigt man keinen Berg, da hat man das Gefühl, ein Gebirge zu durchwandern. Danach war ich so ausgefüllt, dass ich neue Wege suchen musste. Einer war die Antike, ich habe die „Orestie“ gemacht, diesen Strang habe ich bis heute weiter verfolgt. Und zeitgleich bin ich auf die modernen Klassiker gekommen wie Schnitzler und Hauptmann. Dea Lohers zeitgenössisches Stück war für mich eher die Ausnahme – das ist es bis heute auch geblieben. Ich habe gar nicht den Anspruch, alles machen zu wollen oder alles machen zu können. Es gibt durchaus Werke, die überlasse ich lieber anderen Regisseuren, die können das besser.

Weil man mit Gegenwartsstücken aus Respekt vor dem Autor nicht so radikal umgehen kann?

Nein, ich habe auch Respekt vor dem nicht mehr lebenden Autor. Es gibt ja einen Unterschied zwischen Texttreue und Werktreue, ich halte mich durchaus für werktreu. Vor den Autoren habe ich Respekt, aber Respekt kann sich manchmal auch in Respektlosigkeit ausdrücken. Ich bin mit „Unschuld“ von Dea Loher genauso frei umgegangen wie mit jedem anderen Text. Manche Autoren haben Angst, dass das Theater ihre Texte zerstören könnte. Ich halte diese Sorge für unberechtigt, es ist ja nur eine Aufführung, das Buch ist gedruckt, den Text gibt es. Ich finde, Theaterstücke sollten das Theater schon aushalten.

Klassiker haben den Vorteil, dass sie erprobt sind.

Wenn ein Stück Jahrhunderte überdauert hat, hat es etwas Zeitloses getroffen, jede Generation kann diesen Themen und Stücken neu und anders begegnen. Es gibt vielleicht nur fünf oder sieben gute Geschichten. Und die erzählen wir uns in verschiedenen Formen und Varianten immer wieder neu.

Eine dieser Geschichten heißt „Medea“. In Ihrer Inszenierung gibt es ein Wiedersehen mit Constanze Becker, die jahrelang am Deutschen Theater gespielt hat. Ich kann mir vorstellen, dass sich auch das Deutsche Theater über eine Einladung zum Theatertreffen sehr gefreut hätte.

Wahrscheinlich.

Sie arbeiten nach wie vor auch dort, wollten vor einigen Jahren selbst Intendant werden. Ist das noch eine Perspektive?

Es ist kein ausgesprochenes Ziel meines Lebens, Intendant zu werden. Am Deutschen Theater war das durch die vielen Jahre, an denen ich Oberspielleiter war, vorstellbar. Zeitgleich habe ich zehn Jahre mit Ulrich Khuon am Thalia Theater gearbeitet, jedes Jahr eine Inszenierung. Deshalb fiel es mir nicht schwer, unter seiner Intendanz hier weiterzuarbeiten, zumal ich das Ensemble und den Ort sehr mag.

Sie würden eine Intendanz aber nicht grundsätzlich ablehnen?

Nein, es gibt immer wieder Angebote von anderen Städten und Theatern. Eine Intendanz würde ich nur dann übernehmen, wenn es für mich absolut stimmt, damit meine ich vor allem den Ort, das Haus und die Möglichkeiten.

Berlin wäre also eine Option?

Das wäre sicher der reizvollste Platz für mich.

Es werden bald zwei große Bühnen frei, Frank Castorf und Claus Peymann haben für 2016 ihren Rückzug angekündigt.

Hat Peymann nicht gerade verlängert?

Für zwei letzte Jahre. Das Berliner Ensemble gilt als Schmuckstück.

Da würde ich nicht widersprechen.

Die Volksbühne ist ein Haus mit einem ganz anderen Charakter.

Es sind zwei sehr unterschiedliche Orte. So ein Theater ist ja angefüllt mit der Geschichte des Hauses. Ich habe großen Respekt vor Frank Castorf. Es wäre für mich ein schwieriger Ort, kaum vorstellbar. Aber das sind Gedankenspiele, die ich überflüssig finde. Ich befasse mich mit dem Thema erst, wenn ich gefragt werde.

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