Bis ganz nach oben sind es 110 Stufen. Johann König steigt sie gern hinauf, des einfachen Perspektivwechsels wegen. „Schauen Sie mal“, sagt der Berliner Galerist, „von hier sieht Kreuzberg aus wie Marzahn.“
Wenn man sich auf dem Turm von Königs Kunstkirche umsieht – um einen herum stinklangweilige Wohnblockwürfel, Bäume und in der Ferne der Fernsehturm –, dann deutet tatsächlich nichts darauf hin, dass hier das Zentrum eines neuen Berliner Galerienviertels entstehen könnte.
Doch pünktlich zum Start des Gallery Weekends wird St. Agnes an der Alexandrinenstraße endlich mit einer ersten Kunstausstellung zum offiziellen Galeriestandort umgeweiht. Die Künstlerin Alicja Kwade wird eine einfache Glühbirne als eine Art Foucaultsches Pendel durch die große Halle schwingen lassen.
Drei Neuzugänge gibt es
Das Gallery Weekend ist auch in diesem Jahr irgendwie alles zusammen: Thermometer für den Hitzegrad des Berliner Kunstmarkts, solidarisches Betriebsfest und Jahrmarkt der Eitelkeiten.
Die Mutter aller Galerie-Vernissagen-Marathons wurde 2004 geboren und hat seither diverse Nachfolger von Kiew bis New York gezeugt. In Berlin nehmen in diesem Jahr vom 26. bis 28. April 2013 insgesamt 51 Galerien mit 66 Ausstellungen teil.
Drei Neuzugänge gibt es: Die Galeria Plan B, Kraupa-Tuskany Zeidler sowie die indische Galerie Nature Morte. Besonders Jungstars wie Alex Peres oder Oscar Murillo wird ein Forum gegeben. Und jede Menge Frauenpower ist auch zu verzeichnen: Von den Grandes Dames wie Maria Lassnig und Valie Export über Monica Bonvicini bis hin zu Isa Genzken.
Noch mal ein Stück weiter professionalisiert
Vom Gefühl her hat sich das ganze Unternehmen noch mal ein Stück weiter professionalisiert. Es mag mit dem neu berufenen Gallery-Weekend-Geschäftsführers Cédric Aurelle zu tun haben: Aurelle war bis 2011 Leiter des Bureau des Arts Plastiques der Französischen Botschaft in Berlin und danach Kunstbeauftragter am Institut Français in Paris.
Sein Netzwerk ist international, der offizielle Willkommensempfang in diesem Jahr staatstragend: Man wird sich am Donnerstag in den Räumen des französisches Botschafter am den Pariser Platz treffen. Aurelle erklärt, dass er auch die Aufgabe hat, mehr Sammler in die Stadt zu bringen, auf die der Berliner Markt dringend angewiesen ist.
Das Gallery Weekend ist bekanntermaßen der Termin im Jahreskalender, an dem es am leichtesten gelingt, Kunstkäufer von außerhalb anzulocken. „Das Wochenende wird als Highlight international wahrgenommen, die Ausstrahlung ist da“, erklärt Anemone Vostell vom Landesverband Berliner Galerien. „Verstärkt Russen und Chinesen besuchen die Stadt, auch Südamerikaner. Besonders die Brasilianer sind sehr kunstaffin“, sagt Katharina Dreger von Visit-Berlin.
Hans-Peter Feldmann gleich bei drei Galerien
Die drei Galerien Johnen, Mehdi Chouakri und Wien/Lukatsch überraschen damit, dass sie alle den Namen Hans-Peter Feldmann in ihre Ankündigung schreiben. Das sei die demokratische Entscheidung des Künstlers gewesen, geben die Galeristen zu Protokoll. Der jeder Ausstellung werde nun ein anderer Aspekt von Feldmanns Gesamtwerk gezeigt.
Was dagegen der Galerist Daniel Buchholz davon hält, dass nur eine Woche nach der Finissage seiner Ausstellung mit Isa Genzken eine weitere Isa-Genzken-Schau in Berlin bei Neugerriemschneider eröffnet, das würde einen schon interessieren. Beschweren darf er sich eigentlich nicht, nimmt Buchholz doch die Gelegenheit war, zum Gallery Weekend die Turner-Preisträgerin Tomma Abts nicht nur in Köln, sondern auch mal in Berlin zu zeigen.
„Mittlerweile verteilt sich das Geld im Markt auf eine immer geringere Zahl von Künstlern. Und so werden diese Künstler begehrter bei den Galeristen“, sagt ein Galerist hinter vorgehaltener Hand. Das wirkliche Problem seien die internationalen Großgalerien, die mehrere Standorte gleichzeitig in Marktmetropolen wie New York, London, Hongkong oder Paris haben.
Mit schier unerschöpflichen Finanzmitteln ausgestattet, könnten diese Galerien einem Künstler mehr bieten – und dann irgendwann eben auch als erste die Bilder im Atelier aussuchen. Schlimmstenfalls würde der kleinere Galerist aus dem Geschäft gedrängt. Berlin drohe hier die Entwicklung zu verschlafen, warnt der Galerist, und ganz unberechtigt scheinen seine Befürchtungen nicht, wenn man es genau betrachtet. Der Berliner Kunstmarkt scheint durch die Innensicht bestimmt. Nur zwei Galerien, Sprüth/Magers und Michael Werner, haben jeweils noch eine Dependance in London.
Großteil ihres Umsatzes auf Messen in aller Welt
Das Gallery Weekend gibt Hoffnung, so die neueste Einschätzung zur Lage aus dem Landesverband der Berliner Galerien: „Wir gehen von einer Umsatzsteigerung der Galerien aus, der Markt entwickelt sich positiv“, so Werner Tammen, Galerist und Verbandspräsident. „Wir beobachten ein zunehmend wichtiges Kaufklientel, das in der Stadt ist und bleibt. Da hat sich definitiv etwas verändert.“
Doch auch wenn Tammen hier die langsam nachwachsende Berliner Jungsammlerschicht registriert; und wenn auch angemietete Zweitwohnungen von ihren Besitzern mit Kunst aufgewertet werden – Fakt ist, dass die kommerziell erfolgreichsten und international einflussreichsten Galeristen aus Berlin auch weiterhin nur überleben können, weil sie den Großteil ihres Umsatzes auf Messen in aller Welt machen.
Galeristin Heike Tosun sieht die Veränderung der Stadt positiv: „Berlin scheint sich gerade als Metropole selbst zu finden. Durch den konstanten Zuzug wird sie internationaler und irgendwie gleichzeitig auch normaler. Das nimmt den Druck raus.“ Andere beklagen dagegen den Verlust von Freiheiten, die mit der zunehmenden Wertabschöpfung des Innenstadtkerns einhergehen.
„Als ich 1998 nach Berlin kam, hatte die Stadt eine extreme Weite und Großzügigkeit“, sagt die Künstlerin Katja Strunz. Das habe man vor allem in den kleinen, eigentlich eher belanglosen Dingen gemerkt. Dass man in Mitte problemlos umsonst parken konnte beispielsweise. „Das Auto abstellen, im Klub feiern, irgendwann mit dem Taxi nach Hause und dann zwei Tage später wiederkommen und das Auto abholen. Diese Offenheit der Stadt geht immer mehr verloren“, so Strunz.
Ateliermieten steigen extrem
Unter den rund 9400 bildenden Künstler in Berlin zählt Strunz zum kleinen Prozentsatz der wirklich erfolgreichen. Man sieht es unter anderem daran, dass sie von der bekannten Galerie Contemporary Fine Arts vertreten und von einem Sammler wie Christian Boros gekauft wird. Trotzdem spürt auch Strunz die negativen Auswirkungen der Gentrifizierung. „Die Bedingungen in der Stadt werden schwieriger für die Künstler. Vor allem weil die Ateliermieten gerade extrem steigen“, sagt die Künstlerin.
Sie arbeitet seit acht Jahren in einem alten Gewerbegebäude westlich des Görlitzer Parks in Kreuzberg – einer begehrten Lage. So wie auch die anderen Künstler in ihrem Gebäude würde sie wohl eine Mieterhöhung nicht mitmachen, sondern aus Kreuzberg wegziehen.
Auf der anderen Seite – aber seltener – werden auch wieder neue Räume geschaffen: So hat der schottische Starkünstler Douglas Gordon, der seit einer Weile in Berlin lebt, gleich einen ganzen Gewerbehof auf der Kurfürstenstraße gekauft, komplett mit Vorder- und Hinterhaus. „Das ist kein Spekulationsobjekt“, sagt Gordon gleich zweimal während des Gesprächs. „Mir ist es einfach wichtig, dass ich von der Arbeit zu Fuß nach Hause laufen kann.“
Die Räume, die er nicht selbst nutzt, will Gordon an ein paar namhafte Berliner Künstlerkollegen vermieten, deren Namen er noch nicht gedruckt sehen will. Zudem habe er unlängst mit der schottischen Kulturministerin locker über die Idee eines Austauschprogramm für junge Künstler aus Berlin und Glasgow gesprochen. „Ich bin aus Liebe nach Berlin gekommen“, sagt er. „1999 habe ich mich bei einem Stipendium in die Stadt verliebt. Dann ging ich wieder weg. Und dann habe ich mich Jahre später in eine Frau verliebt, die in Berlin lebt, aber nicht von hier stammt, sondern in Los Angeles geboren wurde und in Tel Aviv aufwuchs. Ich finde, das sagt schon alles über die Stadt.“
Wie viele internationale Künstler, die nach Berlin ziehen, schätzt Gordon die schnodderige Gleichgültigkeit der Stadt, die man mit etwas gutem Willen auch als Offenheit und Toleranz auslegen kann. „Berlin ist wie eine Pflegefamilie für Künstler. Es gibt eine Art von ungebundener Gemeinschaft, in der sich alle ein bisschen um einander kümmern.“





