Lichtenberg

Honeckers „Fahrbereitschaft“ wird nun zum Kunstort

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Gabriela Walde

Foto: Martin U. K. Lengemann

Das Sammlerehepaar Haubrok will aus dem riesigen Areal in Lichtenberg einen lebendigen Kunstort machen. Nun werden dort gleich zwei Ausstellungen eröffnet. Doch nicht alle finden den Ort lustig.

„HONNI lebt“ hat jemand mit Kreide auf die Speisetafel gekritzelt, dort, wo früher ein halber Breuler zum Mittagstisch angepriesen wurde. Der Schriftzug ist verwischt, doch gut erkennbar. Irgendwie lebt die verblichene DDR hier auf seltsame Weise wieder auf. Zumal es Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer immer noch nach dem speziellen Reinigungsmittel riecht, das im VEB-Land zum Säubern verwendet wurde.

Um uns herum: Blümchentapeten, Neonröhren und PVC in floralem Muster. Leuten mit Retro-Ambitionen schlägt das Herz ziemlich hoch. Wir stehen mit Axel Haubrok in einer ehemaligen Kantine, mit vielen, vielen nackten Fliesen an der Wand, die Küche leer, der Essensaal leer, die diversen Anschlüsse für Strom und Gas liegen frei. Bizarr sieht das aus, fast wie eine minimalistische Installation. Eins ist klar, hier wird Kunst auf „ziemlich viel DDR-Geschichte“ stoßen, sagt Haubrok.

Zwei Ausstellungen an einem Tag

Haubrok, einer der bekannten Berliner Sammler, hat zusammen mit seiner Frau Barbara die ehemalige „Fahrbereitschaft“ des DDR-Ministerrates gekauft. Im tiefsten Lichtenberg, gefühltes Niemandsland, jedenfalls wenn man aus dem Westen der Stadt kommt. Etwas über fünf Kilometer entfernt liegt der Alex, doch den Fernsehturm kann man nicht sehen. Berlin hat viele Welten: Brache rundherum, Beton, Graffiti und Container-Tristesse, das riesige Vietnam „Dong Xuan Center“ liegt nur einige Meter entfernt von der Herzbergstraße 40 bis 43. „Frühlingswiese“ heißt das übersetzt. Dort geht Haubrok essen.

19.000 Quadratmeter misst das Areal, es soll Sitz der Haubrok-Stiftung und Kunst-Sammlung werden – und vor allem ein offener Ort für Künstler, Projekte und Gespräche, wo sich „alle wohlfühlen und zusammenarbeiten“. Pünktlich zum Start des Gallery Weekend öffnet das Ehepaar seine Fahrgemeinschaft bereits heute mit gleich zwei Ausstellungen. Neben der Dokumentation der „art & project bulletins 1968- 1989“ in der Küche wird es noch „Abstrakt“ geben.

Die reduzierten, meist spröden Werke aus der eigenen Sammlung mit Konzeptkunst gehen eine verblüffende Symbiose ein mit dem rissigen Beton an den Wänden. Dazu die mächtigen Stahlkonstruktionen über den fusseligen Sauerkrautplatten, so heißen die Dämmelemente an der Decke. Das ist Berliner Factory-Stil.

Klar, die Leute werden scharenweise zur Vernissage kommen. Berlins Kunstszene bezieht ihren Reiz immer noch aus der Improvisation, dem ewigen Dazwischen-Sein und all den urbanen Nischen, die es immer noch gibt und sich dem Mainstream entziehen. Um später oft selbst dazu zugehören. Bekanntlich suchen Künstler diese Reibeflächen, die Auseinandersetzung bedeuten.

Ob die Herzbergstraße 40-43 angenommen wird als neuer kreativer Außenposten, das wird sich zeigen. Noch muss das Bezirksamt grünes Licht geben für den dauerhaften Ausstellungsbetrieb. Haubrok bleibt aber locker: „Ich lass mich nicht unter Druck setzen. Das Konzept ändert sich täglich. Und das Areal würde sich auch allein durch das Gewerbe finanzieren.“

Zehn Atelier gibts schon, mehr sollen es noch werden. Fünf bis sechs Euro Miete pro Quadratmeter kostet die Miete. Drumherum Gewerbeeinheiten, so um die 60, die haben so gar nichts mit den Künsten zu tun: eine Reifenbude, diverse Schrauber und der Arbeitersamariterbund ist in einem Seitengebäude mit Fahrzeugen untergekommen. „KFZ Alex“ ist auch da, der muss weg. Die Autos, die da stehen, haben häufig keine Kennung.

Nicht alle finden den Ort lustig

Trotzdem ist es mutig, was Haubrok macht. Er muss ordentlich Aufbauarbeit leisten, und, das sagt er auch, nicht alle finden den Ort hipp, lustig und schon gar nicht akzeptabel. Einige Künstler mit DDR-Vergangenheit wollten auf keinen Fall einziehen, weil davon auszugehen ist, dass auch in Nr. 40-43 die Stasi ihre Posten hatte.

Hier war Hochsicherheitszone, das alte Wachhäuschen steht noch. „Nicht alle Mitarbeiter wussten, was hier eigentlich in manchen Räumlichkeiten lief“, erzählt Haubrok. Gekauft hat er das Areal von einem Privatmann, der wiederum hatte seinen Deal mit der Treuhand gemacht.

Von hier aus ließ Erich Honecker die Gäste des Klassenfeindes auf Vorzeigetour durch den Ostteil der Stadt kutschieren. Mit West-Karossen, vorzugsweise. Zu dieser von der Umgebung strikt abgeschlossenen Einheit gehörten eine Tankstelle, eine KFZ-Werkstatt, was man halt so braucht, um Autos flott zu halten.

Offenbar führten die Fahrer hier für DDR-Verhältnisse ein komfortables, ja privilegiertes Leben mit Kegelbahn, Sauna und Bar. Die ist so schick mit ihren knallroten Barhockern und den chinahütchenähnlichen Lämpchen, dass hier wohl jede Vernissage-Party zum Selbstläufer wird. Mit der Wende wurde irgendwann alles abgeschlossen, jemand ließ die Heizung an, ziemlich hochtemperiert. Deshalb sei vieles „tiptop“ erhalten.

Wir laufen mit Haubrok über den verzweigten Gewerbehof, über viel Steinschutt hinweg, überall wuseln Handwerker. Viel gefeudelt, ausgebessert und gemalert wurde hier in den letzten Wochen. Das meiste vom Interieur samt PVC aus DDR-Zeiten bleibt, „je länger wir drin sind, um so weniger wollen wir verändern“, sagt Haubrok, der das Projekt zusammen mit dem Architekten Arno Brandlhuber gesichtet hat.

Der ist gerade dabei, zwei knapp 50 Meter hohe Beton-Türme, Relikte der VEB-Elektrokohle, zu erwerben, sie liegen in Fußnähe, direkt am „Dong Xuan Center“, dort könnten einmal „Ateliers mit Werkstatt“ entstehen. Brandlhuber nennt seinen Traum das „St. Giminiano von Lichtenberg“. Und: „Uns interessiert eben die Heterogenität des Viertels.“

Mittlerweile, sagt Haubrok, „sind wir Lichtenberger geworden!“ Nun ja, das gehört dazu, wenn man eine neue Leidenschaft hat. Seiner Geliebten sagt man schließlich auch nicht, dass sie nicht die Schönste ist. „Künstler wollen nicht Schickimicki leben“, ist sich Haubrok sicher. „Wir wollen hier rau und ruppig bleiben.“

Mitte, Prenzlauer Berg, alles abgegessen als Ausstellungsorte. Seinen Showroom am Strausberger Platz hat er längst geschlossen. Was ist schon ein White Cube gegen die Realität Lichtenbergs? „So ein regelmäßiger Betrieb mit Vernissagen wurde langweilig. Ich möchte wieder mehr zu den Künstlern hin, ich war zu nah an den Galeristen dran“, sagt er. Heute wird auf jeden Fall erst einmal die Bar „made in GDR“ geöffnet.