Gallery Weekend

Cédric Aurelle - der Herr der Galerien

Cédric Aurelle ist neuer Geschäftsführer des Gallery Weekend in Berlin. Kurz vor dem Start spricht der Franzose über die Unterschiede zwischen Berlin und Paris, Kunstsinn und neue Trends.

Foto: JÖRG KRAUTHÖFER

Es gibt viele Fragen im Leben des Cédric Aurelle, die er mit „Nein“ beantwortet. Solche wie: Sind Sie ein Maler? Oder ein Galerist? Oder ein Weinkenner? Fragen, die ihm auf Vernissagen oder auch in einem französischen Lokal gestellt werden. In so einem sitzen wir gerade, im „Les climats“ in der Pohlstraße in Tiergarten, er hat es als Treffpunkt ausgewählt.

Die Regale hinter uns sind mit Weinflaschen gefüllt. Aurelle aber, der gebürtige Marseiller, nippt an einem Glas Mineralwasser und erklärt, es könne ihm passieren, dass er einen Wein aus der Bourgogne mit einem aus Bordeaux verwechsele. Überhaupt – dieses Bild, dass ein Franzose alles über Wein und gutes Essen wissen müsse. Er schüttelt den Kopf: „Ich bin ein Klischeebrecher.“

Vielleicht haben sie ihn deshalb ausgesucht. Seit fünf Monaten ist Aurelle Geschäftsführer des Gallery Weekend, das am kommenden Freitag startet, und der Kunstmesse abc. Bei Veranstaltungen wie diesen besteht immer die Gefahr, dass sie in einen Strudel aus Chaos und Stress geraten. Gerade, wenn es um Kunst und Künstler geht. Umso erstaunlicher, dass die Veranstalter sich einen Chef geholt haben, der von außen kommt.

„Das widerspricht doch dem Bild, das man im Ausland von den Deutschen hat, dass sie sich nur für Einheimische, für Leute, die sie kennen, entscheiden“, sagt er, „gerade im Kunstbereich gibt es nicht viele Ausländer in so einer Position.“ Er soll eine Art Kommunikator sein, Beziehungen pflegen, mit Politkern, Galeristen, möglichen Sponsoren. Er soll dafür sorgen, dass kurz vor den Veranstaltungen keine Hektik ausbricht. Langfristige Planung, auch das steht in seiner Stellenbeschreibung. Dafür hat eine Gruppe von Galeristen diese Position extra geschaffen.

Erstmal eine Currywurst-Pause

Was ist seine Stärke? Er lässt die Frage einen Moment lang auf sich wirken. Dann sagt er: „Ich kann unterschiedliche Menschen so zusammenbringen, dass sie miteinander arbeiten. Ich kann integrieren.“

Der 40-Jährige kommt einem erst ein bisschen spröde vor. Doch nach einer Weile kann man seinen Witz entdecken oder, um das französische Wort zu bemühen, seinen Esprit. Es passt. Ob ihm die Currywurst in Berlin schmecke, frage ich ihn. „Ich habe viel davon gegessen. Aber das letzte Mal, als ich eine gegessen habe, war ich nach zwei Stunden krank. Jetzt mache ich eine Currywurst-Pause.“ Gut, aber ein Berliner wird er so nicht, oder? „Dann wäre ich ja nicht mehr recyclebar.“

Er beherrscht die deutsche Sprache und macht das auch deutlich. Er verweigert sich dem Französischen geradezu, als ich eine Frage in seiner Muttersprache wiederholen will. Dabei brauche man in Berlin gar kein Deutsch: „Die Deutschen haben eine andere Beziehung zu ihrer Sprache. Sie gehen davon aus, dass niemand Deutsch spricht, deshalb sprechen sie auch spontan Englisch.“ Da liege der Unterschied zu Paris. Dort könne man nicht überleben, ohne ein Wort Französisch zu sprechen. Englisch sei dort keine Umgangssprache.

„Berlin lässt die Leute träumen“

„Paris“, antwortet er auf die Frage nach weiteren Unterschieden, „ist eine schöne, aber harte Stadt.“ Berlin dagegen sei cool und orientiert sich an Inhalten. Als er Freunden in Frankreich erzählt habe, dass er hierher ziehe, haben viele gesagt: „Berlin ist eine Stadt, die die Leute ein bisschen träumen lässt.“

Aurelle wuchs im französischen Departement Ardèche auf, etwa zwischen Lyon und Marseille. Die Eltern hatten eine Firma. Was für eine? Er lächelt. „Stahl-Business.“ Hört sich gut an. Reichte aber nur für einen, wie er es formuliert, mittelbürgerlichen Haushalt. „In dem Betrieb wurden Formen aus Stahl hergestellt, die später mit Beton ausgefüllt wurden.“ Benutzt wurden sie für den Ausbau des Netzes des französischen Schnellzugs TGV, bei Brücken zum Beispiel. Deutsch wurde seine erste Fremdsprache in der Schule. In den achtziger Jahren wurde das sehr gefördert, „für Leute, die ihren Kindern bessere Chancen geben wollten“. Heute dagegen würde Deutsch ein bisschen vernachlässigt.

Mit Kunst kam Aurelle erstmals in Avignon in Berührung. Aus der Sammlung Maeght, eigentlich in Saint-Paul-de-Vence beheimatet, wurden dort einige Werke gezeigt. Plastiken von Joan Miró, Figuren von Alberto Giacometti. Die Mutter fuhr hin und nahm ihn und seine Geschwister mit.

Aurelle fühlte sich zwar nicht selber zum Künstler berufen ( „Nein. Ich male wirklich nicht.“), aber immerhin entschloss er sich, Kunstgeschichte zu studieren. Und zwar an der renommierten Ecole du Louvre, die sich in den Räumen des berühmten Pariser Museums befindet. Gilt für französische Politiker die Ecole Nationale d’Administration (ENA) als begehrte Ausbildungsstätte, so ist es die Ecole du Louvre für Kulturschaffende. Der Abschluss einer der beiden Schulen öffnet viele Wege. Für Aurelle ist es der nach Berlin.

Er will den Künstler kennen, von dem er ein Bild kauft

Nach einer Ausbildung und fünf Jahren als Registrar im Centre Pompidou bewarb er sich im Außenministerium. 2007 wurde er Leiter des „Bureau des Arts Plastiques“ der französischen Botschaft in Berlin, also einer, der französische Kunst ins Ausland tragen soll.

Berlin hatte er schon in den neunziger Jahren kennengelernt, als sein Bruder hier studierte. „Er war an der TU, aber er hat vor allem Party gemacht. Ich erinnere mich noch an das E-Werk und an das Kumpelnest.“ Letzteres konnte er nicht vergessen, allein schon des Wortes wegen. „Kumpelnest“, er spricht es noch mal aus. Und ich stelle mir vor, wie er in Paris vom wilden Berlin erzählt und was für komische Namen die dort ihren Kneipen geben.

Wir stehen auf. Wollen losgehen, obwohl ich mir gut vorstellen kann, dass mein Gegenüber den frühen Nachmittag auch gern im Restaurant vertrödeln würde. Er wohne nur ein paar Meter von hier, erzählt er. Die Wohnung hat er von einem französischen Freund übernommen, der nach Paris gezogen ist und im Gegenzug dort Aurelles alte Bleibe bekommen hat. In Berlin hat er früher an der Yorckstraße gelebt, das sei kieziger gewesen, aber nun fühle er sich hier zunehmend wohl.

Die neue Wohnung sei noch total leer, eigentlich stehe nur ein Bett darin. Und Kunst? Was hat ein Mann wie er, mit diesem Job, an den Wänden hängen? Noch sei alles in Paris, sagt er, hier hingen vor allem Bilder, die er in Berlin gekauft habe, von Künstlern, die er hier kennengelernt hat. Das sei ihm wichtig, den Künstler zu kennen, etwas von seiner Biografie erfahren zu haben. „Dadurch habe ich einen besseren Zugang zu seiner Kunst.“

Galerien setzen auf intimere Atmosphäre

Er verstehe sich nicht als Sammler, betont er. „Kann Kunst glücklich machen?“ Oh, là, là! Schwierige Frage. Aurelle zögert, überlegt. „Manchmal. Wenn man gut gelaunt ist. Ich weiß es nicht.“ Und dann nach einer Weile: „Die Frage ist zu kompliziert für mich.“

Wir treten hinaus auf die laute Potsdamer Straße. Hier in Aurelles neuer Nachbarschaft ist in den letzten Jahren vieles passiert, was mit Kunst und also mit seiner Tätigkeit zu tun hat. Eine Menge Galerien haben eröffnet, aber auch Klubs und exklusive Bekleidungsgeschäfte. Sie stehen in einem merkwürdigen Gegensatz zu Ein-Euro-Discountern, Woolworth und Straßenstrich. Frauen mit prall gefüllten Plastiktüten laufen zwischen Schlipsträgern herum. Die Gegend hat Charme, aber wirkt noch unentschlossen, wie sie sich entwickeln soll. Der Billigpuff der Stadt oder ihr Künstlerviertel. Beides ist drin. Man hat das Gefühl, als würden beide Seiten sich noch im Armdrücken messen.

Aurelle führt uns in eine kleine Galerie in der Kurfürstenstraße, in einem Gebäude, das der schottische Künstler Douglas Gordon erworben hat. Noch ist alles hier leer. Eine Treppe hoch, in einem kleinen Büro, arbeiten ein paar Italiener. Aurelle wird mit großem Hallo begrüßt, Küsschen rechts und links. Und dann, es ist schon merkwürdig, unterhält sich ein Franzose mit einer Italienerin in Berlin auf Englisch. Als wir wieder draußen sind, sprechen wir darüber, was eine gute Galerie ausmacht. „Der Künstler muss Lust haben, die Räume zu bespielen.“ Ob es eine Halle oder eine Wohnung sei, hänge von der Persönlichkeit des Galeristen ab. Er bemerke eine Rückkehr zur Intimität, zu kleineren Räumen. „Es geht nicht darum, die Leute zu beeindrucken, sondern eine besondere Beziehung zur Kunst zu schaffen.“

Austausch zwischen Berlin und Paris

Im Jahre 2011 war Aurelle erst einmal nach Paris zurückgekehrt und wurde Kunstbeauftragter am Institut français. Aber Berlin verlor er nicht aus dem Blick, dieses Kapitel war noch nicht abgeschlossen. Er hatte zuvor schon einen Galerienaustausch zwischen den beiden Partnerstädten ins Leben gerufen. Pariser Galeristen zogen mit Kunst und Künstlern für einige Wochen bei ihren Berliner Kollegen ein, und umgekehrt reisten die Berliner an die Seine. „In Frankreich“, sagt Aurelle, „gehört es zur Geschichte, dass die Politik und die Institutionen immer sehr präsent waren. Kultur war die Rolle des Staates. Die Künstler waren weniger unabhängig.“

Heute gebe es aber eine neue Generation, auch von Galeristen, die sich nicht mehr so sehr an staatliche Institutionen hängen würden, die ihren Weg international fänden. Privatengagement spiele gerade in der Kunst eine immer wichtigere Rolle. „Was es in Deutschland schon immer gab“, doziert Aurelle, der sich auch auf unserer Seite des Rheins gut auskennt. „Hier gab es eine Trennung von Politik und Kunst. Das war nur in der Nazizeit anders. Aber in Deutschland gehört es schon im 19. Jahrhundert zur Tradition, dass sich das Bürgertum für Kunst engagiert.“

Wir stehen jetzt wieder an der Potsdamer Straße, an einer roten Ampel. Gehen oder stehen bleiben? In Paris bleibt kaum ein Franzose stehen. Aurelle wartet, dass es grün wird, anscheinend hat er sich mit den Bräuchen hier arrangiert. Oder? „Ich bin mehr Berliner als die Berliner, weil ich mich über Leute ärgere, die nicht bei Rot stehen bleiben.“ Ich schaue ihn ungläubig an. „War ein Scherz“, sagt er.

Die neuen Sammler kommen aus Südamerika

Ich zeige auf einen Laden, der „Gaufres chaudes“, heiße Waffeln, anbietet. Die französische Sprache sei doch sehr präsent im Berliner Straßenbild, sage ich. Er lächelt: „In Paris würde man nie das deutsche Wort ,Waffeln’ benutzen.“ Stimmt. Ein Ladenschild „Heiße Waffeln“ in der Rue de Rivoli – undenkbar.

Wir laufen in Richtung Schöneberger Ufer. „Ich habe das Gefühl, ich bin in einer Stadt, die wie ein Magnet wirkt“, sagt Aurelle. „Alle wollen nach Berlin. Nicht nur Künstler, auch Galeristen.“ Es habe sich aber etwas geändert in den letzten Jahren. „Die Künstler kommen nicht mehr nur aus materiellen Gründen hierher, um ein Studio für 200 Euro zu mieten, sondern um Karriere zu machen. Es ist nicht mehr so improvisiert.“

Und was will er selbst in den nächsten Jahren dazu beitragen? Er hat immerhin einen unbefristeten Vertrag. Natürlich, meint er, solle das Gallery Weekend noch erfolgreicher werden. Mehr Internationalität wünscht er sich. Gerade aus Südamerika kämen zunehmend potentielle Sammler. Er spüre in der Berliner Kunstszene eine Aufbruchsstimmung, auch bei den Galerien, die sehr risikofreudig seien.

Er bewundert die Architektur Berlins

Wir laufen an der „Joseph-Roth-Diele“ vorbei. Er geht hier öfter essen. Auch das Fischrestaurant „Atlantik“ und das „Café Einstein“ gehören zu den Adressen, wo man ihn antreffen kann. In welcher Sprache denkt er eigentlich, hier in Berlin? „Manchmal in Deutsch, grundsätzlich aber doch in Französisch.“ Sein Lieblingsschriftsteller sei übrigens der Deutsche W. G. Sebald. Und was liest er gerade? „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Zum zweiten Mal.“ Ohne Proust geht es eben doch nicht, fern der französischen Heimat.

Wir stehen jetzt am Schöneberger Ufer. Letzte Fotos entstehen. Aurelle zeigt auf die Neue Nationalgalerie und sagt „Mies van der Rohe“, dann auf die Philharmonie und sagt „Hans Scharoun“. Es ist ein bisschen wie in der Schule, nur dass ich ihn nicht abfrage. Er will einfach eine gewisse Bewunderung für die Architektur der Stadt ausdrücken. „Ich mag diese Gegenüberstellung der Geschichten des 20. Jahrhunderts. Zum Beispiel das Hansaviertel und dann die Karl-Marx-Allee – alles in einer Stadt. Ist das nicht toll?“

Am Ende will ich doch noch ein künstlerisches Bekenntnis hören. Wenn er ein Bild von Berlin malen würde, was würde es zeigen? „Auf jeden Fall nicht etwas, was zerstört wurde und dann versucht, wieder aufzubauen.“ Er überlegt einige Sekunden und entscheidet sich schließlich für den Teufelsberg. Warum? „Wegen des Namens.“