"Macht Kunst“

In der neuen Kunsthalle werden Beuys und Warhol zu Freunden

Tausende Menschen wollten ihre Werke in der Kunsthalle der Deutschen Bank ausstellen. Am Montag eröffnet die Ausstellung „Macht Kunst“. Die Morgenpost hat einen ersten Blick von der Empore gewagt.

Foto: Sergej Glanze

Von der längsten Schlange Berlins, von der viele diese Tage sprechen, ist nicht mehr viel zu sehen an diesem Sonntagnachmittag. Am 18. April eröffnet Unter den Linden die neue Kunsthalle der Deutschen Bank. Die hat sich dazu eine interessante Werbemaßnahme ausgedacht. „Macht Kunst“ heißt die.

Vom 5. bis zum 7. April, jeweils von 10 bis 19 Uhr, konnte jeder, der irgendetwas Hängbares unter einer Größe von zwei mal zwei Metern produziert hatte, bei der Kunsthalle eine Arbeit einreichen. Und viele waren gekommen. Sie standen vom Eingang der Halle in der Charlottenstraße rauf zu Unter den Linden lang. Mehr als einen Kilometer. Ein Erfolg also für die Strategen der Deutschen Bank. Und vielleicht auch bald für die Künstler. 344 der bisher fast zweitausend Stücke werden heute, ab zwölf Uhr, vierundzwanzig Stunden lang in der Kunsthalle ausgestellt. Die anderen Arbeiten werden vom 28. bis zum 29. April in der Alten Münze während des Gallery Weekends gezeigt. Die Besucher der Kunsthalle haben jedenfalls die Möglichkeit die ausgestellten Werke zu bewerten. Der Gewinner des Publikumspreises bekommt für ein Jahr lang ein Atelierstipendium in Höhe von 500 Euro monatlich. Und eine Fachjury vergibt drei zweiwöchige Ausstellungen im Studio der neuen Kunsthalle.

Jetzt liegen die Werke da einfach so am Boden. Von der Empore betrachtet eine wirre Landkarte, in dessen Zentrum die Schweiz liegt. Junge Männer und Frauen mit weißen Handschuhe sind damit beschäftigt, ganze Landstriche abzutragen und zwar in den Raum, in dem die Arbeiten von Montag bis Dienstag hängen werden. Aber dort hin darf noch niemand. „Kein Ausnahme“, gibt der Pressesprecher zu verstehen, „wirklich nicht“. Es hüllt sich in geheimnisvolles, vielsagendes Schweigen. So als ob hinter den Türen Unsagbares passieren würde.

Als wäre es eine Idee von Beuys

Auch René Block, der deutsche Galerist, der 1964 mit 22 seine erste Galerie in der Kurfürstenstraße eröffnete, zehn Jahre später dann die erste in Manhattan – Joseph Beuys kam damals und startete mit einer Aktion, bei der er mehrere Tage mit einem Kojoten in der Galerie verbrachte – dieser René Block will sich nicht über die Schulter schauen lassen, wie er die Bilder hängen wird.

Ein Zufall mit dem Beuys könnte man meinen. Aber durchdringt man den Charakter von „Macht Kunst“ stellt man fest, dass die Idee dazu eins zu eins von Beuys stammt. Joseph Beuys' Kunstverständnis, das er unter dem Titel „Soziale Plastik“ in mehreren Thesen verschriftlicht hat, sagt, dass jeder Mensch durch sein kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen könne. Und so heißt es weiter in einem seiner bekanntesten Statements: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“

Also auch die 46-jährige Sousan Sohi aus Steglitz. Auf schwarzen Stiefeln wartet sie, um endlich an die Reihe zu kommen. Sie wird eine der letzten sein, die eine Arbeit abgibt. Ein mittelgroßes Format hat sie mitgebracht. Eine Collage, im Zentrum eine Szene aus Cinderella, die Gebrüder Grimm haben sie uns als Aschenputtel vorgestellt. Darum ranken sich Ornamente aus Persien, ihrer Heimat. Vor einigen Jahren floh sie zusammen mit ihrem Sohn aus dem Iran. Ganz unten sind Testbilder zu erkennen, wie sie früher in der Nacht liefen, wenn kein Programm kam. Sousan Sohi sucht gerade ein Atelier, da würde es ja gut passen, wenn sie den Publikumspreis gewinnen würde. 500 Euro im Monat, damit findet man schon einen Arbeitsraum.

Dicht an dicht werden sie hängen

Nur noch drei Stunden bis zum Abgabeschluss, bis zur Hängung durch Block. Er wird die Werke nach der Petersburger Hängung arrangieren. Die heißt so, weil in der Sankt Petersburger Eremitage die Werke so angeordnet wurden. Dicht an dicht, so eng nebeneinander, dass sie fast zu einem großen Ganzen verschwimmen. Es fällt schwer, die einzelnen Positionen noch von einander zu trennen. Die Identität der Einzelkünstler verschwindet.

Betrachtet man das Konzept von „Macht Kunst“ nämlich noch einmal genauer, muss man feststellen, dass die Veranstalter von der Deutschen Bank – ob wissentlich oder unwissentlich sei jetzt dahingestellt – in einer Aktion zwei der wichtigsten künstlerischen Positionen aus der späten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusammen geführt haben. Beuys und Warhol, eine transkontinentale Freundschaft der Moderne. Auch wenn Beuys und Warhol keine wirklichen Freunde wurden, die Deutsche Bank hat es nun doch geschafft, beide Visionäre enger zusammenzuführen. Obwohl, geschätzt haben sie sich ja bis zu ihrem Tode sehr.

In der Kleidung der Kinder

Und dass Warhol immer noch aktuell ist, zeigt Christian Hansen aus Zehlendorf. Wir schauen auf sein hochglänzendes Pop-Gemälde. Eine Verneigung vor der amerikanischen Candy-Kultur. Ein zerknülltes Kaugummipapier in Acryl auf Leinwand gemalt. Beeindruckend, wie er den Faltenwurf herausgearbeitet hat. Fast Fotorealistisch. Die Schattierungen, die obszönen Farben vor dem unschuldig hellblauen Hintergrund. Das könnte auch so in der neuen Kunsthalle der Deutschen Bank hängen.

Bevor er daheim die Kleidung der Kinder wäscht, leert Hansen stets die Taschen der Hosen aus. Einmal hat er da ein Kaugummipapier gefunden. Er fotografiert es also, vergrößert den Abzug und so ist diese Arbeit entstanden. Jeder Mensch ist Künstler, sogar beim Wäschewaschen.