Den berühmtesten Buckligen der Operngeschichte verkörpert Andrzej Dobber in der nächsten Premiere an der Deutschen Oper. Verdis „Rigoletto“ zeigt den verzweifelten, um seine Tochter bangenden Hofnarren beim draufgängerischen Herzog von Mantua. Die ganze Oper ist ein musikalisch wunderbares Scheitern.

Andrzej Dobber gilt als einer der weltweit führenden Verdi-Baritöne, was einen großen Hörgenuss verspricht, aber dass er ein Vorzeige-Rigoletto ist, mag man kaum glauben. 1,90 Meter groß, von stattlicher Erscheinung, selbstbewusst – der Sänger ist kein Typ, mit dem man sich normalerweise anlegen würde. Für den Fotografen posiert er einmal auch kurz in Boxerpose, ansonsten steht er gelassen in der Opernkantine herum.

Probenzeiten ernst nehmen

Die Körperlichkeit scheint bei Dobber eine wichtige Rolle zu spielen, im Gespräch geht es in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder darum. So meint der Bariton beispielsweise, dass manche Regisseure zu schnell, zu ungeduldig mit ihren Sängern proben würden. „Eine Rolle muss sich erst langsam in den Körper einschreiben“, sagt er, „und dazu braucht es mehrere Wiederholungen.“ Ihm ist dieses Erarbeiten wichtig.

Und an der Deutschen Oper ist zu hören, dass Dobber zu den immer weniger werdenden Topsängern gehört, die tatsächlich die angesetzten Probenphasen ernst nehmen und nicht zwischendurch mal dahin, mal dahin jetten, um mehr Geld und Applaus zu verdienen. „Ich habe doch alles, was ich immer wollte“, sagt Dobber: „Gute Häuser, gute Leute, gutes Geld.“ Und dann schaut er beifallheischend. Dobber ist ein begnadeter Anekdotenerzähler und hat einen trockenen Humor.

Dobber singt an den ersten Häusern weltweit

Der Verdi-Spezialist singt längst an den ersten Häusern der Welt, ob New Yorker Met, Mailänder Scala, Pariser Opera Bastille, Londoner Covent Garden oder Mariinski-Theater in St. Petersburg. Zu seinen Paraderollen gehören Verdis „Macbeth“, „Simon Boccanegra“ und „Rigoletto“. Darüber hinaus singt er alle möglichen Partien des italienischen Opernkomponisten. Das gerade laufende Verdi-Jubiläum ist auch sein großes Jahr.

In seinem aktiven Repertoire befinden sich rund 15 Opern, die er innerhalb weniger Tage abrufen und damit jederzeit auch einspringen könnte. Allerdings plant er von sich aus nicht mehr so viele Vorstellungen pro Jahr, waren es früher 60 bis 70, sind es derzeit um die 40 Auftritte. „Wer seine Qualität behalten will, darf nicht zu viel singen“, sagt Dobber.

Engagement an der Komischen Oper in Berlin

Eigentlich hat die Karriere des Polen richtig erst in Berlin begonnen, wo er seit zwei Jahrzehnten regelmäßig singt, mittlerweile aufgeteilt zwischen Staatsoper und Deutscher Oper. Aber am Beginn stand die kleine Komische Oper. Das war 1994. Er beschreibt seine Ehrfurcht als Sänger vor der großen Felsenstein-Tradition des Hauses.

Chefregisseur Harry Kupfer hatte damals das Sagen. Der ist geschätzt mehr als einen Kopf kleiner als Dobber und bei aller Zartheit ein energisch fordernder Regisseur. Irgendwann hat Dobber ihm gesagt, dass er diese Bewegungen so nicht nachmachen kann. Es ist der Konflikt des Sängerkörpers mit einer ästhetischen Idee. Solche Ideen gibt es traditionell viele an der Komischen Oper, die sich dem modernen Regietheater verschrieben hat.

„Was meine Erfahrungen mit dem Regietheater sind? Dass man sich die Knie und den Rücken kaputt machen kann“, sagt Dobber und lacht. Er habe einfach zu viele misslungene Inszenierungen in seiner Laufbahn erlebt, und so wiegelt er irgendwann das Thema Regie ab. „Es ist zu oft einfach nur der Versuch, modisch zu sein, ohne dass es Sinn macht.“ Auf den Theaterregisseur Jan Bosse, der mit dem „Rigoletto“ an der Deutschen Oper debütiert, kommen wir nicht zu sprechen. Dobber ist auch sehr diskret.

In Nürnberg war Dobber noch ein Bass

Andrzej Dobber, der Nachname geht auf einen schwedischen Vorfahren zurück, wurde 1961 im polnischen Wiecbork (deutsch: Vandsburg) geboren. Er absolvierte in Krakau ein Klavier-, Orgel- und Gesangsstudium. Als Bass kam er an die Hochschule für Musik nach Nürnberg. Sein erstes Engagement führte ihn gleich an das Opernhaus der Stadt.

Dort regierte damals ein ganz junger Generalmusikdirektor aus Berlin: Christian Thielemann. Dobber hat ihn „unglaublich selbstsicher“ in Erinnerung. „Thielemann war für mich eine künstlerische Autorität“, sagt der Sänger: „Er war sehr streng und hat mich geradezu dressiert. Einige im Chor hatten richtig Angst vor ihm.“

Dirigenten stehen einem Sänger natürlich immer näher als Regisseure. Dobber kommt beiläufig auf fünf Dirigenten zu sprechen: Das sind Daniel Barenboim, der Berliner Generalmusikdirektor, Gary Bertini, der ihn nach Frankfurt am Main verpflichtet hatte, Wladimir Jurowski, mit dem er seinen ersten Kurwenal in Wagners „Tristan und Isolde“ beim Glyndebourne Festival gemacht hatte, Ricardo Muti, der ihm die italienische Opernwelt über die Scala eröffnet hat und natürlich Christian Thielemann.

Thielemann zeigt ihm den Weg

Dabei haben die beiden seit damals gar nicht mehr zusammengearbeitet und irgendwie gab es auch Streitigkeiten am Ende. Aber Dobber, der heute in Warschau und Hamburg lebt, bezeichnet Thielemann als einen „der wichtigsten Künstler in seinem Leben“. Der Dirigent habe ihm den Weg gezeigt. Zuerst hat er ihn zum Wechsel vom Bass zum Bariton ermuntert. Und das sei richtig gewesen, weiß Dobber heute.

Darüber hinaus hat Thielemann in ihm die Liebe zu Richard Wagner geweckt. Es klingt schon verrückt, der angesagte Verdi-Bariton träumt davon, ein großer Wagner-Sänger zu sein. „Ich wiederhole mich doch längst“, erklärt Dobber, der es offenbar überdrüssig ist, Verdi rauf und runter zu singen. Was ihm fehlt, ist Bayreuth.

Seine Schwärmerei für Wagner ist übermächtig. Der habe seine Musik „entweder mit Gott oder dem Teufel geschrieben“. Dobber will sich da nicht genau festlegen, sondern zitiert lieber Woody Allan, der einmal meinte, immer wenn er Wagner höre, verspüre er den Drang, in Polen einzumarschieren. Wagner zu singen, so viel steht fest, ist immer auch eine Frage der Körperlichkeit.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel. 34384343. „Rigoletto“ am 21. (Premiere), 24., 28., 30. April